Ich fahre früher nach Hause (Teil 23)
Irgendwann im Chaos des Packens spüre ich es.
Etwas das ich seit meiner Ankunft verdrängt hatte und das jetzt immer lauter wird, bis ich es nicht mehr überhören kann.
Ich habe keinen Bock mehr.
Ich will nach Hause.
Ich erschrecke mich über die Wucht dieser Sehnsucht. Nach meiner kleinen Wohnung mit der rosa Kommode. Nach dem Rest meiner Klamotten. Nach der Küche, von der aus ich den Kirchturm sehen und hören kann. Nach den vertrauten Straßen in meinem wirklichen Viertel in München. Nach meinem Supermarkt. Nach meiner Tante. Nach meinem Platz unter einer Linde im Park, lesend, ohne Agenda. Nach der Isar. Nach dem Wald bei mir ums Eck. Nach meinem Fahrrad. Nach Wetter das einem nicht das Gehirn lahmlegt.
Und vor allem – vor allem – nach meinem sozialen Umfeld.
Meinem Buchclub. Meinem Bootcamp. Meinen Autorinnen-Kolleginnen. Meinen sorgfältig auf Maß geschneiderten Menschen, mit denen ich gesunde Beziehungen habe. Das erste Mal in meinem Leben.
Ich ziehe den Reißverschluss des Koffers zu – und breche in Tränen aus.
Nicht weil ich traurig bin. Sondern weil mir in diesem Moment klar wird: Ich muss das hier nicht bis zum Ende durchziehen. Ich kann nach Hause fahren. Wann ich will. Weil ich es will.
Kurz überlege ich ob ich einfach zu alt geworden bin für sowas. Und verwerfe den Gedanken sofort. Die Antwort ist vielschichtiger als das.
Meine Bedürfnisse sind anders geworden. Ich brauche Beziehungen die langsam zusammenwachsen. Ich brauche Struktur. Ich brauche Routine. Und ich brauche – dringend – etwas anderes in meinem Kopf als das ständige um mich selbst Drehen, Reflektieren, Darüber-Schreiben.
Einfach ein ganz normales Leben. Mein Leben.
Ich sage das gemietete Haus ab. Mache die Yogawoche – die habe ich gebucht und die mache ich. Aber danach: München.
Mein Leben das auf mich gewartet hat, während ich auf Korfu Griechisch gelernt und alte Wunden aufgemacht und eine Katze mit Lachs beleidigt habe.
Es wartet noch.
