Frau beim Warten während der Jobsuche – Artikel über Langeweile und Ungewissheit bei Bewerbungen

Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist

Ich habe Langeweile wiederentdeckt. Warten bei der Jobsuche hatte ich mir anders vorgestellt.

Nicht die gute Langeweile, von der irgendwelche Achtsamkeitsmenschen behaupten, dass sie Kreativität freisetzt.

Die andere.

Die, bei der man morgens aufsteht und eigentlich nichts zu tun hat – außer zu warten.

Auf eine E-Mail.

Auf einen Anruf.

Auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Auf eine Absage.

Auf irgendein Zeichen dafür, dass sich etwas bewegt.

Ich hatte vergessen, wie zermürbend Warten bei der Jobsuche sein kann.

Denn eigentlich passiert nichts.

Und gleichzeitig könnte jederzeit etwas passieren.

Das ist das Problem.

Vielleicht heute

Morgens checke ich meine E-Mails.

Nichts.

Ich trinke Kaffee.

Checke meine E-Mails.

Nichts.

Ich gehe spazieren, komme zurück und checke meine E-Mails.

Natürlich weiß ich, dass mein Handy mich benachrichtigen würde, wenn eine E-Mail kommt.

Das ist meinem Gehirn egal.

Vielleicht hat es die Benachrichtigung übersehen.

Vielleicht ist die Mail im Spam gelandet.

Vielleicht funktioniert die App nicht.

Vielleicht.

Also schaue ich nach.

Nichts.

Manchmal denke ich:

Na gut. Dann lese ich halt noch ein Buch.

Und das mache ich dann auch.

Ich lese.

Eine Stunde später lege ich das Buch weg und öffne mein E-Mail-Postfach.

Nur kurz.

Nichts.

Langeweile ist tagesformabhängig

Das Merkwürdige ist: Manchmal finde ich diesen Zustand sogar schön.

Ich habe Zeit.

Sehr viel Zeit.

Ich kann morgens überlegen, worauf ich heute Lust habe.

Sport?

Spazieren?

Lesen?

Schreiben?

Ich muss nirgendwo hin. Niemand wartet auf mich. Kein Wecker reißt mich morgens aus dem Schlaf.

An manchen Tagen denke ich:

Wie luxuriös eigentlich.

Dann lese ich eben noch ein Buch.

An anderen Tagen macht mich genau dieselbe Freiheit wahnsinnig. Warten bei der Jobsuche fühlt sich dann plötzlich nicht nach Freiheit an, sondern nach Stillstand.

Dann könnte ich schreien.

Weil ich nicht noch ein Buch lesen möchte.

Ich möchte arbeiten.

Ich möchte morgens irgendwo erwartet werden.

Ich möchte Aufgaben haben, die nichts mit mir selbst zu tun haben.

Ich möchte mich über Kolleginnen und Kollegen ärgern.

Ich möchte mich auf Feierabend freuen.

Vor allem möchte ich aufhören zu warten.

Das Problem mit dem Warten bei der Jobsuche

Jobsuche sieht von außen erstaunlich aktiv aus.

Stellen suchen.

Bewerbungen schreiben.

Lebenslauf anpassen.

Vorstellungsgespräche vorbereiten.

Aber dazwischen liegen riesige Flächen aus:

nichts.

Du kannst eine Bewerbung abschicken.

Aber du kannst nicht entscheiden, wann jemand sie liest.

Du kannst ein Vorstellungsgespräch führen.

Aber du kannst nicht entscheiden, wann danach eine Entscheidung fällt.

Du kannst nachfragen.

Aber irgendwann hast du nachgefragt.

Und dann?

Wieder warten.

Vielleicht ist genau das so anstrengend daran.

Man hat theoretisch etwas zu tun.

Praktisch hat man auf einen großen Teil davon überhaupt keinen Einfluss.

