Hach, ist das schööööön (Teil 24)

Der Umzugstag von Korfu-Stadt aufs Land, in den Norden, nach Arillas, ist der dreißigste Todestag meiner Mutter.

Der dreißigste.

Ich habe nun offiziell länger ohne sie gelebt als mit ihr.

Ich muss allerdings genau an diesem einen Tag funktionieren. So wie ich die zwanzig Jahre funktioniert habe, in denen ich nicht um sie getrauert habe. Koffer schleppen, Taxi finden, weitermachen.

Ich bekomme WhatsApp-Nachrichten von zwei verschiedenen griechischen Nummern – einmal das Bild des Minivans der mich abholen wird, einmal die Info dass der Fahrer ein bisschen später kommt. Griechisch elf Uhr ist einfach nicht deutsch elf Uhr.

Im Hausflur treffe ich noch die nette Putzfrau, mit der ich mich in den letzten Wochen oft unterhalten hatte. Auf Englisch, natürlich. Sie schaut mir dabei zu wie ich meinen Monsterkoffer die enge Treppe Stufe für Stufe hinterschleife. Vor der Tür trifft sie einen anderen Taxifahrer, der seine Gäste nicht findet. Es geht um eine Straßennummer die nicht zu existieren scheint. Der Taxifahrer telefoniert. Seine Stimme ist hart, laut – und weil ihm irgendetwas nicht passt: noch lauter.

Ich bin sehr dünnhäutig an diesem Tag. Seine Worte schneiden sich wie kleine Rasierklingen in meine Haut. Ich zünde mir eine Zigarette an und gehe ein paar Meter weiter, um aus seinem Dunstkreis rauszukommen.

Ich weiß mittlerweile dass das die griechische Art ist und kein Weltkrieg ausbricht wenn die Stimmen lauter werden. Vielleicht würde ich es sogar charmant finden – so wie ich Französisch oder Italienisch charmant finde. Nur hatte ich halt einen Vater der immer so gesprochen hat. Der von null auf hundert laut wurde. Und an diesem Tag, dem dreißigsten Todestag meiner Mutter, habe ich keine Schutzschicht mehr übrig.

Ich verabschiede mich von der Putzfrau und sage ihr, dass ich ein Trinkgeld auf die Couch gelegt habe.

„That’s not necessary,“ sagt sie.

Ich denke nur: Mädel, die schwere Arbeit die du jeden Tag machst – du verdienst dir jeden verdammten Cent. Sage ihr aber nur, dass ich es so schön fand mich mit ihr zu unterhalten. Was ich so meine.

Ich stelle mich an die Straße des Platzes, der drei Wochen meine Heimat war, und warte. Wieder WhatsApp von den zwei griechischen Nummern: The driver will be there in a minute.

Ich stelle meinen Koffer ab. Den Rucksack. Die Plastiktüte mit der Dreckwäsche. Und schaue nochmal aufs Meer.

Das ist dann wohl einer dieser Übergangsmomente, denke ich. Ich fühle mich kurz komplett heimatlos – weder hier noch dort, weder angekommen noch abgefahren. Zwischen allem.

Es hupt. Der Taxifahrer ist da.

Weiter geht es.

Der Fahrer möchte natürlich reden. Das Schöne an Griechenland sind diese vielen kleinen sozialen Kontakte – beim Bäcker, im Starbucks, überall wird mehr ausgetauscht als nur das Nötigste. In den letzten Wochen hat mich das erfüllt. Heute nervt es mich. Ich will nicht nochmal erklären woher ich komme, wie oft ich schon auf Korfu war. Ich gebe dem armen Mann kurze Antworten und schicke ihm im Geiste ein stilles: Tut mir leid, nimm es nicht persönlich. Nicht heute.

Ich kenne die Strecke von Korfu-Stadt nach Arillas – sie führt über einen kleinen Berg, ist stellenweise eng und kurvig. Ich nehme lieber eine blaue Pille gegen Reisekrankheit und schaue aus dem Fenster.

In Arillas klappt dann alles. Einchecken ins neue Zimmer – sogar vor der offiziellen Check-in-Zeit. Mietauto abholen. Zum Yoga fahren. Ich verfahre mich nur einmal auf dem zwanzigminütigen Weg zum Yogahaus, und bin stolz auf mich. Die Frau die zu Hause nie Auto fährt, humpelt hier über Schlaglöcher die so tief sind wie die Fragen die diese Reise aufgeworfen hat. Ich begrüße die Yogalehrerin, begrüße die anderen Teilnehmerinnen, mache Yoga.

Und dann – der Geruch. Meer und Olivenbäume. Die Luft ist freier hier, kühler, weiter. Keine engen Gassen die die Hitze stauen, kein Lärm der von Hauswänden zurückgeworfen wird. Das Grün der Olivenbäume schluckt alles. Ich spüre wie ich freier atmen kann. Auch wenn die Trauer noch da ist. Auch wenn heute dieser Tag ist.

Ich rumpele über die Schlaglöcher zurück ins Hotelzimmer. Koche. Mache einen Film an.

Nicht irgendeinen Film.

Den Film.

Den ich zu hundert Prozent mit meiner Mutter verbinde. Bei dem ich schon bei den ersten Sätzen losheule, jedes Mal, seit dreißig Jahren.

„Ich hatte eine Farm am Fuße der Ngong-Berge.“

Jenseits von Afrika. 1985.

Samstagnachmittag war bei uns Kinoabend. Manchmal gab es Popcorn. Dank meiner zwei älteren Brüder mehr James Bond als Romanze – wir zählten sogar die Toten. Aber ich erinnere mich vor allem an ein Gefühl. Zugehörigkeit. Sicherheit. Hier gehöre ich hin.

Und dann, für ein paar Sekunden – ich weiß nicht ob es Einbildung ist oder Erschöpfung oder Trauer oder all das zusammen – spüre ich sie neben mir.

Meine Mutter. Auf dem Bett. Den Kopf auf meine Schulter gelegt.

Die Szene kommt, in der Robert Redford Meryl Streep die Haare wäscht. Ich höre sie seufzen, so wie sie immer geseufzt hat:

„Hach. Ist das schööööön.“

Der Film geht weiter.

Meine Mutter verschwindet wieder.

Und draußen, irgendwo über Korfu, geht glutrot die Sonne unter.

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