Mit den Händen auf dem Bauch
Triggerwarnung: Dieser Text enthält Themen wie sexueller Missbrauch in der Kindheit (ohne explizite Schilderungen), Grooming, Trauer und therapeutische Verarbeitung.
Zwei Wochen nach dem Traum – oder der Erinnerung, ich weiß bis heute nicht genau was es war – liege ich erschöpft in meinem Bett.
Der Griechischunterricht war wieder anstrengend, lauter neue Wörter die sich in meinem Kopf stapeln wie ungelesene Post. Unter meinem kleinen Balkon wuseln die Touristen durch die engen Gassen. Viele Deutsche, wie ich erst verstehe als ein riesiges TUI-Kreuzfahrtschiff sich laut tutend aus dem Hafen von Korfu verabschiedet. Tschüss, Deutschland. Oder: Hallo, Deutschland. Je nachdem.
Mein Gehirn kommt langsam zur Ruhe, die kühlen Kissen tun ihr Werk.
Und dann taucht Fritz auf.
Nicht als Traum diesmal. Als Erinnerung. Eine die ich lange nicht angeschaut hatte – oder nicht anschauen wollte.
Fritz war damals der Einzige, der mit mir über meine Mutter gesprochen hatte. Sie war in diesem endlosen Kreislauf gefangen: Krankenhaus, Reha, zu Hause, Krankenhaus. Niemand aus meiner Familie erklärte mir warum. Wenn ich meinen Vater fragte, antwortete er: „Sie ist krank.“ Das war alles. Mehr gab es nicht. Die Tür war zu.
Fritz aber sprach mich direkt darauf an. Ich meine mich zu erinnern, dass er einmal sagte: „Es ist okay, traurig zu sein.“
Fünf Wörter. Für ein dreizehnjähriges Mädchen das nicht wusste warum seine Mutter immer wieder verschwand, waren das fünf sehr große Wörter.
Er hatte also nicht nur Fotos von sich mitgebracht und Griechisch unterrichtet. Er hatte zugehört. Er hatte gefragt. Er hatte eine Lücke gefüllt, die mein Vater – der Mann mit der Faust auf dem Tisch, der Mann dessen Stimme ich noch heute im Kopf höre – nicht füllen konnte oder wollte.
Vor Korfu kam das Biopic über Michael Jackson in die Kinos. Das Marketing war groß, und eigentlich liebe ich diese Filme. Aber bei Michael Jackson war bei mir Schluss. Zu sehr hatte sich das Wort in meinem Kopf festgesetzt. Ich schaute mir dann mit Bauchschmerzen die Dokumentation „Leaving Neverland“ an – die Geschichte von zwei Männern, die erzählen was Michael Jackson mit ihnen gemacht hatte, als sie kleine Jungen waren. Nicht reißerisch. Aber so, dass man versteht was da passiert ist.
In meinen Augen ist er schuldig.
Und das Absurde, das mich nicht losließ: Nach dieser Dokumentation verstand ich zum ersten Mal, dass diese Menschen gleichzeitig krank und genial sein können. Dass das eine das andere nicht ausschließt. Dass jemand Musik machen kann die eine ganze Generation bewegt – und gleichzeitig ein Kind missbrauchen.
So wie Fritz.
Der sich bei seinem Übergriff auf mich wahrscheinlich nicht viel gedacht hat. Dem vermutlich nicht bewusst war, was er tat als er mich nach meiner Mutter fragte, als er mir seine alten Fotos zeigte – jung und schön, wie er selbst sagte – als er Vertrauen aufbaute, Woche für Woche, Stunde für Stunde. Dieses langsame, geduldige Heranarbeiten an ein Kind das einsam war und traurig und sich nach jemandem sehnte der zuhört.
Grooming nennt man das heute.
Damals nannte ich es: endlich jemand der mich versteht.
Ich starre an die Decke meines Apartments in Korfu und denke: Wie viel Wut darf ich auf jemanden haben, den ich mochte? Auf jemanden der mir etwas gegeben hat – Aufmerksamkeit, Wärme, das Gefühl gesehen zu werden – und mir gleichzeitig etwas genommen hat, ohne dass ich wusste dass da überhaupt etwas zu nehmen war?
Ich komme aus diesem Erinnerungs-Loop nicht mehr raus.
Also schreibe ich meiner Therapeutin.
Wir vereinbaren eine Online-Sitzung, und ich erzähle ihr alles. Die ganze Geschichte. Und mitten im Erzählen breche ich in Tränen aus – nicht dramatisch, nicht laut, sondern so wie Tränen manchmal kommen wenn man endlich aufgehört hat sie zurückzuhalten.
„Wie alt bist du gerade?“ fragt sie mich.
Ich überlege einen Moment. „So alt wie damals. Als es passiert ist.“
„Und was fühlst du gerade?“
„Einen riesengroßen Wut-Klumpen im Bauch.“
Sie schweigt kurz. Dann sagt sie: „Dann lass uns einfach damit sein. Leg deine Hände auf den Bauch. Mach die Augen zu. Und sag deiner kleinen Irene alles was sie gerade hören muss.“
Ich mache es.
Ich sage laut, in mein Apartment in Korfu, mit den Händen auf dem Bauch und den Augen zu:
„Es ist nicht deine Schuld. Du bist sicher. Du bist nicht allein. Ich beschütze dich.“
Nach der Stunde spüre ich wie ich wieder freier atmen kann.
Nicht geheilt. Nicht fertig. Aber freier.
Und draußen vor meinem Fenster rauscht das Meer weiter, gleichmäßig und geduldig, als hätte es die ganze Zeit gewartet.
