KI bei der Bewerbung – zwischen optimiertem Lebenslauf und der Frage nach Menschlichkeit

KI bei der Bewerbung: Wie viel Optimierung ist zu viel?

Instagram weiß, dass ich unbeschäftigt bin. Natürlich weiß es das.

Es weiß alles.

Also spült es mir Videos von Frauen im Bademantel rein, die zum fünften Mal ihre Lieblingsserie schauen, weil sie ebenfalls auf Arbeitssuche sind.

Total relatable, steht in den Kommentaren. Tausendfach.

Ich schaue mir das an und denke:

Ja. Genau. Das bin ich.

Und dann schaue ich weiter Netflix.

True Crime, natürlich.

Mein Algorithmus kennt mich mittlerweile besser als meine Familie. Er schlägt mir nicht mal mehr großartig neue Serien vor. Er weiß, dass ich sowieso wieder True Crime anschaue.

Relatable Content konsumieren, während man selbst zum relatable Content wird.

Ein geschlossener Kreis.

Warum ausgerechnet True Crime inzwischen zu meinen bevorzugten Methoden gegen das Warten gehört, habe ich schon in [„Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist“] aufgeschrieben.

Dann kommen die Expertinnen

Kaum bin ich fertig mit der Bademantel-Dame auf Instagram, wechselt der Algorithmus die Richtung.

Jetzt kommen die HR-Expertinnen.

„5 Sätze, die du NIEMALS im Vorstellungsgespräch sagen darfst.“

„Der ultimative Prompt für dein perfektes Anschreiben.“

„So bekommst du garantiert eine Einladung.“

Garantiert.

Als wäre das hier eine Mathematikaufgabe mit einer eindeutigen Lösung und nicht ein Prozess, bei dem ich auf einen erheblichen Teil dessen, was nach dem Abschicken meiner Bewerbung passiert, überhaupt keinen Einfluss habe.

Ich schaue mir trotzdem eins dieser Videos an.

Dann noch eins.

Der Druck steigt mit jedem Reel ein bisschen. Dieser Optimierungsdrang ist mir inzwischen ziemlich bekannt. Er gehört zu den [emotionalen Phasen der Jobsuche], die ich bei mir selbst beobachtet habe.

Irgendwann bin ich überzeugt:

Wenn ich nur den perfekten Lebenslauf hätte.

Das perfekte Anschreiben.

Von einer Maschine geschrieben, versteht sich, denn offenbar schreiben Maschinen das inzwischen besser als ich selbst.

Also lasse ich ChatGPT meinen Lebenslauf umformulieren.

Und bin überrascht.

Plötzlich ist glasklar, was ich all die Jahre eigentlich gemacht habe.

Mein diffuses Marketing-Allrounder-Wissen wird zu:

„Strategischer Kompetenz in bereichsübergreifender Kommunikation.“

Ich lese das und denke:

Wow.

Klingt gut.

Wer ist diese Frau?

Dann erklärt LinkedIn mir, dass ich eigentlich nichts kann

Ein paar Tage später finde ich einen LinkedIn-Beitrag.

Eine Userin prangert genau die Art von Stelle an, auf die ich mich bewerben würde.

Ein bisschen Grafik.

Ein bisschen Social Media.

Ein bisschen Veranstaltungsorganisation.

Drei Jobs in einem, schreibt sie.

Und diese „Allrounder“ könnten eigentlich nichts wirklich.

Ich werde wütend.

Richtig wütend.

Ich klicke das Fenster weg, bevor ich etwas kommentiere, das ich später bereuen würde.

Aber die Wut bleibt.

Wem soll ich eigentlich glauben?

Am nächsten Tag ist wieder Dienstag.

Alle sitzen im Büro.

Ich stehe in der Küche und starre in den Himmel, eine Kaffeetasse in der Hand, die längst kalt geworden ist.

Wem soll ich eigentlich vertrauen in diesem ganzen lauten Gedöns?

Jede und jeder auf Social Media hat eine Meinung.

Fünf beste Tipps.

Den ultimativen Prompt.

Die fünf Sätze, die man niemals sagen darf.

Und ich stehe dazwischen und frage mich:

Liegt es an meinem Lebenslauf?

An dem Foto?

An der KI, die ihn geschrieben hat?

Oder gerade daran, dass sie ihn geschrieben hat?

Wenn irgendwann alle KI-generierte Lebensläufe verschicken.

Wenn sich jeder als die geilste Version seiner selbst verkauft.

Poliert.

Optimiert.

„Strategisch kompetent.“

Wo bleibt dann die Menschlichkeit? Vielleicht beschäftigt mich diese Frage auch deshalb so sehr, weil ich irgendwann gemerkt habe, wie leicht [die Jobsuche selbst Teil der eigenen Identität werden kann].

Denn was nützt der beste Lebenslauf, wenn der Mensch dahinter ganz anders ist als die Person, die auf dem Papier konstruiert wurde?

Menschlich, aber optimiert

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen.

Nur eine kalte Tasse Kaffee und den Himmel, der auch keine Antworten gibt.

Aber vielleicht ist das schon die Antwort:

Dass es keinen richtigen Weg gibt.

Nur sehr viele laute Stimmen, die alle behaupten, ihn zu kennen.

Ich mache Netflix wieder an.

Mein Algorithmus wartet schon.


Mehr aus „Unbeschäftigt“

→ [Als die Jobsuche mein Ich wurde]
Wenn aus „Ich suche einen Job“ irgendwann „Ich bin die Jobsuche“ wird.

→ [Die Personalvermittlerin]
Über drei Stunden Arbeitsweg und unterschiedliche Vorstellungen von Motivation.

→ [Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist]
Über Langeweile, Kontrollverlust und die Frage, wie man seinen Kopf zwischendurch ausschaltet.

→ [Jobsuche und Psyche: Die emotionalen Phasen einer Bewerbung]
Von Hoffnung über Selbstzweifel bis zu dem Punkt, an dem man Unternehmen auch wieder selbst bewertet.

——————————————————-
Titelphoto von Franziska Freiwald

Ein Kommentar

  1. Ach, Irene. So gute Gedanken wieder, die du da mit uns teilst! Relatable 🤣 Bin sehr froh, dich als Mensch mit Haut und Haar und ganz „in echt“ kennen zu dürfen! Da kann keine maximaloptimierte KI-Version mithalten ❤️ Wie immer; schöner, guter, kluger, inspirierender Text!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert