Jobsuche und Selbstwert – wenn Bewerbungen und Absagen immer mehr Raum im Leben einnehmen

Jobsuche und Selbstwert: Wenn die Jobsuche zur Identität wird

Irgendwann ist es passiert.

Ich weiß nicht mehr genau wann. Vielleicht nach dem dritten Monat. Vielleicht nach der zwölften Absage. Vielleicht nach dem Vorstellungsgespräch, bei dem ich gefragt wurde, ob ich „belastbar“ sei und ich innerlich dachte:

Ich bin gerade so belastbar, dass ich gleich aus diesem Stuhl falle.

Irgendwann wurde die Jobsuche nicht mehr etwas, das ich tue.

Sie wurde etwas, das ich bin.

Dass Jobsuche und Selbstwert irgendwann so eng miteinander zusammenhängen können, hatte ich nicht erwartet.

Wenn mich jemand fragte, wie es mir geht, antwortete ich mit dem Stand meiner Bewerbungen.

Gut – ich habe zwei Gespräche diese Woche.

Nicht so gut – drei Absagen auf einmal.

Abwarten – zwei Prozesse laufen noch.

Nicht: Wie geht es mir als Mensch?

Sondern: Wie läuft der Prozess?

Als wäre ich selbst zu einem offenen Bewerbungsprozess geworden.

Status: ausstehend.

Wenn die Jobsuche überall ist

Das Merkwürdige daran ist, wie unbemerkt das passiert.

Am Anfang bewirbt man sich. Man wartet. Man geht ins Gespräch. Man bekommt eine Absage. Man macht weiter.

Das ist eine Tätigkeit.

Aber irgendwann beginnt man den Tag damit, sein E-Mail-Postfach zu checken – noch bevor man Kaffee gemacht hat.

Man isst zu Mittag und denkt dabei an Keywords.

Man liegt abends im Bett und geht das letzte Gespräch noch einmal durch.

Man trifft Freunde und die erste Frage ist:

Na, irgendwas Neues?

Und man merkt:

Es gibt kein Außerhalb mehr.

Die Jobsuche ist überall.

Sie ist in der Küche und auf dem Balkon und im Park und beim Sport.

Sie sitzt mit am Tisch, wenn man kocht.

Sie liegt neben einem, wenn man schläft.

Sie ist nicht mehr das, was man macht.

Sie ist das, womit man sich fühlt.

Dieses Warten ist irgendwann zu einem eigenen Teil meiner Jobsuche geworden. Darüber habe ich auch in „Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist“ geschrieben.

Der seltene Moment, in dem ich keine Bewerberin war

Ich erinnere mich an einen Moment auf Korfu.

Ich saß in der Bucht Garitsa, rauchte eine Zigarette, schaute aufs Meer.

Und dachte:

Hier bin ich einfach eine Frau, die am Meer sitzt.

Niemand weiß, ob ich einen Job habe.

Niemand fragt.

Das Meer fragt nicht.

Es war einer der seltensten Momente dieser Zeit.

Ein Moment, in dem ich nicht Bewerberin war.

Nur ich.

Wenn für den Rest immer weniger Platz bleibt

Irgendwann fiel mir auf, was ich aufgehört hatte zu beantworten.

Was magst du eigentlich?

Was macht dir Freude?

Wie geht es dir – nicht beruflich, sondern wirklich?

Ich wusste es kaum noch.

Nicht, weil ich traurig war. Sondern weil die Jobsuche so viel Raum eingenommen hatte, dass für den Rest wenig übrig blieb.

Jedes Gespräch mit Freunden landete früher oder später dort.

Jede freie Stunde wurde entweder zur Bewerbungszeit oder zur schlechten Bewerbungszeit – die mit dem Schuldgefühl, dass man eigentlich gerade irgendwas Produktives tun müsste.

Ich hatte aufgehört, eine Frau zu sein, die zufällig gerade einen Job sucht.

Ich war eine Suchende geworden.

Illustration zur Jobsuche und Selbstwert: Vier Köpfe zeigen, wie Bewerbungen, Absagen, E-Mails und Warten immer mehr Raum einnehmen und die eigene Identität verdrängen.

Was Jobsuche mit dem Selbstwert macht

Das Gefährliche daran ist nicht die Erschöpfung.

Die Erschöpfung kennt man.

Die geht auch wieder.

Das Gefährliche ist die Verschiebung.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Jobsuche und Selbstwert anfangen, ineinanderzurutschen.

Wenn eine Absage sich nicht mehr anfühlt wie:

Diese Stelle war nichts für mich.

Sondern wie:

Ich bin nichts für diese Stelle.

Wenn eine Einladung sich nicht mehr anfühlt wie:

Interessant, schauen wir mal.

Sondern wie:

Endlich. Jemand will mich.

Wenn man aufgehört hat zu fragen, ob man den Job will – und nur noch hofft, dass der Job einen will.

Das ist der Moment, in dem die Jobsuche zur Identität geworden ist.

Und das ist der Moment, in dem man aufpassen muss.

Diese Verschiebung habe ich schon einmal bemerkt, als ich versucht habe, die emotionalen Phasen der Jobsuche aufzuschreiben: Irgendwann wird aus „Passt dieser Job zu mir?“ ganz unbemerkt „Was stimmt eigentlich mit mir nicht?“.

Wer bin ich außer jemandem, der einen Job sucht?

Ich habe keine perfekte Lösung dafür.

Ich male nach Zahlen.

Ich höre True Crime.

Ich lege mich manchmal einfach hin und starre an die Decke, ohne dabei an Keywords zu denken.

Meistens gelingt mir das drei Minuten lang.

Aber ich versuche inzwischen, mich jeden Tag einmal zu fragen:

Wer bin ich heute – außer jemandem, der wartet?

Manchmal fällt mir eine Antwort ein.

Jemand, der gerne liest.

Jemand, dem es wichtig ist, dass kranke Freundinnen Essen im Kühlschrank haben.

Jemand, der in Griechenland war und verstanden hat, dass er dort nicht hingehört.

Jemand mit einer rosa Kommode und einem Lieblingsplatz unter einer Linde.

Jemand.

Nicht eine Bewerberin.

Jemand.

Vielleicht bedeutet Jobsuche und Selbstwert voneinander zu trennen auch genau das: sich immer wieder daran zu erinnern, dass eine Absage eine Bewerbung betrifft.

Nicht die ganze Person, die sie abgeschickt hat.

Der Job wird kommen.

Irgendwann.

Und dann werde ich wieder jemand sein, der arbeitet.

Aber bis dahin versuche ich darauf zu achten, dass ich nicht vollständig in der Suche verschwinde.

Weil die Person, die irgendwann anfängt zu arbeiten – die sollte noch da sein.

Die ganze.

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Über drei Stunden Arbeitsweg und sehr unterschiedliche Vorstellungen von Motivation.

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Titelphoto von Franziska Freiwald

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