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	<title>Irene Kasapis</title>
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	<title>Irene Kasapis</title>
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		<title>Deine fancy Nachbarn (Teil 9)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Jun 2026 06:02:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die zweite Woche beginnt mit Heimweh. In der ersten Woche hatte ich noch jeden Morgen beim Aufwachen daran gedacht, einfach zurück nach München zu fliegen. Diese Gedanken sind jetzt ruhiger geworden – aber nicht verschwunden. Sie sind ein Stockwerk tiefer gesunken, irgendwo in die Magengegend, wo sie still und beharrlich vor sich hin ziehen. Ein...</p>
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<p>Die zweite Woche beginnt mit Heimweh.</p>



<p>In der ersten Woche hatte ich noch jeden Morgen beim Aufwachen daran gedacht, einfach zurück nach München zu fliegen. Diese Gedanken sind jetzt ruhiger geworden – aber nicht verschwunden. Sie sind ein Stockwerk tiefer gesunken, irgendwo in die Magengegend, wo sie still und beharrlich vor sich hin ziehen.</p>



<p>Ein grauer Schleier liegt auf allem. Ich laufe blind durch die Straßen von Korfu, der Griechischunterricht rauscht an mir vorbei. Ich betrachte die Hausfassaden, von denen der Putz abbröckelt wie alte Haut, Fensterrahmen die sich unter Jahren von Meeresluft und Salzwind verbiegen – und dazwischen Wäscheleinen, die die Häuser miteinander verbinden wie Gedanken die man nie ausspricht. Hemden, Unterhosen, BHs flattern im Wind, so selbstverständlich öffentlich, als wäre das Privatleben hier draußen einfach Teil der Straße.</p>



<p>In meinem Rucksack macht es „Ping.&#8220;</p>



<p>Meine Tante ist in meiner Münchner Wohnung und schickt mir ein Foto. Betitelt:&nbsp;<em>Deine fancy Nachbarn.</em></p>



<p>Ich bleibe stehen.</p>



<p>Der Kontrast zwischen dem Haus vor mir – abblätternder Putz, schiefe Fenster, flatternde Unterwäsche – und dem Foto auf meinem Handy könnte nicht größer sein. Grasgrüner Rasen, mit der Nagelschere auf exakte Länge gebracht. Ein aufblasbarer Pool. Weiße Liegen im genau gleichen Abstand positioniert, als hätte jemand nachgemessen.</p>



<p>Ich schreibe zurück:&nbsp;<em>Ja, die kenn ich. Die haben auch einen Golden Retriever und einen Porsche.</em></p>



<p>Meine Tante schickt ein Lach-Emoji.</p>



<p>Ich lache nicht.</p>



<p>Etwas zieht sich in mir zusammen. Hinter meiner Sonnenbrille kämpfe ich mit Tränen – nicht wegen der Nachbarn, nicht wegen München, nicht mal wirklich wegen Korfu. Sondern wegen diesem Gefühl, das ich nicht benennen kann. Dieser Sehnsucht nach einem Zuhause, das ich schon habe, das ich selbst verlassen habe, das ich vermisse und gleichzeitig brauchte zu verlassen.</p>



<p>Ich starre aufs Meer und atme tief ein und aus.</p>



<p>Mehr kann ich im Moment nicht tun. Außer weiter die Sehnsucht im Herzen zu tragen und einen Fuß vor den anderen zu setzen.</p>
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		<title>Ich wollte nur meine Wäsche waschen (Teil 8)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen. Ich wollte nur meine Wäsche waschen. Das klingt nach einem sehr einfachen Satz. Nach einem Satz, der in einem normalen Leben ungefähr so weitergeht: Man sortiert hell und dunkel, gibt Waschmittel dazu, drückt auf Start und vergisst die...</p>
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<p><em>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.</em></p>



<p>Ich wollte nur meine Wäsche waschen.</p>



<p>Das klingt nach einem sehr einfachen Satz.</p>



<p>Nach einem Satz, der in einem normalen Leben ungefähr so weitergeht:</p>



<p>Man sortiert hell und dunkel, gibt Waschmittel dazu, drückt auf Start und vergisst die Wäsche danach für zwei Stunden in der Maschine.</p>



<p>In meinem Leben ist das natürlich selten so.</p>



<p>In meinem Leben wird aus „Ich wollte nur meine Wäsche waschen“ schnell eine kleine Versuchsanordnung zu Scham, Sprache, Grenzen, weiblicher Unsichtbarkeit und männlichen Stimmen, die zu hart in einen Raum fallen.</p>



<p>Aber der Reihe nach.</p>



<p>In meinem Apartment auf Korfu gab es eine Waschmaschine.</p>



<p>Das war einer der Gründe, warum ich dieses Apartment gebucht hatte. Vier Wochen mit Handgepäck und Sommerkleidung funktionieren nur, wenn man zwischendurch waschen kann.</p>



<p>Ich hatte also sehr erwachsen geplant.</p>



<p>Sehr praktisch.</p>



<p>Sehr vernünftig.</p>



<p>Was ich nicht eingeplant hatte:</p>



<p>dass die Putzfrau offenbar ebenfalls eine Beziehung zu dieser Waschmaschine hatte.</p>



<p>Sie hieß Maria.</p>



<p>Natürlich hieß sie Maria.</p>



<p>Ich weiß, das klingt jetzt, als hätte ich sie für eine literarische Szene erfunden. Aber manchmal liefert das Leben einem Namen, bei denen man denkt:</p>



<p>Danke, ein bisschen subtiler wäre auch gegangen.</p>



<p>Maria kam einmal die Woche.</p>



<p>Sie war klein, kräftig, schnell.</p>



<p>Eine Frau, die nicht viel Raum brauchte, um einen Raum komplett zu übernehmen.</p>



<p>Ich mochte sie sofort.</p>



<p>Und ich hatte Angst vor ihr.</p>



<p>Nicht vor ihr als Person.</p>



<p>Eher vor der Tatsache, dass sie in mein Apartment kam und sofort wusste, was zu tun war, während ich in der Ecke stand wie eine deutsche Touristin mit zu vielen Gedanken und zu wenig Griechisch.</p>



<p>Maria sprach kein Englisch.</p>



<p>Oder nur sehr wenig.</p>



<p>Ich sprach kein Griechisch.</p>



<p>Oder nur sehr wenig.</p>



<p>Unsere Kommunikation bestand also aus Lächeln, Zeigen, Nicken und diesem internationalen Theaterstück, das Menschen aufführen, wenn sie sich verständigen wollen, aber keine gemeinsame Sprache haben.</p>



<p>Sie zeigte auf den Boden.</p>



<p>Ich nickte.</p>



<p>Sie zeigte auf die Handtücher.</p>



<p>Ich nickte.</p>



<p>Sie sagte etwas auf Griechisch.</p>



<p>Ich nickte wieder.</p>



<p>Ich hatte keine Ahnung, was ich gerade bestätigt hatte.</p>



<p>Vielleicht hatte ich ihr erlaubt, das Bad zu putzen.</p>



<p>Vielleicht hatte ich einer Adoption zugestimmt.</p>



<p>Man weiß es nicht.</p>



<p>An diesem Tag wollte ich meine Wäsche waschen, bevor Maria kam.</p>



<p>Oder nachdem sie da war.</p>



<p>Oder irgendwie so, dass ich ihr nicht im Weg stand.</p>



<p>Ich wollte keine Arbeit machen.</p>



<p>Ich wollte keine Unordnung hinterlassen.</p>



<p>Ich wollte nicht diese Frau sein, die in einem hellen Apartment sitzt, schreibt, Griechisch lernt, aufs Meer schaut und dann auch noch ihre Unterwäsche in der Maschine vergisst, während eine andere Frau für Geld ihren Dreck wegmacht.</p>



<p>Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein feministisches Bewusstsein in sehr konkrete Waschmaschinenpanik verwandeln kann.</p>



<p>Ich sammelte also meine Sachen zusammen.</p>



<p>T-Shirts.</p>



<p>Unterwäsche.</p>



<p>Sportkleidung.</p>



<p>Eine Bluse, durch die ich im Griechischunterricht geschwitzt hatte.</p>



<p>Die Bluse hatte eigentlich einen eigenen Waschgang verdient.</p>



<p>Oder eine Therapie.</p>



<p>Ich stopfte alles in die Maschine.</p>



<p>Dann suchte ich das Waschmittel.</p>



<p>Es gab welches.</p>



<p>Natürlich gab es welches.</p>



<p>Dieses Apartment war gut ausgestattet. Es hatte Töpfe, Pfannen, scharfe Messer, schöne Gläser, sogar eine Zitronenpresse.</p>



<p>Ich liebe Apartments mit Zitronenpressen.</p>



<p>Sie geben einem das Gefühl, ein Mensch zu sein, der jederzeit souverän eine Vinaigrette anrühren könnte.</p>



<p>Ich bin nicht dieser Mensch.</p>



<p>Aber ich wohne gerne in seiner Nähe.</p>



<p>Ich füllte Waschmittel ein, drückte auf irgendeinen Knopf und hoffte, dass die Maschine schon wissen würde, was sie tut.</p>



<p>Maschinen wissen oft mehr als ich.</p>



<p>Kurz darauf klingelte es.</p>



<p>Maria.</p>



<p>Natürlich.</p>



<p>Ich öffnete.</p>



<p>Sie kam herein, lächelte, sagte etwas auf Griechisch und begann sofort, sich durch die Wohnung zu bewegen.</p>



<p>Nicht hektisch.</p>



<p>Aber zielgerichtet.</p>



<p>So, wie Menschen sich bewegen, die jeden Tag Wohnungen betreten, in denen andere Menschen nur vorübergehend so tun, als würden sie dort leben.</p>



<p>Ich zeigte auf die Waschmaschine.</p>



<p>„Laundry“, sagte ich.</p>



<p>Dann machte ich eine Waschbewegung mit den Händen.</p>



<p>Warum machen wir Menschen das eigentlich?</p>



<p>Als würde eine Frau, die seit Jahren Apartments putzt, nicht wissen, was eine Waschmaschine ist.</p>



<p>Maria nickte.</p>



<p>Sagte etwas.</p>



<p>Ich verstand nichts.</p>



<p>Ich nickte auch.</p>



<p>Das war unser System.</p>



<p>Es funktionierte erstaunlich schlecht.</p>



<p>Irgendwann merkte ich, dass sie die Waschmaschine benutzen wollte.</p>



<p>Für die Handtücher.</p>



<p>Oder die Bettwäsche.</p>



<p>Oder beides.</p>



<p>Ich hatte sie blockiert.</p>



<p>Mit meinen Sachen.</p>



<p>Mit meiner verschwitzten Bluse.</p>



<p>Mit meiner deutschen Planung.</p>



<p>Sofort schoss Scham in mir hoch.</p>



<p>Nicht:</p>



<p>Oh, blöd gelaufen.</p>



<p>Sondern:</p>



<p>Ich bin falsch.</p>



<p>Ich störe.</p>



<p>Ich habe es nicht verstanden.</p>



<p>Ich mache Arbeit.</p>



<p>Ich bin zu viel.</p>



<p>Es ist beeindruckend, wie schnell ein Nervensystem aus einer Waschmaschine eine Charakterdiagnose bauen kann.</p>



<p>Ich entschuldigte mich.</p>



<p>Auf Englisch.</p>



<p>Mehrfach.</p>



<p>„Sorry, sorry, I didn’t know.“</p>



<p>Maria winkte ab.</p>



<p>Sie war nicht sauer.</p>



<p>Zumindest glaube ich das.</p>



<p>Vielleicht war sie auch sauer und nur professionell.</p>



<p>Vielleicht dachte sie:</p>



<p>Diese Frau wohnt hier seit Tagen und versteht immer noch nicht, wann ich die Wäsche mache.</p>



<p>Vielleicht dachte sie gar nichts.</p>



<p>Vielleicht wollte sie einfach arbeiten.</p>



<p>Ich stand daneben und fühlte mich wie ein Hindernis mit Haaren.</p>



<p>Dann kam Nikos.</p>



<p>Nikos war, glaube ich, der Mann, der für die Apartments zuständig war.</p>



<p>Oder der Hausmeister.</p>



<p>Oder der Vermieter.</p>



<p>Oder ein Grieche, der zufällig überall auftauchte, wenn irgendetwas geregelt werden musste.</p>



<p>Auch das ist eine Figur, die es in Griechenland oft gibt:</p>



<p>ein Mann mit Schlüssel, Telefon und Meinung.</p>



<p>Er kam herein, sprach mit Maria und dann mit mir.</p>



<p>Auf Griechisch.</p>



<p>Schnell.</p>



<p>Hart.</p>



<p>Lauter, als nötig gewesen wäre.</p>



<p>Vielleicht war es gar nicht laut.</p>



<p>Vielleicht war es nur Griechisch.</p>



<p>Vielleicht war es nur männlich.</p>



<p>Vielleicht war es nur mein Körper, der keine Lust hatte, Unterschiede zu machen.</p>



<p>Seine Stimme traf mich jedenfalls sofort.</p>



<p>Nicht wie ein Gespräch.</p>



<p>Eher wie ein Gegenstand.</p>



<p>Ich spürte, wie in mir etwas dichtmachte.</p>



<p>Schultern hoch.</p>



<p>Bauch fest.</p>



<p>Atmung flach.</p>



<p>Kopf leer.</p>



<p>Dieses alte, schnelle Umschalten.</p>



<p>Nicht denken.</p>



<p>Nicht widersprechen.</p>



<p>Nicht auffallen.</p>



<p>Nur verstehen, was der Mann will.</p>



<p>Sofort.</p>



<p>Damit es nicht schlimmer wird.</p>



<p>Ich hasste das.</p>



<p>Ich hasste, dass eine Stimme reicht.</p>



<p>Dass ich fünfundvierzig Jahre alt sein kann, allein auf Korfu, in einem Apartment, das ich selbst bezahlt habe, mit eigenem Geld, eigener Reise, eigenem Leben — und trotzdem macht ein hart gesprochenes griechisches Männerwort irgendwo in mir eine Tür auf, hinter der ein kleines Mädchen sitzt.</p>



<p>Ein kleines Mädchen, das gelernt hat, Stimmen zu lesen, bevor es Sätze verstand.</p>



<p>Mein Vater konnte so sprechen.</p>



<p>Nicht immer.</p>



<p>Aber oft genug.</p>



<p>Schnell.</p>



<p>Hart.</p>



<p>Mit diesem Druck in der Stimme, der keine Frage stellte, sondern Raum nahm.</p>



<p>Und Fritz sprach Griechisch.</p>



<p>Auch das.</p>



<p>Natürlich auch das.</p>



<p>Ich weiß nicht mehr, wie seine Stimme genau klang.</p>



<p>Aber mein Körper erinnert sich an genug.</p>



<p>Nikos erklärte mir irgendetwas.</p>



<p>Vielleicht ging es um die Waschmaschine.</p>



<p>Vielleicht um die Handtücher.</p>



<p>Vielleicht um den Zeitpunkt, wann Maria kommt.</p>



<p>Vielleicht um gar nichts Dramatisches.</p>



<p>Ich verstand einzelne Wörter.</p>



<p>Oder glaubte, sie zu verstehen.</p>



<p>Mehr nicht.</p>



<p>Ich lächelte.</p>



<p>Nickte.</p>



<p>Entschuldigte mich.</p>



<p>Wieder.</p>



<p>Ich hasse dieses Lächeln.</p>



<p>Dieses weibliche Beschwichtigungslächeln.</p>



<p>Dieses:</p>



<p>Ich bin harmlos, bitte tu mir nichts.</p>



<p>Dieses:</p>



<p>Ich mache keine Umstände.</p>



<p>Dieses:</p>



<p>Ich weiß, ich bin das Problem.</p>



<p>Ich hasse es besonders, weil ich es so gut kann.</p>



<p>Nikos ging wieder.</p>



<p>Maria arbeitete weiter.</p>



<p>Die Waschmaschine lief.</p>



<p>Oder lief nicht.</p>



<p>Ich weiß es nicht mehr genau.</p>



<p>Was ich weiß:</p>



<p>Danach war ich erschöpft.</p>



<p>Nicht von der Wäsche.</p>



<p>Von der Stimme.</p>



<p>Von der Sprachlosigkeit.</p>



<p>Von der Scham.</p>



<p>Von diesem alten Reflex, sofort kleiner zu werden, wenn ein Mann hart spricht.</p>



<p>Ich setzte mich auf mein Bett.</p>



<p>Oder an den Tisch.</p>



<p>Vielleicht stand ich auch einfach nur eine Weile in der Küche und starrte auf die Zitronenpresse.</p>



<p>Manchmal weiß ich nach solchen Momenten nicht sofort, was passiert ist.</p>



<p>Mein Kopf braucht dann länger als mein Körper.</p>



<p>Der Körper ist schon im Keller.</p>



<p>Der Kopf steht noch oben und fragt:</p>



<p>War doch gar nichts, oder?</p>



<p>Doch.</p>



<p>Es war etwas.</p>



<p>Nicht, weil Nikos etwas Schlimmes getan hatte.</p>



<p>Das ist wichtig.</p>



<p>Vielleicht war er einfach nur direkt.</p>



<p>Vielleicht war er sogar freundlich, auf griechische Art.</p>



<p>Vielleicht hatte er einen stressigen Tag.</p>



<p>Vielleicht war ich nur eine weitere Touristin mit Wäscheproblem.</p>



<p>Aber mein Körper reagierte nicht auf Nikos allein.</p>



<p>Er reagierte auf eine ganze Sammlung.</p>



<p>Auf meinen Vater.</p>



<p>Auf Fritz.</p>



<p>Auf Sprache.</p>



<p>Auf Männer.</p>



<p>Auf die Jahre, in denen ich nicht wusste, dass ich Nein sagen darf.</p>



<p>Auf Situationen, in denen ich lächelte, weil ich nicht wusste, was sonst.</p>



<p>Das ist das Gemeine an alten Verletzungen.</p>



<p>Sie warten nicht auf passende Anlässe.</p>



<p>Sie nehmen, was kommt.</p>



<p>Eine Waschmaschine.</p>



<p>Eine Stimme.</p>



<p>Ein falscher Zeitpunkt.</p>



<p>Ein Mann im Türrahmen.</p>



<p>Und plötzlich ist man nicht mehr dort, wo man gerade ist.</p>



<p>Später hing meine Wäsche irgendwo im Apartment.</p>



<p>Oder Maria hatte sie aufgehängt.</p>



<p>Oder ich.</p>



<p>Ich weiß es nicht mehr.</p>



<p>Ich weiß nur noch, dass ich meine eigenen Kleidungsstücke ansah und dachte:</p>



<p>Auch das gehört zu dieser Reise.</p>



<p>Nicht nur das Meer.</p>



<p>Nicht nur das Griechischheft.</p>



<p>Nicht nur die Sandwiches und die Tuniken und die Gespräche mit Fremden.</p>



<p>Auch diese Momente, in denen ich merke, wie schnell ich verschwinde.</p>



<p>Wie schnell ich mich entschuldige.</p>



<p>Wie schwer es mir fällt, Raum einzunehmen, selbst wenn ich ihn bezahlt habe.</p>



<p>Ich wollte nur meine Wäsche waschen.</p>



<p>Und stand plötzlich wieder vor der Frage, die mich auf Korfu dauernd begleitet:</p>



<p>Wie lernt man eine Sprache, wenn der Körper bei bestimmten Stimmen aufhört zuzuhören?</p>



<p>Wie findet man Heimat in einem Land, dessen Klang einen manchmal wärmt und manchmal erschreckt?</p>



<p>Wie bleibt man erwachsen, wenn in einem drin etwas sofort wieder Kind wird?</p>



<p>Ich habe keine große Antwort.</p>



<p>Nur eine kleine.</p>



<p>Ich blieb.</p>



<p>Ich ließ die Wäsche fertig laufen.</p>



<p>Ich zog später die sauberen Sachen an.</p>



<p>Ich ging am nächsten Tag wieder raus.</p>



<p>Vielleicht ist das manchmal alles.</p>



<p>Nicht souverän reagieren.</p>



<p>Nicht mutig kontern.</p>



<p>Nicht sofort Grenzen setzen wie eine Frau aus einem Ratgeber.</p>



<p>Sondern merken:</p>



<p>Ah.</p>



<p>Da war wieder diese alte Angst.</p>



<p>Sie ist da.</p>



<p>Sie ist nicht die ganze Wahrheit.</p>



<p>Und ich bin trotzdem noch hier.</p>



<p>Mit sauberer Wäsche.</p>



<p>Auf Korfu.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Fünfzig Zentimeter Sonne (Teil 7)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/06/15/fuenfzig-zentimeter-sonne/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2026 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen. Von dem Meet-and-Mingle-Abend hatte ich eine Telefonnummer mitgenommen. So funktioniert das wohl, wenn man neue Leute kennenlernen will. Man geht irgendwo hin, sitzt an einem Tisch mit Fremden, isst gebackenen Feta, hört Geschichten über griechische Familien, Immobilienpreise und...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.</em></p>



<p>Von dem Meet-and-Mingle-Abend hatte ich eine Telefonnummer mitgenommen.</p>



<p>So funktioniert das wohl, wenn man neue Leute kennenlernen will.</p>



<p>Man geht irgendwo hin, sitzt an einem Tisch mit Fremden, isst gebackenen Feta, hört Geschichten über griechische Familien, Immobilienpreise und verstorbene Ehemänner — und am Ende hat man plötzlich eine Nummer im Handy.</p>



<p>Ich war ein bisschen stolz auf mich.</p>



<p>Nicht sehr.</p>



<p>Aber genug, um mir innerlich eine kleine Medaille anzustecken.</p>



<p>Mit Stella hatte ich mich für Samstag zum Kaffeetrinken verabredet.</p>



<p>Ich war aufgeregt.</p>



<p>Klopfendes Herz, der ganze Quatsch.</p>



<p>Als ich zum Treffpunkt ging, musste ich innerlich über mich selbst lachen.</p>



<p>Es ist ja kein Date, Irene.</p>



<p>Es ist nur Kaffee.</p>



<p>Aber vielleicht ist „nur Kaffee“ manchmal auch nicht so harmlos, wie es klingt.</p>



<p>Vor allem nicht, wenn man alleine auf Korfu ist und sich plötzlich wieder in dieser alten Situation befindet:</p>



<p>Ein neuer Mensch.</p>



<p>Ein neuer Tisch.</p>



<p>Ein neues Gespräch.</p>



<p>Eine neue Möglichkeit, falsch zu sein.</p>



<p>Wir trafen uns in Garitsa, einem ruhigeren Stadtteil von Korfu-Stadt.</p>



<p>Am Vormittag hatte es geregnet. Die Luft war noch frisch, die Steine dunkler als sonst, und das Meer sah aus, als hätte es kurz beschlossen, weniger Postkartenmotiv und mehr echtes Wetter zu sein.</p>



<p>Während unseres Treffens kam die Sonne raus.</p>



<p>Natürlich wollten wir in die Sonne.</p>



<p>Wir sind ja beide deutsch genug, um Sonnenlicht nicht einfach ungenutzt vorbeiziehen zu lassen.</p>



<p>Also rückten wir unseren kleinen runden Marmortisch die entscheidenden fünfzig Zentimeter in Richtung Licht.</p>



<p>Fünfzig Zentimeter.</p>



<p>Nicht auf die Straße.</p>



<p>Nicht in eine Einfahrt.</p>



<p>Nicht in eine andere Zeitzone.</p>



<p>Nur ein bisschen mehr Sonne.</p>



<p>Sofort kam die griechische Bedienung herbei.</p>



<p>„You must sit here“, sagte sie und zeigte auf einen anderen Tisch.</p>



<p>Im Schatten.</p>



<p>Wohlgemerkt.</p>



<p>Einen Tisch, der sich ungefähr fünfzig Zentimeter von unserem entfernt befand.</p>



<p>Stella sah mich an.</p>



<p>Ich sah Stella an.</p>



<p>Dann fing sie an zu lachen.</p>



<p>Ich auch.</p>



<p>Wir setzten uns brav um.</p>



<p>Völlig sinnlos.</p>



<p>Aber hey — Griechenland.</p>



<p>Vielleicht ist das auch eine Form von Ankommen:</p>



<p>zu akzeptieren, dass manche Regeln nicht erklärt werden.</p>



<p>Sie sind einfach da.</p>



<p>Wie Schlaglöcher, Öffnungszeiten oder Männer, die auf Motorrollern ohne Helm durch enge Gassen fahren und dabei aussehen, als hätten sie persönlich mit dem Tod einen Sondervertrag abgeschlossen.</p>



<p>Wir bestellten Kaffee.</p>



<p>Auf Englisch natürlich.</p>



<p>Ich war noch nicht bereit, mein gesamtes Selbstwertgefühl an einem Cappuccino zu riskieren.</p>



<p>Stella erzählte sofort.</p>



<p>Von ihrer Wohnung auf Korfu.</p>



<p>Von dem Handwerker, der an diesem Morgen bei ihr gewesen war, um die Fenster abzudichten.</p>



<p>„Er spricht kein Englisch, kein Deutsch“, sagte sie, „aber er weiß genau, was er tut. Das reicht.“</p>



<p>Ich mochte diesen Satz.</p>



<p>Vielleicht, weil ich gerade so viel Zeit damit verbrachte, nicht zu wissen, was ich tat.</p>



<p>Stella hatte sich eine Wohnung auf Korfu gekauft.</p>



<p>Nicht, weil sie reich war, wie sie mir erklärte.</p>



<p>Sie hatte ihre Lebensversicherung aufgelöst.</p>



<p>Für eine Wohnung auf einer griechischen Insel.</p>



<p>Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das wäre.</p>



<p>Eine Versicherung, die eigentlich für später gedacht ist, in Beton, Fenster, Schlüssel und Meerluft zu verwandeln.</p>



<p>Sicherheit gegen Ort tauschen.</p>



<p>Zukunft gegen Gegenwart.</p>



<p>Vernünftig klingt das nicht.</p>



<p>Aber vielleicht ist Vernunft auch nicht immer der Maßstab, wenn Menschen irgendwohin wollen.</p>



<p>Stella hatte eine Gabe, die mir fremd und vertraut zugleich vorkam.</p>



<p>Sie kam überall mit Menschen ins Gespräch.</p>



<p>Beim Einkaufen.</p>



<p>Beim Warten.</p>



<p>Beim Nichtstun.</p>



<p>Aus einem kleinen Satz wurde bei ihr ein Kontakt.</p>



<p>Aus einem Kontakt wurde ein Handwerker.</p>



<p>Der Handwerker kannte einen Gärtner.</p>



<p>Der Gärtner kannte eine Vermieterin.</p>



<p>Die Vermieterin kannte jemanden, der jemanden kannte.</p>



<p>So spinnt sich ein Netz.</p>



<p>Nicht durch Strategie.</p>



<p>Nicht durch Networking.</p>



<p>Nicht durch „Lass uns mal connecten“.</p>



<p>Sondern durch dieses beiläufige Sich-Einlassen auf Menschen, das mir manchmal wie eine Superkraft vorkommt.</p>



<p>Ich kann das auch.</p>



<p>Theoretisch.</p>



<p>Ich kann mit Menschen reden.</p>



<p>Ich kann offen sein.</p>



<p>Ich kann zuhören.</p>



<p>Ich kann schnell sehr nah werden, wenn der andere Mensch ebenfalls eine Tür offen stehen lässt.</p>



<p>Aber es kostet mich etwas.</p>



<p>Und ich merke immer genauer, dass nicht jede Verbindung, die möglich ist, auch eine Verbindung ist, die ich brauche.</p>



<p>Ich erzählte Stella von München.</p>



<p>Von meinen gesunden Beziehungen.</p>



<p>Von meinem sozialen Umfeld.</p>



<p>Von meinen Buchclub-Mädels, meinen Bootcamp-Mädels, meinen Ehrenamt-Mädels, meinen Autorinnen-Kolleginnen.</p>



<p>Von dem Stolz, den ich darauf habe.</p>



<p>Und davon, wie lange es gedauert hat, das aufzubauen.</p>



<p>Ich sagte das nicht, um München zu verteidigen.</p>



<p>Oder vielleicht doch.</p>



<p>Vielleicht verteidigte ich es vor mir selbst.</p>



<p>Weil ein Teil von mir ja immer noch gerne glaubt, woanders wäre alles leichter.</p>



<p>Woanders wäre ich offener.</p>



<p>Woanders würde ich einfach dazugehören.</p>



<p>Woanders müsste ich nicht so lange brauchen, bis aus Menschen Beziehungen werden.</p>



<p>Stella hörte zu.</p>



<p>Nickte.</p>



<p>Und sagte dann, fast beiläufig:</p>



<p>„Ich fliehe lieber. Im Winter nach Thailand, im Sommer hierher.“</p>



<p>Da war er.</p>



<p>Der Satz.</p>



<p>Nicht laut.</p>



<p>Nicht dramatisch.</p>



<p>Aber er fiel zwischen uns auf den Tisch wie ein kleiner Stein.</p>



<p>Ich hatte das schon gespürt.</p>



<p>Schon am Meet-and-Mingle-Abend hatte ich diesen siebten Sinn gehabt — dass da jemand am Tisch sitzt, der vor irgendetwas wegläuft.</p>