Und dieses Warten macht natürlich auch etwas mit einem. Über Hoffnung, Selbstzweifel und Optimierungswahn während der Jobsuche habe ich schon in meinem Artikel „Jobsuche und Psyche: Die emotionalen Phasen einer Bewerbung“geschrieben.

Ich brauche etwas, das lauter ist als mein Kopf

Also habe ich angefangen, Dinge zu suchen, bei denen mein Gehirn endlich die Klappe hält.

True Crime funktioniert hervorragend.

Offenbar ist ein ungeklärter Mord das Einzige, was momentan spannender ist als mein E-Mail-Postfach.

Ich mache eine Dokumentation an und für eine Stunde gibt es keine Bewerbungen.

Keine Stellenanzeigen.

Keine Frage, ob ich meinen Lebenslauf noch einmal ändern sollte.

Keine Gedanken darüber, warum sich Unternehmen XY noch nicht gemeldet hat.

Nur:

Wer hat es getan?

Warum?

Und wird man ihn erwischen?

Herrlich.

Mein Gehirn ist beschäftigt.

Leider hat die Sache einen kleinen Haken.

Vielleicht ein bisschen zu viel True Crime

Wenn man sehr viele Geschichten über Einbrüche, Entführungen und Morde schaut, beginnt das Gehirn irgendwann offenbar zu glauben, dass man selbst in einer Netflix-Dokumentation lebt.

In einer Nacht lag ich im Bett und war plötzlich überzeugt, dass bei mir eingebrochen werden könnte.

Nicht ein bisschen nervös.

Richtig Angst.

Also tat ich, was jeder vernünftige Mensch in dieser Situation tun würde.

Ich schob einen schweren Schrank vor meine Wohnungstür.

Am nächsten Morgen war niemand eingebrochen.

Dafür hatte ich Kratzer im Parkett.

Vielleicht brauche ich eine andere Beschäftigung.

Malen nach Zahlen

Und dann entdeckte ich Malen nach Zahlen.

Das komplette Gegenteil meiner Jobsuche.

Bei der Jobsuche weiß ich nie, was passiert.

Beim Malen nach Zahlen weiß ich exakt, was passiert.

Auf einem Feld steht eine 17.

Ich nehme Farbe 17.

Ich male das Feld aus.

Fertig.

Keine Interpretation.

Keine Entscheidung.

Keine Frage, ob Farbe 12 vielleicht strategisch besser zu meinem Profil passen würde.

Niemand ghostet mich.

Kein Feld schreibt mir nach drei Wochen:

„Wir haben uns nach sorgfältiger Prüfung für eine andere Farbe entschieden.“

Die 17 will die 17.

Was für eine Wohltat.

Ich sitze da und male winzige Flächen aus und mein Kopf wird still.

Nicht immer.

Aber oft genug.

Was Warten bei der Jobsuche mit mir macht

Ich dachte immer, Langeweile entsteht, wenn man nichts zu tun hat.

Inzwischen glaube ich, dass es noch eine andere Art gibt.

Die Langeweile, die entsteht, wenn man auf etwas wartet, das man nicht beschleunigen kann.

Man ist nicht wirklich frei.

Aber man ist auch nicht beschäftigt.

Man hängt irgendwo dazwischen.

Vielleicht macht mich das deshalb an manchen Tagen so wahnsinnig.

Und vielleicht muss ich auch gar nicht lernen, diese Zeit wahnsinnig sinnvoll zu nutzen.

Ich muss kein neues Hobby perfektionieren.

Keine Sprache lernen.

Kein Side Business gründen.

Keine „beste Version meiner selbst“ werden, nur weil ich gerade keinen Job habe.

Manchmal darf ich einfach ein Buch lesen.

Manchmal darf mich die Langeweile nerven.

Manchmal darf ich mein E-Mail-Postfach zum fünften Mal öffnen, obwohl ich genau weiß, dass nichts Neues drin ist.

Und manchmal male ich eben Feld Nummer 17 aus.

Hauptsache, ich schiebe keinen Schrank mehr vor die Tür.

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Titelphoto von Franziska Freiwald

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