Was bleibt (Teil 36)

Hatte ich vor Korfu mit dem Gedanken gespielt, nach Griechenland auszuwandern? Meine Rente dort zu verbringen?

Hatte ich einmal zu viel Eat Pray Love geschaut?

Hatte ich die Vorstellung in mir getragen, dass eine Griechin in mir zum Vorschein kommen würde, wenn ich nur lange genug in diesem Land wäre?

Ja. Ja. Und ja.

Meine Realität sah anders aus. Wie diese ganzen kleinen Geschichten zeigen.

Wäre vieles anders gelaufen, hätte ich den Sprachkurs nach dem Abitur gemacht – so wie meine Geschwister? Hätte ich mich nicht so elendig allein und fremd gefühlt, wäre ich nach Thessaloniki gefahren, zum verbleibenden griechischen Teil meiner Familie?

Wieder ja. Und ja.

Meine rosa-rote Brille hatte eine andere Tönung angenommen. Die Häuser in Korfu-Stadt, deren Fassaden sich schälten wie eine Schlange die sich häutet, fand ich im Oktober 2025 noch charmant. Im Mai 2026 fand ich es eher verstörend: Warum verputzt das keiner? Warum kümmert sich keiner drum?

Die engen Gassen der Altstadt füllten sich täglich mit Kreuzfahrttouristen. Einmal zählte ich vier schwimmende Städte im Hafen. Ein Sixpack Wasser wiegt fünf Kilo – mein Gang vom Supermarkt nach Hause war normalerweise schnell. Ging aber nicht wegen den Touristen. Ich musste umplanen. Diese kleinen Verschiebungen fühlten sich extrem irritierend an in den Wochen, in denen ich so tief im inneren Dialog mit mir und meinem Vater stand.

Konnte ich vorher wissen dass ein tief vergrabenes Trauma wieder hochkommt? Auf gar keinen Fall. Woher auch.

Vier Wochen Griechenland waren ein harter Spiegel.

Ich glaube, Auswandern ist ein Gefühl. Und ich fühlte es nicht – nicht ein einziges Mal in diesen vier Wochen. Alles was ich fühlte war Heimweh. Nach Vertrautem. Nach Menschen die mich kennen und bei denen ich nicht jedes Mal von vorne meine Geschichte erzählen müsste.

Und gleichzeitig bin ich unglaublich dankbar, das Privileg gehabt zu haben, all das zu erleben. Den Menschen zu begegnen denen ich begegnet bin. Und all diese romantischen Vorstellungen endlich mal exorziert zu haben.

Ich würde mich heute so bezeichnen: deutsch sozialisiert aufgewachsen mit Wurzeln in Griechenland.

Denn dass ein bisschen Griechisches in mir steckt – das sehe ich daran, wie wichtig es mir ist zu wissen ob eine kranke Freundin Essen im Kühlschrank hat. Gemeinsam am Tisch sitzen und essen ist eine der stärksten Erinnerungen meiner Kindheit.

Oder so was hier: Als sich jemand in meinem Umfeld ein neues Auto kaufte, war Marke und Preis mir völlig egal. Meine einzige Frage war: Hast du schon Geldmünzen in den Fußraum geworfen? Das ist eine griechische Tradition die Glück bringen soll. Und wahrscheinlich auch, dass einem das Geld für das Auto nie ausgeht.

Also bin ich doch vielleicht ein bisschen griechisch. Manches sitzt so tief, dass es für mich einfach selbstverständlich ist.

Und mein Vater? Ihm bin ich in diesen vier Wochen näher gekommen als in all den Jahren davor. Nicht weil Griechenland mich verwandelt hätte. Sondern weil seine Sprache, seine Stimme in meinem Kopf mich gezwungen haben hinzuschauen.

Ich habe verstanden warum er von Griechenland nach Deutschland gegangen ist. Und was er mir trotzdem gegeben hat.

Wo ist Heimat?

München.

Nicht das Postkarten-München mit Oktoberfest und Alpenblick. Mein München. Drei mal drei Meter unter einer Linde im Westpark. Die Konditorei an der Ecke wo die Münder rot verschmiert sind von Erdbeereis. Meine Buchclub-Mädels. Mein Bootcamp. Meine rosa Kommode.

Heimat ist nicht da wo man herkommt. Heimat ist da wo man aufhört zu suchen.

Ich habe aufgehört zu suchen.

Bis zum nächsten Mal.

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