<p>Ich kann das manchmal riechen.</p>



<p>Vielleicht, weil ich es selbst so gut kenne.</p>



<p>Nicht dieses konkrete Leben.</p>



<p>Nicht Thailand im Winter und Korfu im Sommer.</p>



<p>Aber die Bewegung.</p>



<p>Das Weg.</p>



<p>Das Vielleicht-dort.</p>



<p>Das Woanders.</p>



<p>Die Hoffnung, dass man sich an einem anderen Ort weniger selbst im Weg steht.</p>



<p>Ich kenne diese Hoffnung sehr gut.</p>



<p>Zu gut.</p>



<p>Deshalb machte mir der Satz keine Angst.</p>



<p>Er machte mich weich.</p>



<p>Und vorsichtig.</p>



<p>Denn Flucht sieht von außen manchmal aus wie Freiheit.</p>



<p>Sonnenlicht.</p>



<p>Wohnung auf Korfu.</p>



<p>Kaffee in Garitsa.</p>



<p>Handwerker, die wissen, was sie tun.</p>



<p>Winter in Thailand.</p>



<p>Sommer in Griechenland.</p>



<p>Ein Leben, das andere Menschen vielleicht beneiden.</p>



<p>Aber wenn man genau hinhört, hört man manchmal das Geräusch darunter.</p>



<p>Das Nichtbleibenkönnen.</p>



<p>Das Immerweiter.</p>



<p>Das Leise:</p>



<p>Hier auch nicht.</p>



<p>Vielleicht war ich ungerecht.</p>



<p>Vielleicht hatte Stella einfach ein Leben gewählt, das zu ihr passte.</p>



<p>Vielleicht war „fliehen“ für sie gar kein trauriges Wort.</p>



<p>Vielleicht war es ehrlich.</p>



<p>Und Ehrlichkeit ist ja manchmal schöner als jede Selbstoptimierungsformel.</p>



<p>Auf dem Rückweg dachte ich lange über unser Treffen nach.</p>



<p>Es war ein schöner Nachmittag gewesen.</p>



<p>Stella war interessant.</p>



<p>Offen.</p>



<p>Unkompliziert.</p>



<p>Eine Frau mit Geschichten, Mut, Sonne im Gesicht und einer Wohnung auf Korfu, für die sie etwas riskiert hatte.</p>



<p>Und trotzdem merkte ich, wie sich etwas in mir sortierte.</p>



<p>Neue Menschen kennenlernen ist wie kleine Medaillen sammeln, die man sich ans Revers steckt.</p>



<p>Schön anzuschauen.</p>



<p>Jede mit ihrer eigenen Geschichte.</p>



<p>Jede ein Beweis:</p>



<p>Schau, ich kann das.</p>



<p>Ich bin offen.</p>



<p>Ich bin unterwegs.</p>



<p>Ich bin jemand, dem Dinge passieren.</p>



<p>Aber ich brauche keine Sammlung.</p>



<p>Ich brauche Beziehungen, die wachsen.</p>



<p>Die sich erinnern.</p>



<p>Die wiederkommen.</p>



<p>Die tiefer werden.</p>



<p>Menschen, die nicht nur eine gute Geschichte mitbringen, sondern irgendwann auch wissen, wie ich meinen Kaffee trinke.</p>



<p>Menschen, mit denen ich nicht jedes Mal wieder von vorne anfangen muss.</p>



<p>Menschen, bei denen ein Satz ausreicht, weil zehn Jahre darunterliegen.</p>



<p>Vielleicht ist das auch ein Grund, warum mir München fehlt.</p>



<p>Nicht, weil München immer leicht ist.</p>



<p>München ist nicht leicht.</p>



<p>München ist teuer, eng, manchmal kalt, manchmal so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man darin verschwinden kann.</p>



<p>Aber in München habe ich mir etwas aufgebaut.</p>



<p>Langsam.</p>



<p>Nicht spektakulär.</p>



<p>Nicht instagrammable.</p>



<p>Kein Meerblick.</p>



<p>Keine Wohnung auf einer Insel.</p>



<p>Keine Handwerker, die über drei Ecken empfohlen werden.</p>



<p>Aber Menschen.</p>



<p>Verlässlichkeit.</p>



<p>Wiederholung.</p>



<p>Ein Netz, das nicht aus Zufall entstanden ist, sondern aus Zeit.</p>



<p>Vielleicht hatte ich vor dieser Reise gedacht, ich müsse auf Korfu herausfinden, ob ich woanders mehr ich sein kann.</p>



<p>An diesem Nachmittag in Garitsa verstand ich etwas anderes:</p>



<p>Ich bin nicht mehr die Frau, die überall neu anfangen muss.</p>



<p>Vielleicht will ich das gar nicht mehr.</p>



<p>Vielleicht darf ich bleiben wollen.</p>



<p>Nicht für immer.</p>



<p>Nicht als großes Versprechen.</p>



<p>Aber als Richtung.</p>



<p>Als Wunsch.</p>



<p>Als leise Erkenntnis zwischen zwei Tischen, von denen einer fünfzig Zentimeter mehr Sonne gehabt hätte.</p>



<p>Ich ging zurück durch Garitsa.</p>



<p>Das Meer lag neben mir.</p>



<p>Nicht dramatisch.</p>



<p>Nicht heilend.</p>



<p>Einfach da.</p>



<p>Ich dachte an Stella.</p>



<p>An Thailand.</p>



<p>An Korfu.</p>



<p>An München.</p>



<p>An meine Menschen.</p>



<p>Und daran, dass Heimat vielleicht nicht dort beginnt, wo alles leicht wird.</p>



<p>Sondern dort, wo man nicht mehr ständig beweisen muss, dass man auch anderswo leben könnte.</p>
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		<item>
		<title>Ein Tisch voller Anderswo (Teil 6)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/06/13/ein-tisch-voller-anderswo/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 14:25:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen. Ich weiß nicht genau, was mich geritten hat, mich für einen Meet-and-Mingle-Abend anzumelden. Wahrscheinlich derselbe Teil von mir, der manchmal glaubt, man müsse im Ausland unbedingt neue Menschen kennenlernen, weil das sonst nicht als richtige Reise zählt. Dieser...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.</em></p>



<p>Ich weiß nicht genau, was mich geritten hat, mich für einen Meet-and-Mingle-Abend anzumelden.</p>



<p>Wahrscheinlich derselbe Teil von mir, der manchmal glaubt, man müsse im Ausland unbedingt neue Menschen kennenlernen, weil das sonst nicht als richtige Reise zählt.</p>



<p>Dieser Teil von mir trägt vermutlich Leinen, sagt Sätze wie „Ich bin offen für Begegnungen“ und hat keine Angst vor Gruppentischen.</p>



<p>Ich hingegen habe Angst vor Gruppentischen.</p>



<p>Nicht dramatisch.</p>



<p>Aber genug, um vorher zu überlegen, ob ich vielleicht plötzlich krank werde.</p>



<p>Oder ob es nicht völlig reicht, dass ich heute schon Griechisch gelernt, Essen besorgt und mich nicht verlaufen habe.</p>



<p>Man muss seine sozialen Kapazitäten ja nicht unnötig herausfordern.</p>



<p>Aber dann ging ich doch.</p>



<p>Natürlich ging ich.</p>



<p>Weil ich mich angemeldet hatte.</p>



<p>Weil ich neugierig war.</p>



<p>Und weil ich inzwischen gelernt habe, dass mein Leben manchmal genau dort weitergeht, wo ich eigentlich lieber absagen würde.</p>



<p>Der Abend fand in einem Restaurant in der Altstadt statt.</p>



<p>Ich kam an, sah den Tisch, sah die Menschen, sah, dass ich niemanden kannte, und mein inneres System öffnete sofort ungefähr sieben Tabs gleichzeitig.</p>



<p>Wo sitze ich?</p>



<p>Wen begrüße ich zuerst?</p>



<p>Muss ich alle umarmen?</p>



<p>Warum sind alle schon im Gespräch?</p>



<p>Ist das hier ein Fehler?</p>



<p>Kann ich noch gehen?</p>



<p>Ich blieb.</p>



<p>Alle waren älter als ich.</p>



<p>Weitaus älter.</p>



<p>Fast alle wohnten auf Korfu.</p>



<p>Ich war eindeutig die Jüngste am Tisch, was ich erst nach einer Weile bemerkte. Vielleicht, weil ich innerlich so beschäftigt damit war, nicht wie jemand auszusehen, der gerade zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig zu einem Meet-and-Mingle-Abend gegangen ist.</p>



<p>Maureen aus Irland hatte schon ein paar Gläser Wein intus und erzählte laut und mit großen Gesten von ihrem verstorbenen Ehemann und dessen griechischer Familie.</p>



<p>„And let me tell you“, rief sie in die Runde, „Greeks don’t make it easy for you. But once they accept you — once they really accept you — there’s nothing like it.“</p>



<p>Sie lachte dazu so herzlich, dass ich nicht anders konnte als mitzulachen.</p>



<p>Ich mochte sie sofort.</p>



<p>Nicht, weil ich alles verstand.</p>



<p>Je später der Abend wurde, desto mehr verwandelte sich ihr Englisch in Irisch, und Irisch ist, wie ich an diesem Abend lernte, eine eigene Herausforderung für mein ohnehin schon überlastetes Sprachzentrum.</p>



<p>Aber Maureen hatte diese Art von Wärme, die nicht fragt, ob sie eintreten darf.</p>



<p>Sie ist einfach da.</p>



<p>Groß.</p>



<p>Laut.</p>



<p>Mit Rotwein in der Stimme.</p>



<p>Und einer Trauer, die nicht versteckt war, sondern mit am Tisch saß.</p>



<p>Vielleicht erkannte ich sie deshalb.</p>



<p>Peter aus Neuseeland saß ebenfalls dort.</p>



<p>Er hatte sich ein Haus im Norden von Korfu gekauft.</p>



<p>„It reminds me of New Zealand“, erklärte er mir, „the way it looked when I was a child. Before everything changed.“</p>



<p>Ich fand diesen Satz schön.</p>



<p>Und traurig.</p>



<p>Dass Menschen Orte suchen, die sie an andere Orte erinnern, bevor diese anderen Orte sich verändert haben.</p>



<p>Vielleicht ist Heimat manchmal gar nicht der Ort selbst.</p>



<p>Vielleicht ist Heimat eine alte Version von etwas.</p>



<p>Ein Licht.</p>



<p>Ein Hügel.</p>



<p>Ein Geruch.</p>



<p>Eine Landschaft, die dem Körper sagt:</p>



<p>Das kenne ich.</p>



<p>Auch wenn es nicht stimmt.</p>



<p>Peter lernte, so wie ich, Griechisch.</p>



<p>Ich erzählte ihm, dass ich darauf wartete, dass sich irgendwann ein Schalter in meinem Kopf umlegt und ich plötzlich alles verstehe.</p>



<p>Er schüttelte den Kopf und lächelte.</p>



<p>„It won’t be a switch“, sagte er.</p>



<p>„It’ll be more like a screw. Turning. Very. Slowly.“</p>



<p>Das fand ich sehr tröstlich.</p>



<p>Nicht schön.</p>



<p>Aber tröstlich.</p>



<p>Ein Schalter klingt nach Erlösung.</p>



<p>Einmal klicken, und alles ist hell.</p>



<p>Eine Schraube klingt nach Arbeit.</p>



<p>Nach kleinen Bewegungen.</p>



<p>Nach Geduld.</p>



<p>Nach sehr viel weniger Instagram-tauglicher Transformation.</p>



<p>Also vermutlich realistischer.</p>



<p>Elaine aus Wales hatte einen Griechen geheiratet und sprach perfekt Griechisch.</p>



<p>Sie war sehr nett zu mir.</p>



<p>So nett, wie Menschen manchmal sind, die wissen, wie es ist, von außen in eine Sprache, eine Familie, ein Land hineinzuwachsen.</p>



<p>Der Besitzer des Restaurants kannte ihren Mann. Die beiden waren vor dreißig Jahren Geschäftspartner mit einem gemeinsamen Restaurant gewesen. Er erkannte Elaine sofort wieder.</p>



<p>Was sie mir viermal an diesem Abend erzählte.</p>



<p>Weil auch sie dem Wein kräftig zugesprochen hatte.</p>



<p>Ich hörte es mir viermal an.</p>



<p>Manchmal ist Wiederholung der Preis für Gesellschaft.</p>



<p>Und manchmal ist sie auch rührend.</p>



<p>Da sitzt eine Frau an einem Tisch auf Korfu und erzählt immer wieder dieselbe Geschichte:</p>



<p>Ich wurde erkannt.</p>



<p>Nach dreißig Jahren.</p>



<p>Jemand weiß noch, wer ich bin.</p>



<p>Vielleicht erzählen wir alle die Geschichten öfter, in denen wir uns kurz nicht verloren fühlen.</p>



<p>Später kam noch eine Frau aus Hamburg dazu, die eine Freundin auf Korfu besuchte.</p>



<p>Die Themen wanderten.</p>



<p>Von Immobilienpreisen über Häuser im Norden, griechische Familien, Handwerker, Sprache, Wetter, Bürokratie, bis fast an Verschwörungstheorien heran, dank Maureen, die mit jedem Glas Wein mutiger wurde und sprachlich weiter in Richtung Irland driftete.</p>



<p>Ich saß da und hörte zu.</p>



<p>Manchmal sagte ich etwas.</p>



<p>Manchmal nicht.</p>



<p>Ich war gleichzeitig müde und wach.</p>



<p>Fremd und dabei.</p>



<p>Es ist ein seltsames Gefühl, an einem Tisch zu sitzen, an dem alle irgendwie von woanders kommen und trotzdem mehr von diesem Ort wissen als man selbst.</p>



<p>Sie kannten Handwerker.</p>



<p>Vermieter.</p>



<p>Restaurantbesitzer.</p>



<p>Straßen, die ich noch nie gehört hatte.</p>



<p>Dörfer im Norden.</p>



<p>Regeln, die keine offiziellen Regeln waren, aber offenbar trotzdem galten.</p>



<p>Sie wussten, welcher Grieche zuverlässig ist und welcher nur so tut.</p>



<p>Sie wussten, wo man etwas kauft, wen man fragt, wem man besser nicht glaubt.</p>



<p>Sie hatten sich Netze gebaut.</p>



<p>Oder waren in Netze hineingeraten.</p>



<p>Ich dagegen kannte den Weg zum Supermarkt.</p>



<p>Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern.</p>



<p>Immerhin.</p>



<p>Irgendwann fragte mich jemand, warum ich hier sei.</p>



<p>Ich sagte:</p>



<p>Griechisch lernen.</p>



<p>Das war die kurze Version.</p>



<p>Die lange Version hätte den Abend vermutlich gesprengt.</p>



<p>Ich sagte nicht:</p>



<p>Weil mein Vater tot ist.</p>



<p>Ich sagte nicht:</p>



<p>Weil ich diese Sprache nie gelernt habe, obwohl sie zu meiner Familie gehört.</p>



<p>Ich sagte nicht:</p>



<p>Weil ich wissen will, ob ich mich in Griechenland fremder oder weniger fremd fühle als in München.</p>



<p>Ich sagte nicht:</p>



<p>Weil ich vielleicht dachte, hier würde sich etwas in mir lösen.</p>



<p>Ich sagte einfach:</p>



<p>Griechisch lernen.</p>



<p>Alle nickten.</p>



<p>Das war schön.</p>



<p>Niemand fragte nach einer psychologischen Langfassung.</p>



<p>Manchmal liebe ich Small Talk dafür, dass er die Tür nicht ganz aufmacht.</p>



<p>Spät am Abend, kurz nach zehn, machte ich mich auf den Heimweg.</p>



<p>Korfu-Stadt sah plötzlich anders aus.</p>



<p>Tagsüber quellen die kleinen Geschäfte in die Gassen. Kleider, Schwämme, Olivenholz, Schmuck, Postkarten, Hüte, Taschen. Alles steht offen, alles will gesehen werden.</p>



<p>Jetzt waren die Türen geschlossen.</p>



<p>Eiserne Gitter heruntergezogen.</p>



<p>Die Gassen enger.</p>



<p>Dunkler.</p>



<p>Mein sonst üblicher Weg — an den Traumfängern vorbei, dann rechts — erschien mir plötzlich komplett fremd.</p>



<p>Ich musste Google Maps benutzen.</p>



<p>Für wenige Meter.</p>



<p>Das war mir peinlich.</p>



<p>Natürlich war es mir peinlich.</p>



<p>Ich war doch inzwischen fast eine Frau von hier.</p>



<p>Also ungefähr.</p>



<p>Für vier Wochen.</p>



<p>Mit Apartment und Lieblingssandwich.</p>



<p>Aber nachts reichte das nicht.</p>



<p>Nachts war die Stadt wieder fremd.</p>



<p>Ich lief durch die Gassen, folgte dem blauen Punkt auf meinem Handy und dachte daran, wie schnell Zugehörigkeit kippen kann.</p>



<p>Am Nachmittag weißt du noch, wo du bist.</p>



<p>Am Abend ist dasselbe Viertel eine andere Sprache.</p>



<p>Als ich endlich auf meinem vertrauten Platz stand, atmete ich auf.</p>



<p>Metropolis Square.</p>



<p>Mein Hood.</p>



<p>Für jetzt.</p>



<p>Ich schloss die Haustür auf, ging die Treppe hoch und fiel ins Bett.</p>



<p>Das war ein schöner Abend, dachte ich.</p>



<p>Nicht, weil ich jetzt neue beste Freunde hatte.</p>



<p>Nicht, weil ich plötzlich angekommen war.</p>



<p>Nicht, weil ich in eine Gruppe aufgenommen worden wäre.</p>



<p>Sondern weil ich an einem Tisch gesessen hatte, an dem alle auf ihre Weise versuchten, irgendwo zu sein.</p>



<p>Maureen mit ihrer lauten Trauer.</p>



<p>Peter mit seinem Neuseeland im Norden von Korfu.</p>



<p>Elaine mit ihrer wiedererkannten Vergangenheit.</p>



<p>Die Frau aus Hamburg mit ihrer Freundin.</p>



<p>Und ich mit meinem Griechischheft, meinem Vater im Gepäck und dem Wunsch, nicht immer nur zwischen allem zu stehen.</p>



<p>Vielleicht ist das schon viel.</p>



<p>Ein Abend.</p>



<p>Ein Tisch.</p>



<p>Ein paar Namen.</p>



<p>Ein Satz über eine Schraube, die sich langsam dreht.</p>



<p>Und der Heimweg durch eine Stadt, die mir tagsüber vertraut war und nachts wieder zeigte, dass ich hier nur zu Besuch bin.</p>



<p>Noch.</p>



<p>Oder immer.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Fehler in Hellblau (Teil 5)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/06/12/fehler-in-hellblau/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 12:51:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In der nächsten Griechischstunde sollte ich fünf Sätze sagen. Fünf Dinge, die ich mag. Fünf Dinge, die ich nicht mag. Das klingt nach einer Übung aus einem Sprachkurs für Anfängerinnen. Ist es auch. Und gleichzeitig ist es natürlich eine Zumutung. Denn sobald mich jemand fragt, was ich mag, vergesse ich alles, was ich je gemocht...</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>In der nächsten Griechischstunde sollte ich fünf Sätze sagen.</p>



<p>Fünf Dinge, die ich mag.</p>



<p>Fünf Dinge, die ich nicht mag.</p>



<p>Das klingt nach einer Übung aus einem Sprachkurs für Anfängerinnen.</p>



<p>Ist es auch.</p>



<p>Und gleichzeitig ist es natürlich eine Zumutung.</p>



<p>Denn sobald mich jemand fragt, was ich mag, vergesse ich alles, was ich je gemocht habe.</p>



<p>Musik?<br>Essen?<br>Menschen?<br>Wetter?<br>Existenz?</p>



<p>Keine Ahnung.</p>



<p>Bitte stellen Sie mir eine Multiple-Choice-Frage.</p>



<p>Am Nachmittag davor hatte ich sehr lange in einem kleinen Park neben der Alten Festung gesessen. Ich hatte wieder ein Sandwich aus meinem nicht mehr geheimen Geheimtipp-Laden gegessen, gelesen und so getan, als wäre ich eine entspannte Frau auf einer griechischen Insel.</p>



<p>In der letzten halben Stunde fiel mir ein, dass ich vielleicht meine Hausaufgaben machen sollte.</p>



<p>Schließlich war ich ja nicht nur hier, um auf Bänken zu sitzen und Sandwiches zu essen, obwohl ich finde, dass das als Lebensinhalt durchaus unterschätzt wird.</p>



<p>Ich war hier, um Griechisch zu lernen.</p>



<p>Also holte ich mein Heft raus.</p>



<p>Ich googelte zwei, drei Wörter und hielt mich an extrem einfache Sätze.</p>



<p>Ich mag Musik.</p>



<p>Ich mag die Musik von Harry Styles.</p>



<p>Ich mag Kaffee.</p>



<p>Ich mag das Meer.</p>



<p>Ich mag Ruhe.</p>



<p>Bei den Dingen, die ich nicht mag, wurde es leichter.</p>



<p>Ich mag keine großen Menschenmengen.</p>



<p>Ich mag keine lauten Stimmen.</p>



<p>Ich mag keine Hitze, wenn mein Körper gerade beschlossen hat, aus Prinzip aufzugeben.</p>



<p>Ich mag es nicht, wenn ich mich dumm fühle.</p>



<p>Diesen letzten Satz schrieb ich natürlich nicht auf.</p>



<p>So weit war mein Griechisch noch nicht.</p>



<p>Stolz las ich meiner Lehrerin am nächsten Tag meine Sätze vor.</p>



<p>Sie nickte erstmal nur.</p>



<p>Dieses Nicken von Lehrerinnen, bei dem man nie weiß:</p>



<p>Nickt sie, weil es gut ist?</p>



<p>Oder nickt sie, weil sie innerlich schon eine kleine Liste meiner Fehler erstellt?</p>



<p>Dann stellte sie sich neben mich, schaute auf mein Heft und begann, mit hellblau in meinen Sätzen herumzukorrigieren.</p>



<p>Hellblau.</p>



<p>Nicht rot.</p>



<p>Das fand ich sofort tröstlich.</p>



<p>Rot hätte sich angefühlt wie Schule. Wie Fehler. Wie falsch. Wie: Setzen, Irene, sechs.</p>



<p>Hellblau fühlte sich an wie:</p>



<p>Fast.</p>



<p>Versuch es nochmal.</p>



<p>Hier fehlt etwas.</p>



<p>Da sitzt ein Wort falsch.</p>



<p>Aber es ist nichts Schlimmes passiert.</p>



<p>Ich hatte natürlich viele Fehler gemacht.</p>



<p>Wie auch nicht?</p>



<p>Ich hatte eine Sprache, die ich jahrzehntelang eher umkreist als betreten hatte, mit einem Kugelschreiber aufs Papier gezwungen.</p>



<p>Dass sie dabei nicht sofort elegant aussah, war eigentlich zu erwarten.</p>



<p>Trotzdem spürte ich diesen alten Reflex.</p>



<p>Dieses innere Zusammenzucken, wenn jemand korrigiert.</p>



<p>Nicht, weil meine Lehrerin streng war.</p>



<p>Sie war das Gegenteil.</p>



<p>Geduldig, freundlich, klar.</p>



<p>Aber mein Körper ist manchmal ein schlechter Historiker.</p>



<p>Er verwechselt Gegenwart mit Vergangenheit.</p>



<p>Er hört eine Korrektur und sucht sofort nach Gefahr.</p>



<p>Dabei stand da nur eine Frau neben mir und schrieb mit hellblau in mein Heft.</p>



<p>Als Nächstes kamen die Wochentage.</p>



<p>Deftera.</p>



<p>Triti.</p>



<p>Tetarti.</p>



<p>Pempti.</p>



<p>Paraskevi.</p>



<p>Savvato.</p>



<p>Kyriaki.</p>



<p>Ich kramte in meinem Gedächtnis, als würde ich in einer überfüllten Schublade nach einem bestimmten Zettel suchen.</p>



<p>Ein paar Tage waren da.</p>



<p>Montag.</p>



<p>Dienstag.</p>



<p>Donnerstag.</p>



<p>Samstag.</p>



<p>Sonntag.</p>



<p>Zwei fehlten einfach.</p>



<p>Nicht: Ich wusste sie nicht.</p>



<p>Eher: Sie waren irgendwo in mir, aber sie kamen nicht raus.</p>



<p>Meine Lehrerin schrieb sie mir an das elektronische Whiteboard.</p>



<p>Ein riesiger Bildschirm an der Wand, auf dem griechische Wörter erschienen, als wäre ich in einer sehr modernen Version meiner Kindheit gelandet.</p>



<p>Früher gab es Kreide.</p>



<p>Jetzt gab es Touchscreen.</p>



<p>Der Stress blieb derselbe.</p>



<p>Danach sollten wir einzelne Wörter zu Sätzen verbinden.</p>



<p>Ich verstand fast jedes einzelne Wort.</p>



<p>Und scheiterte trotzdem an der Zusammensetzung.</p>



<p>Das ist eine besonders gemeine Form von Nichtverstehen.</p>



<p>Wenn man die Bausteine erkennt, aber kein Haus daraus bauen kann.</p>



<p>Da lagen sie vor mir:</p>



<p>Wörter, die ich kannte.</p>



<p>Kleine Wörter, die ich ahnte.</p>



<p>Endungen, die ich ignorieren wollte.</p>



<p>Und diese fiesen Verbindungswörter, die in jeder Sprache so tun, als wären sie unwichtig, obwohl ohne sie alles auseinanderfällt.</p>



<p>An.</p>



<p>Nach.</p>



<p>Für.</p>



<p>Mit.</p>



<p>Von.</p>



<p>Zu.</p>



<p>Ich benutze solche Wörter im Deutschen, ohne je darüber nachzudenken. Sie kommen einfach. Sie sind da, wie Besteck in einer Schublade.</p>



<p>Im Griechischen standen sie vor mir wie kleine Grenzbeamte.</p>



<p>Du kommst hier nicht vorbei, wenn du mich nicht richtig benutzt.</p>



<p>Meine Lehrerin fragte mich, ob ich meinen Kaffee inzwischen auf Griechisch bestellt hätte.</p>



<p>Natürlich hatte ich das nicht.</p>



<p>Ich hatte am Morgen keine Lust gehabt, dumm dazustehen.</p>



<p>Ich wollte Kaffee.</p>



<p>Nicht Identitätsarbeit vor acht Uhr dreißig.</p>



<p>Also hatte ich auf Englisch bestellt.</p>



<p>Schnell.</p>



<p>Effizient.</p>



<p>Feige vielleicht.</p>



<p>Oder einfach menschlich.</p>



<p>Ich weiß nicht, warum ausgerechnet Kaffeebestellen so viel Mut braucht.</p>



<p>Wahrscheinlich, weil es eine dieser kleinen Alltagssituationen ist, in denen man keine Bühne will.</p>



<p>Man will nicht üben.</p>



<p>Man will nicht scheitern.</p>



<p>Man will nicht, dass hinter einem drei Menschen warten, während man versucht, einen Satz zu bauen, der am Ende vielleicht trotzdem falsch ist.</p>



<p>Man will nur Kaffee.</p>



<p>Meine Lehrerin lächelte.</p>



<p>Nicht vorwurfsvoll.</p>



<p>Eher so, als kenne sie das schon.</p>



<p>Menschen kommen in Sprachkurse, lernen Sätze und benutzen sie dann draußen nicht, weil draußen plötzlich echtes Leben ist und keine Übung.</p>



<p>Im Unterricht kann man Fehler machen.</p>



<p>Draußen steht jemand an der Kaffeemaschine und will wissen, ob man Milch möchte.</p>



<p>Das ist ein Unterschied.</p>



<p>Dann sagte meine Lehrerin etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.</p>



<p>Sie gratulierte mir zum Namenstag.</p>



<p>„Chronia polla.“</p>



<p>Ich war überrascht.</p>



<p>Ich dachte immer, mein Namenstag sei am 1. April.</p>



<p>Am gleichen Tag wie der Geburtstag meines Vaters.</p>



<p>Das hatte mir gefallen, auf eine dieser komplizierten Arten, auf die einem Dinge gefallen können, die einen gleichzeitig traurig machen.</p>



<p>Aber laut meiner Lehrerin war ich am 5. Mai dran.</p>



<p>Einen Tag vor dem Geburtstag meiner Tante.</p>



<p>Auch schön.</p>



<p>Vielleicht sogar besser.</p>



<p>Ich nahm die Glückwünsche gerne an.</p>



<p>Irene.</p>



<p>Frieden.</p>



<p>Ich weiß natürlich, dass mein Name Frieden bedeutet.</p>



<p>Die Ironie meines Lebens ist, dass ich gefühlt immer das Gegenteil gemacht habe.</p>



<p>Kampf.</p>



<p>Kämpfen um Ruhe.</p>



<p>Kämpfen um Sicherheit.</p>



<p>Kämpfen um Anerkennung.</p>



<p>Kämpfen um Geld, um Arbeit, um einen Platz, um Sprache, um Zugehörigkeit.</p>



<p>Kämpfen sogar darum, nicht mehr kämpfen zu müssen.</p>



<p>Und jetzt saß ich auf Korfu in einem Griechischkurs, bekam Glückwünsche zu einem Namen, der Frieden bedeutet, und schwitzte innerlich weiter durch sämtliche Schichten meiner Persönlichkeit.</p>



<p>Auch auf Korfu tobte der Kampf in mir.</p>



<p>Nach zwei Stunden war mein Kopf wieder durch.</p>



<p>Deutsch dachte.</p>



<p>Englisch fragte.</p>



<p>Griechisch antwortete falsch.</p>



<p>Mein Gehirn war ein Callcenter ohne Leitung.</p>



<p>Ich verließ die Schule und hätte eigentlich direkt ins Apartment gehen können.</p>



<p>Hinlegen.</p>



<p>Vorhang zu.</p>



<p>Noise Cancelling on.</p>



<p>Aber da ich ich bin, ging ich zum St. Rocco Platz.</p>



<p>Der Busbahnhof von Korfu-Stadt ist kein Ort, an dem man sein Nervensystem beruhigt.</p>



<p>Fußgängerinnen, Scooter, Autos, Busse, Menschen mit Taschen, Menschen ohne Plan, Menschen mit sehr viel Plan, aber ohne Rücksicht auf andere Körper im Raum.</p>



<p>Ich versuchte, auf dem Weg zum Tickethäuschen nicht vom Verkehr getötet zu werden.</p>



<p>Das Tickethäuschen war ein kleiner Container, in dem tatsächlich noch ein echter Mensch saß.</p>



<p>Ein Mensch, mit dem man reden konnte.</p>



<p>Ich kaufte ein Hin- und Rückfahrticket nach Mon Repos.</p>



<p>Mon Repos.</p>



<p>Allein der Name klingt, als hätte jemand mir eine Pause versprochen.</p>



<p>Ich war schon öfter dort gewesen. Ein Schloss mit großer Parkanlage. Viel Grün. Wege, Schatten, alte Bäume. Nicht ganz Wald, aber nah genug, um meinem Münchner Körper vorzugaukeln, er bekäme etwas Vertrautes.</p>



<p>Auf Korfu fehlt mir manchmal mein heimischer Wald.</p>



<p>Das viele Draußen dort ist anders.</p>



<p>Heller.</p>



<p>Offener.</p>



<p>Ausgestellter.</p>



<p>In München kann man im Wald verschwinden.</p>



<p>Auf Korfu ist man oft sichtbar.</p>



<p>Im Bus riss der Fahrer mein Ticket mit der Hand ein.</p>



<p>So war es abgestempelt.</p>



<p>Ich durfte mitfahren.</p>



<p>Manchmal sind die Dinge sehr einfach, wenn niemand daraus eine App gemacht hat.</p>



<p>In Mon Repos ging ich Schritt für Schritt durch das viele Grün.</p>



<p>Und merkte, wie mein Kopf langsam runterfuhr.</p>



<p>Nicht sofort.</p>



<p>Nicht dramatisch.</p>



<p>Eher wie ein Gerät, das zu lange gelaufen ist und endlich nicht mehr überhitzt.</p>



<p>Ich wanderte durch den Park.</p>



<p>Stand auf dem Badesteg.</p>



<p>Schaute aufs Wasser.</p>



<p>Atmete.</p>



<p>Kein Whiteboard.</p>



<p>Keine Endungen.</p>



<p>Keine kleinen Wörter, die mich aufhielten.</p>



<p>Keine Kaffeebestellung, an der mein Mut gemessen wurde.</p>



<p>Nur Grün.</p>



<p>Meer.</p>



<p>Schatten.</p>



<p>Ein Körper, der langsam verstand, dass heute nichts mehr bewiesen werden musste.</p>



<p>Auf dem Rückweg hatte ich Glück.</p>



<p>Der Bus stand schon da.</p>



<p>Ich stieg ein, fuhr zurück zum St. Rocco Platz und fand auf dem Weg nach Hause einen Supermarkt, der eine bessere Auswahl hatte als der in der Nähe meines Apartments.</p>



<p>Keine Ahnung, warum mich das so glücklich machte.</p>



<p>Aber es hob meine Stimmung immens.</p>



<p>Vielleicht, weil gute Supermärkte in fremden Städten kleine Versprechen sind.</p>



<p>Du wirst hier zurechtkommen.</p>



<p>Du findest, was du brauchst.</p>



<p>Es gibt Joghurt.</p>



<p>Es gibt Wasser.</p>



<p>Es gibt Eis.</p>



<p>Ich kaufte mir eins.</p>



<p>Am Ende dieses Tages konnte ich meinen Kaffee immer noch nicht auf Griechisch bestellen.</p>



<p>Ich konnte die Wochentage nur teilweise.</p>



<p>Ich hatte Fehler in hellblau im Heft.</p>



<p>Aber ich war hingegangen.</p>



<p>Ich hatte Sätze geschrieben.</p>



<p>Ich hatte Glückwünsche angenommen.</p>



<p>Ich hatte einen Bus genommen.</p>



<p>Ich hatte einen Park gefunden.</p>



<p>Und ein Eis.</p>



<p>Vielleicht ist Lernen genau das.</p>



<p>Nicht plötzlich können.</p>



<p>Nicht elegant werden.</p>



<p>Nicht fehlerfrei durch eine fremde Sprache gleiten.</p>



<p>Sondern sich korrigieren lassen, ohne zu verschwinden.</p>



<p>Ein Wort falsch schreiben.</p>



<p>Ein anderes neu lernen.</p>



<p>Einen Kaffee noch auf Englisch bestellen.</p>



<p>Und trotzdem am nächsten Tag wieder hingehen.</p>
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		<item>
		<title>Dieselbe Irene, nur mit Meerblick (Teil 4)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/06/10/dieselbe-irene-nur-mit-meerblick-teil-4/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 08:46:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich hatte still und heimlich gehofft, dass Korfu mich verwandelt. Nicht offiziell natürlich. Offiziell war ich hier, um Griechisch zu lernen. Um eine Sprache zurückzuholen, die irgendwie zu mir gehört und mir trotzdem nie richtig gehört hat. Um vier Wochen am Meer zu verbringen, bevor in München mein neuer Job beginnt. Um zu schreiben. Um...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ich hatte still und heimlich gehofft, dass Korfu mich verwandelt.</p>



<p>Nicht offiziell natürlich.</p>



<p>Offiziell war ich hier, um Griechisch zu lernen.</p>



<p>Um eine Sprache zurückzuholen, die irgendwie zu mir gehört und mir trotzdem nie richtig gehört hat.</p>



<p>Um vier Wochen am Meer zu verbringen, bevor in München mein neuer Job beginnt.</p>



<p>Um zu schreiben.</p>



<p>Um zu lesen.</p>



<p>Um ein bisschen zu leben.</p>



<p>Sehr vernünftige Gründe.</p>



<p>Sehr erwachsene Gründe.</p>



<p>Sehr gut erklärbar, falls jemand fragt.</p>



<p>Aber darunter lag etwas anderes.</p>



<p>Eine kleine, peinliche Hoffnung, die ich niemandem laut erzählt hatte:</p>



<p>Dass es hier leichter wird.</p>



<p>Dass ich morgens aufwache und plötzlich eine andere Version von mir da ist.</p>



<p>Eine, die nicht schon beim Aufstehen müde ist.</p>



<p>Eine, die nicht jeden sozialen Kontakt innerlich vor- und nachbereitet.</p>



<p>Eine, die Griechisch spricht, ohne vorher im Kopf drei Sprachen gegeneinander antreten zu lassen.</p>



<p>Eine, die nicht sofort Heimweh bekommt, wenn sie auf einer griechischen Insel sitzt und eigentlich dankbar sein müsste.</p>



<p>Eine, die nicht immer kämpft.</p>



<p>Diese andere Irene stellte ich mir nicht besonders konkret vor.</p>



<p>Vielleicht trug sie Leinen.</p>



<p>Vielleicht bestellte sie ihren Kaffee auf Griechisch.</p>



<p>Vielleicht ging sie morgens schwimmen, ohne vorher das Wetter, die Entfernung, die Wassertemperatur und ihre eigene psychische Verfassung zu analysieren.</p>



<p>Vielleicht lachte sie lauter.</p>



<p>Vielleicht rauchte sie weniger.</p>



<p>Vielleicht war sie die Frau, von der ich manchmal glaube, dass sie irgendwo in mir wohnt und nur auf den richtigen Ort wartet, um endlich herauszukommen.</p>



<p>Korfu schien mir ein guter Ort dafür.</p>



<p>Meer.</p>



<p>Sonne.</p>



<p>Griechische Wörter.</p>



<p>Eine Insel, die nah genug an meiner Geschichte liegt, um bedeutungsvoll zu sein, und weit genug weg von München, um so zu tun, als könnte man sich dort neu zusammensetzen.</p>



<p>Am ersten Morgen wachte ich auf.</p>



<p>Ich trank Kaffee.</p>



<p>Ich war müde.</p>



<p>Das war alles.</p>



<p>Keine Verwandlung.</p>



<p>Keine Musik.</p>



<p>Kein innerer Vorhang, der sich öffnete.</p>



<p>Keine andere Irene, die barfuß durch die Wohnung tanzte und „Kalimera“ rief.</p>



<p>Nur ich.</p>



<p>Mit zerknittertem Gesicht, schwerem Kopf und der Frage, warum ich eigentlich immer glaube, dass Orte etwas für mich erledigen könnten.</p>



<p>Nach meiner ersten Griechischstunde saß ich in der Bucht Garitsa auf einer Bank.</p>



<p>Das Meer lag vor mir.</p>



<p>Nicht dramatisch schön.</p>



<p>Einfach da.</p>



<p>Blau, bewegt, gleichgültig.</p>



<p>Ich hatte Kopfschmerzen. Mein Kopf war voll von Buchstaben, Artikeln, kleinen Wörtern, die ich nicht greifen konnte. Auf Deutsch dachte ich über das nach, was ich auf Englisch gefragt hatte, um es dann auf Griechisch falsch auszusprechen.</p>



<p>Kein Wunder, dass ich erschöpft war.</p>



<p>Trotzdem war da diese Enttäuschung.</p>



<p>Nicht über den Unterricht.</p>



<p>Nicht über Korfu.</p>



<p>Über mich.</p>



<p>Ich saß am Meer und war immer noch ich.</p>



<p>Das klingt banal.</p>



<p>Ist es aber nicht, wenn man lange genug gehofft hat, irgendwo anders leichter zu werden.</p>



<p>Ich glaube, ich habe das oft gemacht.</p>



<p>Nicht immer bewusst.</p>



<p>Aber oft.</p>



<p>Ich dachte:</p>



<p>Wenn ich nur den richtigen Job finde, dann werde ich ruhiger.</p>



<p>Wenn ich nur aus dieser Beziehung raus bin, dann werde ich frei.</p>



<p>Wenn ich nur ein Buch schreibe, dann werde ich endlich ganz.</p>



<p>Wenn ich nur nach Bali fliege, mit Delfinen schwimme, mich dem Universum ausliefere, dann wird die Lebensfreude schon irgendwo aus den Tiefen meines Unterbewusstseins auftauchen.</p>



<p>Spoiler: Es tauchten eher meine fünf schlimmsten Verluste auf.</p>



<p>Auch Korfu hatte ich heimlich mit einer Aufgabe beladen.</p>



<p>Mach mich anders.</p>



<p>Mach mich griechischer.</p>



<p>Mach mich lebendiger.</p>



<p>Mach mich weniger müde.</p>



<p>Mach, dass sich das alles gelohnt hat.</p>



<p>Die Trauer.</p>



<p>Das Kämpfen.</p>



<p>Das Schreiben.</p>



<p>Das Warten.</p>



<p>Das Durchhalten.</p>



<p>Mach, dass am Ende nicht einfach nur ich übrig bin.</p>



<p>Aber vielleicht ist genau das das Problem.</p>



<p>Dass ich immer noch glaube, irgendwo müsse eine Version von mir warten, die endlich reicht.</p>



<p>Eine fertige.</p>



<p>Eine leichtere.</p>



<p>Eine, die nicht so viel Vergangenheit mit sich herumschleppt.</p>



<p>Eine, die nicht jedes Geschenk erst misstrauisch von allen Seiten betrachtet, bevor sie es annimmt.</p>



<p>Denn das war ja das Verrückte:</p>



<p>Diese Reise war ein Geschenk.</p>



<p>Von mir an mich.</p>



<p>Vier Wochen Korfu.</p>



<p>Ein Apartment in der Altstadt.</p>



<p>Griechischunterricht.</p>



<p>Zeit.</p>



<p>Meer.</p>



<p>Sandwiches.</p>



<p>Bücher.</p>



<p>Niemand, der etwas von mir wollte.</p>



<p>Und trotzdem saß ich da und konnte es nicht einfach nehmen.</p>



<p>Ich dachte an die Menschen, denen ich vor der Reise davon erzählt hatte.</p>



<p>Es waren nicht viele.</p>



<p>Bewusst nicht.</p>



<p>Und trotzdem war da dieser Neid gewesen, den ich sofort gespürt hatte. Nicht immer offen. Eher in kleinen Sätzen, kleinen Pausen, kleinen Blicken.</p>



<p>„Ach, schön.“</p>



<p>„Muss man sich auch leisten können.“</p>



<p>„Vier Wochen Griechenland, nicht schlecht.“</p>



<p>Ich hatte es geahnt.</p>



<p>Und trotzdem tat es weh.</p>



<p>Vielleicht, weil ich selbst nicht wusste, ob ich mir diese Reise gönnen durfte.</p>



<p>Vielleicht, weil ein Teil von mir immer noch glaubt, dass Zeit ohne Arbeit verdächtig ist.</p>



<p>Dass Freiheit begründet werden muss.</p>



<p>Dass man nur dann am Meer sitzen darf, wenn man vorher ausreichend gelitten, geleistet oder sich entschuldigt hat.</p>



<p>Ich hatte ein Jahr lang nicht gearbeitet.</p>



<p>Auch das ist ein Satz, den ich nicht gerne schreibe, weil sofort Stimmen in meinem Kopf anfangen, ihn zu kommentieren.</p>



<p>Aber dieses Jahr war nicht leer.</p>



<p>Ich hatte mein erstes Buch geschrieben.</p>



<p>Ich hatte mich mit der Bundesagentur für Arbeit herumgeschlagen, um das ALG I zu bekommen, das mir zustand.</p>



<p>Ich war spazieren gegangen.</p>



<p>Ich war im Sport.</p>



<p>Ich hatte Bewerbungen geschrieben.</p>



<p>Gespräche geführt.</p>



<p>Absagen ausgehalten.</p>



<p>Mich wieder sortiert.</p>



<p>Und kurz vor Korfu kam die Zusage für einen festen Job in München.</p>



<p>Endlich.</p>



<p>Vielleicht hätte ich lieber dort anfangen wollen.</p>



<p>Vielleicht hätte sich das sicherer angefühlt.</p>



<p>Erklärbarer.</p>



<p>Gesellschaftlich sauberer.</p>



<p>„Ich habe einen neuen Job“ klingt besser als:</p>



<p>„Ich fahre nach Korfu, um Griechisch zu lernen und herauszufinden, warum ich mich selbst nicht in Ruhe lassen kann.“</p>



<p>Auf der Bank in Garitsa merkte ich, wie müde ich vom ewigen Kämpfen war.</p>



<p>Nicht nur vom Arbeiten.</p>



<p>Nicht nur vom Bewerben.</p>



<p>Nicht nur von Trauer.</p>



<p>Sondern von diesem inneren Anspruch, dass aus allem etwas werden muss.</p>



<p>Eine Erkenntnis.</p>



<p>Ein Text.</p>



<p>Ein Neuanfang.</p>



<p>Eine bessere Version.</p>



<p>Sogar aus einem Tag am Meer.</p>



<p>Ich konnte nicht einfach dort sitzen.</p>



<p>Ich musste wissen, was es bedeutet.</p>



<p>Das Meer gab keine Antwort.</p>



<p>Unverschämtheit eigentlich.</p>



<p>Es lag einfach da.</p>



<p>Wellen kamen.</p>



<p>Wellen gingen.</p>



<p>Ein paar Menschen liefen vorbei.</p>



<p>Irgendwo bellte ein Hund.</p>



<p>Ich rauchte eine Zigarette und dachte:</p>



<p>Vielleicht ist das hier keine Verwandlung.</p>



<p>Vielleicht ist es eine Ent-Täuschung.</p>



<p>Wortwörtlich.</p>



<p>Eine Täuschung fällt weg.</p>



<p>Die Täuschung, dass irgendwo da draußen eine andere Irene wartet.</p>



<p>Eine, die keine Angst mehr hat.</p>



<p>Eine, die nie erschöpft ist.</p>



<p>Eine, die immer weiß, was sie will.</p>



<p>Eine, die endlich angekommen ist.</p>



<p>Vielleicht gibt es diese Irene gar nicht.</p>



<p>Vielleicht gibt es nur mich.</p>



<p>Müde.</p>



<p>Sehnsüchtig.</p>



<p>Kämpfend.</p>



<p>Manchmal komisch.</p>



<p>Manchmal undankbar.</p>



<p>Manchmal mutiger, als ich selbst merke.</p>



<p>Und gerade, an diesem Montag in der Bucht Garitsa, erstaunlich ehrlich.</p>



<p>Ich saß also da.</p>



<p>Dieselbe Irene.</p>



<p>Nur mit Meerblick.</p>



<p>Und vielleicht war das weniger enttäuschend, als es sich zuerst anfühlte.</p>



<p>Vielleicht muss ein Ort einen gar nicht verwandeln.</p>



<p>Vielleicht reicht es, wenn er einem zeigt, dass man sich selbst überallhin mitnimmt.</p>



<p>Und dass man trotzdem bleiben kann.</p>



<p>Auf der Bank.</p>



<p>Im Kurs.</p>



<p>In der Sprache.</p>



<p>Im eigenen Leben.</p>



<p>Für heute.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Alpha, Beta, Vater (Teil 3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 18:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auf dem Weg zu meiner ersten Griechischstunde lagen überall kleine braune Tonscherben. Reste der roten Tonkrüge, die auf Korfu zu Ostern aus den Fenstern geworfen werden. Ich hatte darüber gelesen. Natürlich hatte ich darüber gelesen. Ich lese über Dinge, bevor ich sie erlebe, damit ich beim Erleben wenigstens so tun kann, als hätte ich eine...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Auf dem Weg zu meiner ersten Griechischstunde lagen überall kleine braune Tonscherben.</p>



<p>Reste der roten Tonkrüge, die auf Korfu zu Ostern aus den Fenstern geworfen werden.</p>



<p>Ich hatte darüber gelesen. Natürlich hatte ich darüber gelesen. Ich lese über Dinge, bevor ich sie erlebe, damit ich beim Erleben wenigstens so tun kann, als hätte ich eine Ahnung.</p>



<p>Die Tonscherben knirschten unter meinen Schuhen.</p>



<p>Mein Vater hätte sich furchtbar aufgeregt.</p>



<p>„Warum räumt das denn keiner weg?“</p>



<p>Ich hörte seine Stimme sofort in meinem Kopf.</p>



<p>Nicht als Erinnerung, die höflich anklopft, sondern als fertigen Kommentar. Als hätte er nur darauf gewartet, dass ich an diesem Morgen an diesen Scherben vorbeilaufe.</p>



<p>Mein Vater war gut im Kommentieren.</p>



<p>Zu gut.</p>



<p>Er konnte aus einem ungeputzten Gehweg, einem schlecht geparkten Auto oder einer zu langsamen Kassiererin in wenigen Sekunden eine Grundsatzrede machen. Seine Stimme wurde dann lauter, härter, griechischer vielleicht.</p>



<p>Oder zumindest so, wie ich Griechisch als Kind oft erlebt habe: schnell, scharf, nicht für mich gemacht.</p>



<p>Ich lief also durch Korfu-Stadt, vorbei an kleinen Läden, Cafés, Rollern, Katzen, Scherben — und meinem Vater.</p>



<p>Tot, aber offensichtlich nicht verhindert.</p>



<p>Die Sprachschule lag nur wenige Minuten von meinem Apartment entfernt.</p>



<p>Ich hatte sie extra so ausgesucht, dass ich nicht noch einen Bus nehmen musste. Eine kluge Entscheidung, dachte ich, während ich mit mir innerlich trotzdem auf dem Weg dorthin verhandelte.</p>



<p>Ich könnte noch umdrehen.</p>



<p>Ich könnte schreiben, dass ich krank bin.</p>



<p>Ich könnte sagen, dass ich mich vertan habe.</p>



<p>Ich könnte einfach nicht hingehen und stattdessen an die Bucht laufen.</p>



<p>Das Geld war bezahlt.</p>



<p>Leider.</p>



<p>Manchmal ist bereits bezahltes Geld die einzige Form von Disziplin, die bei mir zuverlässig funktioniert.</p>



<p>Vor der Schule rauchte ich noch eine Zigarette.</p>



<p>Natürlich.</p>



<p>Ich stand also da, mit meiner Zigarette, meinem Rucksack, meinem Vokabelheft und diesem erwachsenen Gefühl, gleich als Kind enttarnt zu werden.</p>



<p>Ich hatte extra um eine Lehrerin gebeten.</p>



<p>„Of course“, hatte die Sprachschule geschrieben.</p>



<p>Als wäre das nichts.</p>



<p>Als wäre es eine normale organisatorische Präferenz. Unterricht lieber morgens, Niveau Anfängerin, bitte eine Lehrerin.</p>



<p>Für mich war es nicht nichts.</p>



<p>Für mich war es der Unterschied zwischen: Ich versuche es. Und: Ich gehe gar nicht erst hin.</p>



<p>Drinnen war alles freundlich.</p>



<p>Viel zu freundlich für meine innere Dramatik.</p>



<p>Meine Lehrerin lächelte. Sie war warm, ruhig, klar.</p>



<p>Kein Mensch schrie.</p>



<p>Kein Mensch machte eine Grundsatzrede.</p>



<p>Kein Mensch verlangte, dass ich sofort irgendetwas können musste.</p>



<p>Sie legte das Alphabet vor mich.</p>



<p>Alpha.</p>



<p>Beta.</p>



<p>Gamma.</p>



<p>Delta.</p>



<p>Ich kannte viele Buchstaben.</p>



<p>Natürlich kannte ich sie.</p>



<p>Ich bin ja um diese Sprache herum aufgewachsen. Griechische Schrift war für mich nie komplett fremd. Sie hing an Straßenschildern, Speisekarten, Kirchentüren, Ikonen, Zigarettenpackungen, alten Familienfotos, auf denen Menschen standen, deren Namen ich nicht aussprechen konnte.</p>



<p>Ich konnte Buchstaben erkennen, ohne wirklich lesen zu können.</p>



<p>Das ist vielleicht die kürzeste Beschreibung meines Verhältnisses zu Griechenland.</p>



<p>Erkennen, ohne zu verstehen.</p>



<p>Dazugehören, ohne mitzukommen.</p>



<p>Meine Lehrerin zeigte auf Wörter.</p>



<p>Ich las sie langsam.</p>



<p>Sehr langsam.</p>



<p>So langsam, dass mein innerer deutscher Leistungsanteil kurz überlegte, ob man sich für Geschwindigkeit entschuldigen sollte.</p>



<p>Dann kramte mein Gehirn plötzlich Wörter aus irgendwelchen hinteren Räumen hervor.</p>



<p>Sonne.</p>



<p>Wasser.</p>



<p>Glas.</p>



<p>Brot.</p>



<p>Danke.</p>



<p>Guten Morgen.</p>



<p>Kleine Wörter, die irgendwo in mir lagen, ohne dass ich wusste, wer sie dort abgelegt hatte.</p>



<p>Vielleicht mein Vater.</p>



<p>Vielleicht die Sommer.</p>



<p>Vielleicht die vielen Restaurantbesuche, bei denen Erwachsene sprachen und ich nur daneben saß.</p>



<p>Vielleicht lernt man eine Sprache auch dann, wenn man glaubt, sie nicht zu lernen.</p>



<p>Dann sollte ich schreiben.</p>



<p>Mit der Hand.</p>



<p>Auf Griechisch.</p>



<p>Und plötzlich wurde es ernst.</p>



<p>Hören war eine Sache.</p>



<p>Lesen war eine Sache.</p>



<p>Aber schreiben?</p>



<p>Schreiben bedeutete, die Sprache nicht nur vorbeiziehen zu lassen, sondern sie selbst zu formen. Einen Buchstaben nach dem anderen. Eine Linie, ein Bogen, ein Fehler, eine Unsicherheit.</p>



<p>Ich schwitzte durch meine Bluse.</p>



<p>Nicht ein bisschen.</p>



<p>Richtig.</p>



<p>Mein Körper reagierte, als hätte meine Lehrerin mir keine Schreibübung gegeben, sondern einen alten Keller aufgeschlossen.</p>



<p>Ich saß da, fünfundvierzig Jahre alt, mit Stift in der Hand, und fühlte mich wie zwölf.</p>



<p>Oder dreizehn.</p>



<p>Oder wie dieses Mädchen, das einmal an einem Tisch saß und Griechisch lernen sollte, während ein erwachsener Mann die Grenze zwischen Unterricht und Gewalt auslöschte.</p>



<p>Ich hatte gedacht, ich hätte das alles schon oft genug verstanden.</p>



<p>Aufgeschrieben.</p>



<p>Eingeordnet.</p>



<p>Betrauert.</p>



<p>Aber Körper sind keine Word-Dokumente.</p>



<p>Man kann sie nicht einfach speichern unter: verarbeitet_final_final2.docx.</p>



<p>Meine Lehrerin merkte nichts davon.</p>



<p>Oder sie merkte etwas und war höflich genug, es nicht zu benennen.</p>



<p>Sie korrigierte meine Buchstaben.</p>



<p>Sanft.</p>



<p>„This one is like this.“</p>



<p>Sie zeigte mir, wo der Bogen anders sitzen musste.</p>



<p>Ich nickte.</p>



<p>Schrieb.</p>



<p>Schwitzte.</p>



<p>Nickte wieder.</p>



<p>In meinem Kopf waren drei Sprachen gleichzeitig unterwegs.</p>



<p>Deutsch für die inneren Kommentare.</p>



<p>Englisch für die Fragen an meine Lehrerin.</p>



<p>Griechisch auf dem Papier.</p>



<p>Und irgendwo dazwischen mein Vater, der alles beobachtete.</p>



<p>Ich hasste, wie präsent er war.</p>



<p>Und ich vermisste ihn.</p>



<p>Beides gleichzeitig.</p>



<p>Das ist vielleicht das Gemeinste an Trauer: Sie macht aus Menschen keine klaren Figuren.</p>



<p>Nicht gut.</p>



<p>Nicht schlecht.</p>



<p>Nicht nur Vater.</p>



<p>Nicht nur Kind.</p>



<p>Nicht nur Wut.</p>



<p>Nicht nur Liebe.</p>



<p>Mein Vater war laut.</p>



<p>Mein Vater war schwierig.</p>



<p>Mein Vater konnte mich klein machen, ohne es vielleicht überhaupt zu merken.</p>



<p>Und mein Vater war der Mensch, dessen Sprache ich jetzt lernte, weil ich ihn liebte.</p>



<p>Oder weil ich noch etwas von ihm wollte.</p>



<p>Oder weil ich endlich aufhören wollte, vor etwas wegzulaufen, das ohnehin längst in mir wohnt.</p>



<p>Nach zwei Stunden war mein Kopf voll.</p>



<p>Nicht voll wie nach einem normalen Kurs.</p>



<p>Nicht: Oh, ich habe heute viel gelernt.</p>



<p>Eher: In meinem Schädel wurde ein Archiv geöffnet, und niemand hatte vorher gefragt, ob ich dafür Kapazität habe.</p>



<p>Ich ging zurück durch die Gassen.</p>



<p>Wieder die Tonscherben.</p>



<p>Wieder das Knirschen.</p>



<p>Wieder mein Vater.</p>



<p>„Warum räumt das denn keiner weg?“</p>



<p>Diesmal musste ich fast lachen.</p>



<p>Vielleicht, weil ich müde war.</p>



<p>Vielleicht, weil er so vorhersehbar war.</p>



<p>Vielleicht, weil ich ihn für einen Moment nicht als Bedrohung hörte, sondern als das, was er auch gewesen war: ein Mann mit zu vielen Kommentaren und zu wenig innerer Ruhe.</p>



<p>Ich kaufte mir etwas zu essen.</p>



<p>Ich weiß nicht mehr genau was.</p>



<p>Wahrscheinlich irgendetwas, das man mitnehmen konnte, weil ich nach dieser Stunde keine Kraft mehr hatte, irgendwo zu sitzen und so zu tun, als wäre ich eine entspannte Frau auf einer griechischen Insel.</p>



<p>In meinem Apartment zog ich die verschwitzte Bluse aus.</p>



<p>Ich legte das Vokabelheft auf den Tisch.</p>



<p>Auf der ersten Seite standen griechische Buchstaben.</p>



<p>Meine Buchstaben.</p>



<p>Schief.</p>



<p>Unsicher.</p>



<p>Nicht schön.</p>



<p>Aber da.</p>



<p>Vielleicht war das alles für den ersten Tag.</p>



<p>Nicht fließend sprechen.</p>



<p>Nicht ankommen.</p>



<p>Nicht plötzlich Griechin sein.</p>



<p>Nur einen Buchstaben schreiben und bleiben.</p>



<p>Alpha.</p>



<p>Beta.</p>



<p>Vater.</p>
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		<item>
		<title>Metropolis Square. Mein Hood. (Teil 2)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/06/03/metropolis-square-mein-hood/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 18:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Okay, ich muss hier ein Geständnis ablegen. Ich habe für einen Monat ein Apartment auf Korfu gemietet, und es war nicht billig. Ich hatte lange auf den üblichen Seiten gesucht — Booking, Airbnb, alles durchgeklickt, alles verglichen, alles wieder verworfen. Zu dunkel.Zu alt.Zu weit weg.Zu viele braune Möbel.Zu viele Spitzengardinen.Zu viele Matratzen, denen man schon...</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Okay, ich muss hier ein Geständnis ablegen.</p>



<p>Ich habe für einen Monat ein Apartment auf Korfu gemietet, und es war nicht billig.</p>



<p>Ich hatte lange auf den üblichen Seiten gesucht — Booking, Airbnb, alles durchgeklickt, alles verglichen, alles wieder verworfen.</p>



<p>Zu dunkel.<br>Zu alt.<br>Zu weit weg.<br>Zu viele braune Möbel.<br>Zu viele Spitzengardinen.<br>Zu viele Matratzen, denen man schon auf den Fotos ansah, dass sie seit 1987 niemand mehr ernsthaft geliebt hatte.</p>



<p>Dann buchte ich das Apartment, in dem ich schon beim letzten Mal gewohnt hatte.</p>



<p>Natürlich.</p>



<p>Weil ich manchmal so tue, als wäre ich abenteuerlustig, aber in Wahrheit sehr viel Geld dafür bezahle, an einem fremden Ort wenigstens eine Sache schon zu kennen.</p>



<p>Das Apartment liegt zentral. Sehr zentral. So zentral, dass ich aus meiner Haustür trete und sofort mitten in allem stehe: enge Gassen, Stimmen, Rollkoffer, Sonnenhüte, Kreuzfahrttouristen, die sich gegenseitig im Weg stehen, und griechische Ladenbesitzerinnen, die wahrscheinlich seit April innerlich durchgehend bis Oktober zählen.</p>



<p>Das Wichtigste aber: Das Apartment ist hell.</p>



<p>Modern.</p>



<p>Mit Küche.</p>



<p>Ich weiß, das klingt nicht besonders romantisch.</p>



<p>Andere Menschen suchen auf griechischen Inseln vielleicht Meerblick, Bougainvillea und eine Terrasse, auf der sie morgens in Leinenkleidern Feigen essen.</p>



<p>Ich suche eine gut ausgestattete Küche und eine Matratze, die nicht aussieht, als hätte schon mein Vater darauf geschlafen.</p>



<p>Ich habe meine ganzen Kindheitssommer in Griechenland verbracht. Und seitdem habe ich eine Aversion gegen diesen alten Einrichtungsstil dort: dunkle Holzmöbel, schwere Vorhänge, Spitzengardinen, durchgelegene Betten, muffige Schränke, in denen immer noch irgendeine Tante ihre Winterdecken lagert.</p>



<p>Ich liebe Griechenland.</p>



<p>Aber bitte mit gutem Licht.</p>



<p>Mein Apartment liegt am Metropolis Square.</p>



<p>Mein Hood.</p>



<p>So nenne ich ihn irgendwann, weil man sich Orte ja manchmal schönreden muss, bis sie anfangen, einem zu gehören.</p>



<p>Unter meinem Balkon gibt es drei Lokale.</p>



<p>Bei einem sitzt jeden Nachmittag eine Gruppe älterer griechischer Frauen an einem Tisch und isst gemeinsam.</p>



<p>Nicht hektisch.</p>



<p>Nicht mit dieser deutschen „Wir treffen uns von 15 bis 17 Uhr, weil danach muss ich noch einkaufen“-Energie.</p>



<p>Sondern so, als wäre der Nachmittag ein Möbelstück, auf dem man sich ausbreiten kann.</p>



<p>Die anderen zwei Lokale sind eher Bars. Dort trinken Touristinnen und Touristen ihr Bier, reden zu laut und lachen in einer Lautstärke, die mich regelmäßig daran erinnert, warum ich Menschen nur dosiert gut finde.</p>



<p>Manchmal steigen die Stimmen zu mir in den zweiten Stock hoch.</p>



<p>Erst dachte ich: Ach, schön, Leben.</p>



<p>Dann dachte ich: Ach nein, doch nicht.</p>



<p>Es hat ungefähr eine Woche gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses andauernde Hintergrundgemurmel mir keine Ruhe lässt.</p>



<p>Seitdem: Kopfhörer.</p>



<p>Noise Cancelling on.</p>



<p>Ich bin also nach Griechenland gereist, um dann in meiner hellen Wohnung zu sitzen und die griechische Geräuschkulisse technisch auszuschalten.</p>



<p>Auch das ist eine Art von Integration.</p>



<p>Auf dem Platz gibt es zwei Geschäfte.</p>



<p>Eines verkauft Interior-Design-Sachen. Geschirrtücher, Sofakissen, kleine Dinge, die so tun, als würde man mit ihnen ein Zuhause kaufen können.</p>



<p>Der andere Laden verkauft bunte Kleidung.</p>



<p>Jeden Morgen um zehn — nicht pünktlich um zehn, eher griechisch um zehn herum — beginnt die Besitzerin ihren Tag mit denselben Handgriffen.</p>



<p>An diese Haken kommen die Strandtaschen mit dem Motiv &#8222;Mykonos&#8220;.</p>



<p>An einen anderen Haken hängt sie, immer in genau derselben Reihenfolge:</p>



<p>Zitronen-Tunika vor weiß-blau gestreifter Tunika vor der Tunika mit den blauen Augen.</p>



<p>Jeden Morgen.</p>



<p>Ganz ruhig.</p>



<p>Jeder Handgriff vermutlich mehrere Millionen Male gemacht.</p>



<p>Ich bewundere das.</p>



<p>Diese Ruhe.</p>



<p>Diese Selbstverständlichkeit.</p>



<p>Diese Art, jeden Tag dasselbe zu tun, ohne daraus sofort eine Lebenskrise zu machen.</p>



<p>Ich dagegen brauche drei Tage, um zu entscheiden, ob ich heute zum Supermarkt gehe oder erst morgen, und mache daraus innerlich ein Essay über Selbstfürsorge, Kapitalismus und meine Beziehung zu meinem Vater.</p>



<p>Die Frau mit den Tuniken hängt einfach die Tuniken auf.</p>



<p>Von April bis Oktober, schätze ich.</p>



<p>Jahr für Jahr.</p>



<p>Zusammengehalten wird der ganze Platz von abgetretenen Marmorsteinen, über die schon Milliarden Menschen gegangen sein müssen. Korfu hat jeden Sommer Millionen Touristen. Ich merke es, wenn ich zu spät aus dem Haus gehe und die Kreuzfahrtschiff-Menschen schon da sind.</p>



<p>Dann schiebt sich die Altstadt zu.</p>



<p>Menschen bleiben mitten im Weg stehen.</p>



<p>Menschen fotografieren Türen.</p>



<p>Menschen berühren Schwämme.</p>



<p>Menschen kaufen Hüte, die sie zu Hause nie wieder tragen werden.</p>



<p>Ich will dann nur zum Supermarkt.</p>



<p>Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern.</p>



<p>Geradeaus.</p>



<p>Nicht stehen bleiben.</p>



<p>Nicht schauen.</p>



<p>Nicht anfassen.</p>



<p>Ich bin hier nicht im Urlaub, denke ich dann manchmal empört.</p>



<p>Was natürlich lächerlich ist.</p>



<p>Ich bin sehr wohl im Urlaub.</p>



<p>Oder in einer Sprachreise.</p>



<p>Oder in einer selbst finanzierten Identitätskrise mit Meerzugang.</p>



<p>So genau weiß ich das noch nicht.</p>



<p>Ebenfalls an meinem Platz steht eine griechisch-orthodoxe Kirche.</p>



<p>Die Öffnungszeiten habe ich bis heute nicht verstanden.</p>



<p>Manchmal ist sie offen, manchmal nicht. Manchmal passiert gar nichts, manchmal steht plötzlich ein Luftballonbogen davor und eine Taufe wird gefeiert, als hätte jemand über Nacht ein Familienfest aus dem Boden gestampft.</p>



<p>An meinem ersten Sonntag hier gab es so eine Taufe.</p>



<p>Mit Pope.</p>



<p>Ein Pope ist ein Pfarrer.</p>



<p>Ich erinnere mich noch daran, dass ich als kleines Mädchen mit meinem Vater sonntags in die griechische Kirche in München gegangen bin. Der Pope trug schwarze, wallende Gewänder und sprach — oder besser gesagt: betete — so schnell, dass ich nicht einmal hätte folgen können, wenn ich Griechisch verstanden hätte.</p>



<p>Ich verstand kein Wort.</p>



<p>Ich hatte ein bisschen Angst.</p>



<p>Vielleicht vor ihm.</p>



<p>Vielleicht vor der Sprache.</p>



<p>Vielleicht vor der Art, wie alle anderen zu wissen schienen, was zu tun war.</p>



<p>Aufstehen.</p>



<p>Hinsetzen.</p>



<p>Bekreuzigen.</p>



<p>Ikonen küssen.</p>



<p>Ich stand daneben wie ein Kind, das aus Versehen in eine Aufführung geraten ist, bei der alle den Text kennen außer ihm.</p>



<p>Mein Vater ging oft in die Kirche.</p>



<p>Ich weiß bis heute nicht, ob er wirklich gläubig war oder ob es eher um die Parea ging.</p>



<p>Die Gesellschaft.</p>



<p>Das Gesehenwerden.</p>



<p>Das Dazugehören.</p>



<p>Als meine Brüder und ich ihn begraben mussten, wussten wir nicht, ob es bestimmte griechische Rituale gibt, die wir hätten beachten sollen. Wir entschieden uns am Ende für eine deutsche Bestattung.</p>



<p>Es war auch mal die Idee im Raum, einen Popen zu bitten, ein paar Worte am Grab zu sprechen.</p>



<p>Aber irgendwie ging der Plan unter.</p>



<p>Ich habe vergessen warum.</p>



<p>Vielleicht, weil man im Tod plötzlich merkt, wie wenig man über die Herkunft der eigenen Eltern weiß.</p>



<p>Vielleicht, weil Trauer schon kompliziert genug ist, auch ohne liturgische Unsicherheit.</p>



<p>Vielleicht, weil wir Kinder eines griechischen Vaters waren, aber keine griechischen Kinder.</p>



<p>Unten auf dem Platz klirren Gläser.</p>



<p>Eine Frau lacht.</p>



<p>Ein Roller fährt viel zu nah an einem Kinderwagen vorbei.</p>



<p>Die Besitzerin des Kleidungsladens rückt eine Tunika zurecht.</p>



<p>Ich stehe auf meinem Balkon und schaue runter, als wäre ich Teil dieses Ortes.</p>



<p>Bin ich aber nicht.</p>



<p>Noch nicht.</p>



<p>Vielleicht nie.</p>



<p>Aber ich kenne inzwischen die Geräusche.</p>



<p>Ich weiß, wann die Läden öffnen.</p>



<p>Ich weiß, welcher Weg zum Supermarkt führt.</p>



<p>Ich weiß, wann die Kreuzfahrttouristen verschwinden und der Platz wieder den Menschen gehört, die hier arbeiten, wohnen, rauchen, essen, warten.</p>



<p>Vielleicht beginnt Zugehörigkeit nicht mit einem großen Gefühl.</p>



<p>Vielleicht beginnt sie damit, dass man weiß, wann man besser die Kopfhörer aufsetzt.</p>



<p>Oder damit, dass man morgens die Zitronen-Tunika wiedererkennt.</p>



<p>Oder damit, dass man einen Platz irgendwann „mein Hood“ nennt, obwohl man genau weiß, dass man in ein paar Wochen wieder weg sein wird.</p>



<p>Metropolis Square.</p>



<p>Mein Hood.</p>



<p>Für jetzt.</p>
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		<title>Ich wollte nur Griechisch lernen (Teil 1)</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/05/31/test-stadt-land-heimat/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 May 2026 14:48:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Stadt, Land, Heimat?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hinweis: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt in der Kindheit, Trauer und familiäre Prägungen. Bitte lies ihn nur, wenn es sich für dich gerade gut anfühlt. Eigentlich wollte ich nur Griechisch lernen. In Griechenland. Auf Korfu. Vier Wochen lang. Ein bisschen Sprache.Ein bisschen Meer.Ein bisschen diese andere Irene suchen, von der ich manchmal glaube,...</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Hinweis:</strong> In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt in der Kindheit, Trauer und familiäre Prägungen. Bitte lies ihn nur, wenn es sich für dich gerade gut anfühlt.</p>



<p>Eigentlich wollte ich nur Griechisch lernen.</p>



<p>In Griechenland. Auf Korfu. Vier Wochen lang.</p>



<p>Ein bisschen Sprache.<br>Ein bisschen Meer.<br>Ein bisschen diese andere Irene suchen, von der ich manchmal glaube, dass sie irgendwo in mir wohnt.</p>



<p>Eine, die leichter ist.<br>Lebensfreudiger.<br>Griechischer vielleicht.<br>Oder zumindest weniger müde vom ewigen Kämpfen.</p>



<p>Natürlich kam es anders.</p>



<p>Denn Griechisch ist für mich keine neutrale Sprache.</p>



<p>Es ist die Sprache meines Vaters. Die Sprache meiner Kindheitssommer. Die Sprache von Wassermelone unter griechischer Sonne, von Ferienwohnungen auf Chalkidiki, von Stimmen, die laut wurden, bevor ich verstand, was sie sagten.</p>



<p>Es ist die Sprache, die um mich herum war, aber nie ganz in mir angekommen ist.</p>



<p>Ich konnte griechische Buchstaben lesen, ohne wirklich zu verstehen, was ich da las. Ich kannte einzelne Wörter, ohne daraus Sätze bauen zu können. Ich wusste, wie Griechisch klingt, aber nicht, wie es sich anfühlt, wenn es aus meinem eigenen Mund kommt.</p>



<p>Vielleicht ist das die kürzeste Beschreibung meines Verhältnisses zu Griechenland:</p>



<p>Ich erkenne vieles wieder.<br>Aber ich gehöre nicht selbstverständlich dazu.</p>



<p>Als Kind verbrachte ich viele Sommer dort. Ich war die Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter. Halb hier, halb dort, und meistens irgendwie daneben.</p>



<p>In Deutschland war ich die mit dem griechischen Nachnamen.<br>In Griechenland war ich die, die nicht richtig Griechisch sprach.</p>



<p>Ich war nie ganz fremd.<br>Aber auch nie ganz selbstverständlich.</p>



<p>Vielleicht habe ich deshalb so lange geglaubt, ich müsste irgendwann nur die Sprache lernen, und dann würde sich etwas schließen. Eine Lücke. Eine offene Stelle. Eine alte Unsicherheit.</p>



<p>Als wäre Zugehörigkeit eine Vokabelliste.</p>



<p>Als müsste ich nur genug Wörter können, und dann würde ich endlich wissen, wer ich bin.</p>



<p>Aber Sprachen sind nicht nur Wörter.</p>



<p>Sie sind Stimmen.<br>Körpererinnerungen.<br>Familiengeschichten.<br>Scham.<br>Nähe.<br>Angst.<br>Sehnsucht.</p>



<p>Und manchmal sind sie auch eine Tür, von der man lange gehofft hat, sie sei längst zugemauert.</p>



<p>Das letzte Mal, als ich Griechisch lernen sollte — oder wollte, so genau weiß ich das heute nicht mehr — war ich ein Kind. Vielleicht zwölf, vielleicht dreizehn.</p>



<p>Mein Nachhilfelehrer war ein Freund meines Vaters. Ein Mann aus seinem weiteren Bekanntenkreis. Er sollte mir erst Griechisch beibringen, später Mathe und Physik.</p>



<p>Stattdessen fasste er mich an.</p>



<p>In meinem Zuhause. In einem Raum, der sicher hätte sein sollen.</p>



<p>Ich habe lange gebraucht, um diesen Satz überhaupt so aufzuschreiben.</p>



<p>Vielleicht, weil ich damals nicht verstand, was passiert war. Vielleicht, weil Kinder manchmal versuchen, selbst das Unerträgliche irgendwie einzuordnen. Vielleicht, weil mein Leben kurz darauf ohnehin zerbrach, als meine Mutter starb und eine andere Trauer alles überdeckte.</p>



<p>Griechisch jedenfalls wollte ich danach nie wieder lernen.</p>



<p>In der Schule kamen Englisch, Latein und Französisch. Das reichte. Mehr Sprachen mussten nicht sein. Mehr Verwirrung auch nicht.</p>



<p>Und dann starb mein Vater.</p>



<p>Und plötzlich stand diese Sprache wieder im Raum.</p>



<p>Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie jemand, der an eine Tür klopft, von der man gehofft hatte, sie sei längst verschwunden.</p>



<p>Ich weiß nicht genau, warum ich ausgerechnet in meinem ersten Trauerjahr um meinen Vater beschloss, nach Korfu zu fahren und dort Griechisch zu lernen.</p>



<p>Natürlich könnte ich sagen: Weil ich Griechenland liebe. Weil Korfu schön ist. Weil ich Zeit hatte. Weil ich schon einmal dort gewesen war und wusste, wo der Supermarkt ist, welcher Sandwichladen gut ist und welche Gassen ich mir merken muss.</p>



<p>Das stimmt alles.</p>



<p>Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.</p>



<p>Ein Teil von mir wollte meinen Vater stolz machen.</p>



<p>Auch wenn er tot ist.</p>



<p>Ein Teil von mir wollte endlich etwas nachholen, das immer wie ein Versäumnis in mir gelegen hatte.</p>



<p>Ein Teil von mir wollte wissen, ob ich mich in Griechenland fremder oder weniger fremd fühle als in München.</p>



<p>Und ein Teil von mir hoffte, dass auf Korfu diese andere Irene auf mich warten würde.</p>



<p>Die, die keine Angst bekommt, wenn ein Mann schnell und hart Griechisch spricht.</p>



<p>Die, die morgens aufwacht und sofort Lust auf Leben hat.</p>



<p>Die, die nicht alles analysiert.</p>



<p>Die, die einfach bestellt, spricht, lacht, schwimmt, bleibt.</p>



<p>Ich packte also meinen Koffer.</p>



<p>Räumte meine Wohnung auf, als würde ich nicht für ein paar Wochen verreisen, sondern mein altes Leben verlassen. Schrieb kleine Zettel mit Anweisungen zur Pflege meiner Pflanzen. Legte Dinge ordentlich hin. Machte alles bereit.</p>



<p>Kurz dachte ich sogar: Ich fahre einfach nicht.</p>



<p>Ich sage niemandem, dass ich noch da bin, und fahre jeden Tag an den Starnberger See.</p>



<p>Aber irgendetwas in mir packte weiter.</p>



<p>Vielleicht war es Mut.<br>Vielleicht Trotz.<br>Vielleicht nur die Tatsache, dass alles schon bezahlt war.</p>



<p>Am Münchner Flughafen rauchte ich meine letzte Zigarette, bevor ein Mann aus Serbien mich nach einer Kippe fragte und mir von seiner geerbten Champignonfarm erzählte. Er sagte, ich müsse unbedingt einmal nach Serbien reisen.</p>



<p>Ein Taxifahrer hatte mir das ein Jahr zuvor auch schon gesagt.</p>



<p>Vielleicht, dachte ich, werden das jetzt diese Begegnungen sein, aus denen Reisen bestehen. Kurze Einblicke in fremde Leben. Gespräche, die schneller persönlich werden, als mir lieb ist.</p>



<p>Ich hasse solche Gespräche ein bisschen.</p>



<p>In München habe ich mir über Jahre ein soziales Umfeld aufgebaut, in dem Menschen nicht einfach zufällig in mein Leben fallen. Meine Buchclub-Mädels. Meine Bootcamp-Mädels. Meine Ehrenamt-Mädels. Autorinnen-Kolleginnen.</p>



<p>Menschen, mit denen mich etwas verbindet, bevor wir anfangen, über uns selbst zu sprechen.</p>



<p>Und jetzt flog ich allein nach Korfu.</p>



<p>Für vier Wochen.</p>



<p>Um eine Sprache zu lernen, die ich nie richtig gelernt hatte.</p>



<p>Als ich durch die engen Gassen der Altstadt lief, vorbei an Schwämmen, goldenen Ketten, bunten Kleidern und Kreuzfahrtschiff-Touristen, die alle paar Meter stehen blieben, dachte ich:</p>



<p>Was bin ich hier eigentlich?</p>



<p>Touristin?</p>



<p>Griechin?</p>



<p>Halbgriechin?</p>



<p>Irgendetwas dazwischen, das noch keinen richtigen Namen hat?</p>



<p>Vielleicht lag die Antwort irgendwo in diesen vier Wochen.</p>



<p>Vielleicht auch nicht.</p>



<p>Ich merkte mir den Weg zum Supermarkt. Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern. Ich kaufte mir ein Sandwich in dem Laden, den ich beim letzten Mal noch für meinen Geheimtipp gehalten hatte und vor dem jetzt russische Influencerinnen mit aufgepolsterten Lippen standen und filmten, wie asiatische Mitarbeiter Panini belegten.</p>



<p>Mein Geheimtipp war also keiner mehr.</p>



<p>So ist das wohl mit Ankerplätzen in der Fast-Fremde: Man kehrt zurück, weil man weiß, dass das Essen gut ist. Weil man sich an einem unbekannten Ort wenigstens einmal nicht fragen muss, wohin.</p>



<p>Und dann steht man in der Schlange und merkt, dass der Anker längst woanders liegt als gedacht.</p>



<p>Am Abend saß ich auf meinem kleinen Balkon.</p>



<p>Unter mir wurde der Platz an der Kirche langsam still. Die Touristinnen verschwanden. Die Ladenbesitzerinnen klappten ihre Ständer mit den bunten Kleidern ein. Alles bekam für einen Moment eine Ordnung.</p>



<p>Ich war angekommen.</p>



<p>Aber nicht gelandet.</p>



<p>Ich war auf Korfu.</p>



<p>Aber noch nicht bei mir.</p>



<p>Diese Reihe heißt&nbsp;<strong>Stadt, Land, Heimat?</strong>, weil ich auf Korfu erst in der Stadt wohne und später in den Norden ziehe, aufs Land.</p>



<p>Aber eigentlich geht es nicht nur um Orte.</p>



<p>Es geht um die Frage, wo man hingehört, wenn man zwischen Sprachen aufgewachsen ist.</p>



<p>Es geht um einen Vater, der tot ist und trotzdem noch in jedem griechischen Satz sitzt.</p>



<p>Es geht um Trauer, die mitreist.</p>



<p>Und um Heimat, die vielleicht kein Ort ist, sondern eine Frage, die man immer wieder anders stellt.</p>



<p>Ich wollte nur Griechisch lernen.</p>



<p>Natürlich kam es anders.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Was hilft bei Trauerwellen? Meine Coping Strategien für schwere Tage</title>
		<link>https://irenekasapis.de/2026/05/09/was-hilft-bei-trauerwellen-meine-coping-strategien-fuer-schwere-tage/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Irene Kasapis]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 05:28:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leben mit Trauer]]></category>
		<category><![CDATA[Trauer ABC]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie gehe ich mit Trauer an schweren Tagen um? Was mir bei Trauerwellen wirklich hilft – ehrlich, alltagsnah und ohne Floskeln.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://irenekasapis.de/2026/05/09/was-hilft-bei-trauerwellen-meine-coping-strategien-fuer-schwere-tage/">Was hilft bei Trauerwellen? Meine Coping Strategien für schwere Tage</a> erschien zuerst auf <a href="https://irenekasapis.de">Irene Kasapis</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Es gibt diese Tage, die sich von Anfang an anders anfühlen.</p>



<p>Tage wie Muttertag, Weihnachten oder Geburtstage der Verstorbenen.<br>Aber manchmal auch ganz normale Tage, an denen plötzlich eine Erinnerung hochkommt.</p>



<p>Ein Geruch.<br>Ein Lied.<br>Ein Gedanke.</p>



<p>Und auf einmal ist sie da: diese Trauerwelle.</p>



<p>Ich habe lange nicht gewusst, wie ich mit solchen Momenten umgehen soll.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Heute weiß ich:<br>Ich brauche keine perfekten Strategien.<br>Aber ich brauche Dinge,<br>an die ich mich halten kann.</p>
</blockquote>



<p>Nicht als Lösung.<br>Sondern als Unterstützung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Einen Plan haben – und ihn wieder loslassen dürfe</h2>



<p>Was mir an solchen Tagen am meisten hilft:<br>einen Plan zu haben.</p>



<p>Nicht, weil ich ihn unbedingt durchziehen muss.<br>Sondern weil er mir Halt gibt.</p>



<p>Einmal habe ich mir für Weihnachten vorgenommen, meine Steuer zu machen.</p>



<p>Einfach, um beschäftigt zu sein. Um nicht in dieses Loch zu fallen.</p>



<p>Am Ende habe ich stattdessen Filme geschaut.</p>



<p>Und das war auch okay.</p>



<p>Der Plan war nicht dafür da, perfekt zu funktionieren.<br>Sondern dafür, mir eine Richtung zu geben.</p>



<p>Und manchmal besteht diese Richtung einfach darin,<br>es sich so leicht wie möglich zu machen. So fern das in der Trauer möglich ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ablenkung ist nicht falsch</strong></h2>



<p>Ich weiß, dass Ablenkung oft kritisch gesehen wird.</p>



<p>Aber ganz ehrlich: Mir hat sie geholfen.</p>



<p>Laut Musik hören.<br>Filme schauen.<br>Serien bingen.<br>Podcasts hören.</p>



<p>Nicht, um etwas wegzudrücken.<br>Sondern um zwischendurch Luft zu holen.</p>



<p>Trauer darf Raum haben.<br>Aber sie muss nicht jeden Moment komplett einnehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Nicht alleine sein – auch wenn man nicht reden will</strong></h2>



<p>Was für mich ein großer Unterschied war:</p>



<p>Nicht alles mit mir alleine auszumachen.</p>



<p>Das heißt nicht, dass ich immer über meine Trauer sprechen wollte.</p>



<p>Oft ging es einfach nur darum, nicht allein zu sein.</p>



<p>Zu sagen:<br>„Hey, heute ist ein schwieriger Tag für mich.<br>Hast du Lust zu telefonieren oder etwas zu unternehmen?“</p>



<p>Ohne Druck.<br>Ohne große Gespräche.</p>



<p>Einfach jemand, der da ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Rausgehen – auch wenn es Überwindung kostet</strong></h2>



<p>Manchmal hilft es, den Ort zu wechseln.</p>



<p>Ins Kino gehen.<br>In ein Museum.<br>Einfach irgendwo sein, wo das Leben weiterläuft.</p>



<p>Nicht, um sich abzulenken im klassischen Sinn, sondern um sich selbst daran zu erinnern,<br>dass es noch mehr gibt als diesen einen Moment.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Weinen – am eigenen sicheren Ort</strong></h2>



<p>Und dann gibt es die Momente, in denen nichts hilft.</p>



<p>In denen die Welle einfach kommt.</p>



<p>Früher habe ich versucht, das zu vermeiden.</p>



<p>Heute lasse ich es eher zu.<br>Zu Hause.<br>An einem Ort, der sich sicher anfühlt.</p>



<p>Ohne es zu bewerten.<br>Ohne es schnell wegmachen zu wollen.</p>



<p>Manchmal ist genau das das Einzige, was gerade dran ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vielleicht geht es gar nicht darum, es richtig zu machen</strong></h2>



<p>Ich glaube nicht, dass es den einen richtigen Umgang mit Trauer gibt.</p>



<p>Was mir hilft, kann sich morgen schon wieder anders anfühlen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Aber zu wissen, dass ich Optionen habe, macht einen Unterschied.</p>
</blockquote>



<p>Gerade an den Tagen, die schwerer sind als andere.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zum Schluss</strong></h2>



<p>Wenn du solche Tage kennst:</p>



<p>Vielleicht hilft es nicht, die perfekte Strategie zu finden.</p>



<p>Sondern ein paar Dinge zu haben, auf die du zurückgreifen kannst.</p>



<p>Und dir gleichzeitig zu erlauben, alles wieder anders zu machen.</p>



<p>So, wie es sich für dich gerade richtig anfühlt.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://irenekasapis.de/2026/05/09/was-hilft-bei-trauerwellen-meine-coping-strategien-fuer-schwere-tage/">Was hilft bei Trauerwellen? Meine Coping Strategien für schwere Tage</a> erschien zuerst auf <a href="https://irenekasapis.de">Irene Kasapis</a>.</p>
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