Jobsuche und Psyche – die emotionalen Phasen einer Bewerbung

Jobsuche und Psyche: Die emotionalen Phasen einer Bewerbung

Am Anfang ist da Hoffnung.

Du findest eine Stellenanzeige und denkst: Oh. Das könnte passen.

Du liest sie ein zweites Mal. Dann schaust du auf die Website des Unternehmens. Du googelst die Menschen, die dort arbeiten. Du rechnest aus, wie lange du morgens ins Büro brauchen würdest. Vielleicht schaust du sogar schon, welches Café um die Ecke liegt.

Dabei hast du noch nicht einmal eine Bewerbung abgeschickt.

Aber in deinem Kopf hast du schon angefangen, ein kleines mögliches Leben zu bauen.

So beginnt Bewerben.

Und wenn die Jobsuche länger dauert, passiert etwas Interessantes: Dieses Gefühl verändert sich. Nicht einmal, sondern immer wieder.

Jobsuche und Psyche hängen enger zusammen, als ich vorher gedacht hätte. Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum, einen neuen Job zu finden.

Ich glaube inzwischen, Bewerben hat emotionale Phasen.

Infografik zur emotionalen Kurve der Jobsuche mit acht Phasen: Hoffnung, Warten, Selbstzweifel, Optimierungswahn, Vorstellungsgespräch, Entzauberung, Erschöpfung und Trotz.

Phase 1: Hoffnung

Diese Stelle!

Genau diese.

Natürlich erfüllt man nicht jeden Punkt der Ausschreibung. Aber wer tut das schon? Dafür bringt man andere Dinge mit.

Man schreibt ein Anschreiben. Aktualisiert den Lebenslauf. Überlegt sich, warum man ausgerechnet dort arbeiten möchte.

Und währenddessen passiert etwas, das vermutlich kaum jemand in einem Bewerbungsratgeber erwähnt:

Man beginnt, sich die Zukunft vorzustellen.

Wie wäre es, dort zu arbeiten?

Wie wären die Kolleg*innen?

Würde ich morgens gerne hingehen?

Könnte das endlich mein Platz sein?

Eine Bewerbung besteht deshalb nie nur aus einem PDF und einem Lebenslauf.

Man schickt immer auch ein kleines Stück Zukunft mit.

Phase 2: Warten

Dann passiert erst einmal:

nichts.

Du öffnest dein E-Mail-Postfach.

Nichts.

Du öffnest es zwei Stunden später noch einmal, obwohl du genau weißt, dass dein Handy dich über eine neue Nachricht informieren würde.

Nichts.

Nach drei Tagen bist du noch entspannt.

Nach einer Woche denkst du: Die haben bestimmt viele Bewerbungen.

Nach zwei Wochen fragst du dich, ob deine Bewerbung überhaupt angekommen ist.

Und irgendwann kommt eine Mail.

„Vielen Dank für Ihre Bewerbung und das damit verbundene Interesse an unserem Unternehmen …“

Nach den ersten sieben Wörtern weißt du meistens schon, wie der Satz endet.

Phase 3: Selbstzweifel

Eine Absage ist okay.

Zwei auch.

Bei der fünften beginnt etwas zu arbeiten.

Vielleicht liegt es an meinem Lebenslauf.

Vielleicht bin ich zu alt.

Vielleicht habe ich zu viele verschiedene Sachen gemacht.

Vielleicht hätte ich das anders formulieren sollen.

Vielleicht ist meine Gehaltsvorstellung zu hoch.

Vielleicht hätte ich das Foto austauschen sollen.

Vielleicht hätte ich dieses eine Wort nicht benutzen dürfen.

Und irgendwann wird aus der Frage

„Passt dieser Job zu mir?“

unbemerkt:

„Was stimmt eigentlich mit mir nicht?“

Das ist wahrscheinlich eine der gefährlichsten Verschiebungen während einer längeren Jobsuche.

Und genau hier merkt man, was Jobsuche und Psyche miteinander zu tun haben.

Denn eine Bewerbung ist eine berufliche Auswahlentscheidung. Aber nach genügend Absagen kann sie sich wie eine Bewertung der eigenen Person anfühlen.

Phase 4: Optimierungswahn

Also optimierst du.

Den Lebenslauf.

Das Anschreiben.

LinkedIn.

Die Überschrift auf LinkedIn.

Die Keywords unter der Überschrift auf LinkedIn.

Du liest Stellenanzeigen plötzlich nicht mehr wie ein normaler Mensch, sondern wie ein Geheimdienst.

Warum steht da „belastbar“?

Was meinen die mit „Hands-on-Mentalität“?

Warum suchen die schon wieder?

Ist „familiäres Team“ eine Red Flag?

Was bedeutet „eigenverantwortlich“ wirklich?

Du entwickelst verschiedene Lebensläufe für verschiedene Stellen.

Du lernst, was ATS bedeutet.

Du beschäftigst dich mit Keywords.

Du bereitest Vorstellungsgespräche vor.

Und irgendwann bereitest du dich so gut vor, dass du im Vorstellungsgespräch kaum noch weißt, wie du normalerweise sprichst.

Statt zu sagen:

„Mir ist wichtig, dass man miteinander redet.“

hörst du dich plötzlich sagen:

„Für mich ist eine wertschätzende Kommunikation auf menschlicher Ebene besonders wichtig.“

Und denkst währenddessen:

Wer ist diese Frau?

Phase 5: Die Vorstellungsgespräch-Fantasie

Dann passiert es.

Eine Einladung.

YES.

Plötzlich ist die Hoffnung wieder da.

Jetzt wird recherchiert.

Unternehmen. Produkte. Geschäftsführung. LinkedIn. Instagram. Kununu. Jahresumsatz. Unternehmensgeschichte.

Du bereitest Antworten auf Fragen vor, die möglicherweise niemals gestellt werden.

Wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Was ist Ihre größte Schwäche?

Warum möchten Sie ausgerechnet zu uns?

Wie würden Ihre Kolleg*innen Sie beschreiben?

Dann beginnt das Gespräch.

Und natürlich läuft es komplett anders.

Die Person erzählt erst einmal zwanzig Minuten über das Unternehmen.

Niemand fragt nach deiner größten Schwäche.

Die Frage, auf die du gestern eine perfekte Antwort vorbereitet hast, kommt nicht.

Stattdessen wirst du etwas gefragt, worüber du noch nie in deinem Leben nachgedacht hast.

Und irgendwie überlebst du trotzdem.

Phase 6: Entzauberung

Das Vorstellungsgespräch hat aber noch eine andere Funktion.

Der Job wird plötzlich real.

Aus „Marketing in der XYZ-Branche“ werden Newsletter, WordPress, Katalogproduktion und Werbegeschenke.

Aus „Arbeiten in XYZ“ werden Budgets, KPIs, Kampagnenplanung und Reporting.

Aus einer schönen Stellenanzeige wird ein Dienstagvormittag.

Und das ist gut.

Denn irgendwann während einer langen Jobsuche kann man vergessen, dass nicht nur das Unternehmen entscheidet.

Du entscheidest auch.

Will ich diese Aufgaben wirklich machen?

Will ich mit diesen Menschen arbeiten?

Will ich fünf Tage die Woche dort sein?

Passt das Gehalt?

Wie fühlt sich die Führungskraft an?

Ist das wirklich ein Job, den ich möchte – oder möchte ich einfach nur endlich, dass mich jemand möchte?

Phase 7: Erschöpfung

Irgendwann bist du müde.

Nicht unbedingt körperlich.

Bewerbungsmüde.

Spätestens hier wird die Verbindung zwischen Jobsuche und Psyche ziemlich deutlich.

Du willst nicht noch einmal erklären, warum du gut in Kommunikation bist.

Du möchtest nicht noch einmal deinen Lebenslauf „individuell auf die Stelle zuschneiden“.

Du willst nicht zum 37. Mal schreiben, dass du dich „mit großer Begeisterung“ bewirbst.

Du bist überhaupt nicht mehr groß begeistert.

Du möchtest einfach arbeiten.

Und Geld verdienen.

Und nette Kolleg*innen haben.

Und irgendwann Feierabend machen.

Phase 8: Trotz

Und dann kommt eine Phase, mit der ich nicht gerechnet habe.

Trotz.

Eine neue Stellenanzeige erscheint.

Sie passt sogar ziemlich gut.

Früher hätte ich gedacht:

Vielleicht ist sie das!

Heute denke ich eher:

Na schön. Dann bekommt ihr halt meine Bewerbung.

Nicht aus Gleichgültigkeit.

Sondern weil ich nicht mehr bereit bin, vor jedem Unternehmen emotional in Vorleistung zu gehen.

Hier ist mein Lebenslauf.

Hier ist, was ich kann.

Ihr sucht jemanden mit meiner Erfahrung.

Ich suche einen Job mit euren Rahmenbedingungen.

Wenn ihr das genauso seht, können wir miteinander reden.

Wenn nicht, dann nicht.

Vielleicht ist Trotz gar nicht die schlechteste Phase

Vielleicht klingt das verbittert.

Ich glaube aber inzwischen, dass darin auch etwas Gesundes steckt.

Denn am Anfang einer Jobsuche liegt die Macht gefühlt vollständig beim Arbeitgeber.

Bitte ladet mich ein.

Bitte erkennt meine Erfahrung.

Bitte gebt mir eine Chance.

Nach einer Weile kann sich etwas verschieben.

Man beginnt wieder zu fragen:

Was bietet ihr eigentlich mir?

Wie führt ihr?

Wie arbeitet ihr?

Wie geht ihr mit Überstunden um?

Warum ist die Stelle frei?

Wie viele Menschen hatten diesen Job vor mir?

Wie sieht eine Einarbeitung aus?

Und wenn im Vorstellungsgespräch etwas nicht zusammenpasst, muss man es nicht mehr sofort schönreden.

Man darf denken:

Hm.

Das gefällt mir nicht.

Jobsuche und Psyche: Was macht Bewerben emotional mit einem?

Eine ganze Menge.

Bewerben kann Hoffnung machen und Selbstzweifel auslösen. Es kann euphorisieren, erschöpfen, verunsichern und irgendwann sogar trotzig machen.

Vor allem aber zwingt eine lange Jobsuche dazu, sich immer wieder mit der Frage auseinanderzusetzen:

Was kann ich? Was will ich? Und unter welchen Bedingungen bin ich bereit, meine Zeit und meine Fähigkeiten einem Unternehmen zu geben?

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion, die ich über Jobsuche und Psyche nicht erwartet habe.

Ich dachte, ich müsste während meiner Jobsuche immer besser darin werden, Unternehmen davon zu überzeugen, dass sie mich wollen.

Stattdessen lerne ich gerade etwas anderes:

Nicht jede Absage sagt etwas über meinen Wert aus. Nicht jede Einladung bedeutet, dass ich den Job haben möchte. Und nicht jede Stellenanzeige verdient sofort mein Herzblut.

Manchmal reicht auch:

Hier bin ich.

Das kann ich.

Jetzt schauen wir mal, ob es passt.

——————————————————-
Titelphoto von Franziska Freiwald

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert