Sieben Euro für ein kleines Glück (Teil 18)

Ich fühle mich nicht wie die Frau die Leinen trägt. Ihr wisst welche ich meine – die die entspannt auf einer Terrasse sitzt, Weißwein in der Hand, das Leinen fällt in perfekten Falten. Ich trage Leinen trotzdem. Hier in Griechenland fühlt es sich einfach richtig an.

Für meine Reise nach Südafrika Anfang des Jahres hatte ich mir eine komplette Sommergarderobe bestellt – darunter drei Leinenhosen. Da ich für die Standardgrößen der Modehäuser zu klein bin, müssen neue Hosen bei mir immer zum Kürzen. In München hatte mich das zuletzt zwanzig Euro gekostet. Pro Hose.

Dreimal gewaschen hat sich die Naht am gekürzten Bein bei einer der Hosen nun auf Korfu aufgelöst.

Die Schneiderin in München hat einen Scheiß-Job gemacht, denke ich, und google nach einem Schneider in Korfu-Stadt. Ich finde einen kleinen Laden in einer Seitengasse vom St. Rocco Square.

Als ich die Tür öffne, sitzt ein junger Mann auf dem Boden und repariert ein Fahrrad. Ich schaue mich unsicher um. Bin ich hier richtig? Dann sehe ich hinter ihm die Nähmaschine.

„Do you speak English?“ frage ich.

„Yes,“ sagt er, und es klingt stolz.

Ich halte ihm die Hose hin und zeige auf die aufgelöste Naht. „This needs to be re-sewn. Properly.“

Er nickt, dreht die Hose in den Händen, betrachtet den Schaden mit der ruhigen Sachlichkeit eines Mannes der schon Schlimmeres gesehen hat.

„When will it be ready?“ frage ich.

„Tomorrow.“

„And how much?“

„Seven euros.“

Sieben Euro. Ich schaue ihn an. Er schaut zurück. Sieben Euro, denke ich. Ich sage: „Okay.“

Er bittet mich um meine Handynummer, notiert sich die letzten drei Ziffern auf einem kleinen Zettel – und steckt ihn mit einer Nadel direkt an meiner Hose fest. Ich verlasse den Laden und frage mich kurz ob ich meine Hose jemals wiedersehen werde.

Am nächsten Tag stehe ich wieder in der Tür.

„Do you have the last numbers of your mobile phone number?“ werde ich gefragt.

Ich sage sie ihm. Er kramt durch eine Reihe von Plastiktüten – kleine Tüten, große Tüten, Papier, Plastik, alle auf dem Boden verteilt, alle wartend auf Abholung – und zieht schließlich meine Hose hervor.

Ich betrachte die Naht. Sauber, gerade, fest. Besser als neu.

Sieben Euro.

Auf dem Weg zurück zum Apartment drücke ich die Hose fest an mich – und flüstere, ohne darüber nachzudenken:

„Da bist du ja wieder.“

Als wäre sie ein Teil von mir gewesen den ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Und nicht nur vierundzwanzig Stunden.

Ich weiß nicht warum mich diese Kleinigkeit so glücklich macht.

Aber sie tut es. Und das reicht.

Vielleicht weil sie einfach nur repariert ist. Ohne große Worte. Ohne Erwartungen. Einfach: kaputt, und dann wieder heil.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert