„Haben Sie Kinder?“
Über ein Vorstellungsgespräch, 90 Minuten höfliches Zuhören und die überraschende Erkenntnis, dass auch ich Nein sagen darf.
„Haben Sie Kinder?“
Das war die zweite Frage.
Nicht: Was hat Sie an unserer Stelle angesprochen?
Nicht: Erzählen Sie doch mal etwas über Ihren beruflichen Hintergrund.
Nicht einmal: Haben Sie gut hergefunden?
„Haben Sie Kinder?“
Nein, habe ich nicht.
Ich antwortete, ohne groß darüber nachzudenken. Mein Gegenüber nahm die Antwort zur Kenntnis und machte weiter.
In meinem Kopf hingegen erschien ein kleines Fragezeichen.
Hä?
Ich war gerade einmal ein paar Minuten in diesem Vorstellungsgespräch und wusste bereits etwas, das ich vorher nicht gewusst hatte: Auch im Jahr 2026 werden Frauen offenbar noch ganz selbstverständlich nach ihrer familiären Situation gefragt.
Dass die Frage im Bewerbungsgespräch grundsätzlich unzulässig ist, fiel mir erst später wieder ein.
In dem Moment war ich einfach nur irritiert.
Und das sollte nicht das letzte Mal an diesem Nachmittag bleiben.
Ein Job, der eigentlich perfekt klang
Vielleicht sollte ich von vorne anfangen.
Seit Mai habe ich über 70 Bewerbungen geschrieben.
Siebzig.
Wer meinen letzten Artikel über das Bewerbungs-Nirwana gelesen hat, weiß inzwischen, dass ich mich mit Stellenanzeigen, Anschreiben, Lebensläufen, automatisierten Eingangsbestätigungen und der großen Kunst des Wartens ziemlich gut auskenne.
Und dann passiert etwas Erfreuliches.
Ein Unternehmen meldet sich. Der Geschäftsführer persönlich. Er schreibt, dass man von meinem Anschreiben sehr angetan sei.
Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.
Endlich!
Die Stelle klingt gut. Marketing, Kommunikation, Social Media, Gestaltung. Alles Dinge, die ich kann. Dinge, die ich gerne mache. Dinge, für die ich Erfahrung mitbringe.
Auch die Rahmenbedingungen scheinen zu passen.
Ich bereite mich vor. Schaue mir die Website an, analysiere die Social-Media-Kanäle, überlege, welche Geschichten das Unternehmen erzählen könnte und wie man die Kommunikation weiterentwickeln kann.
Ich gehe mit Ideen in dieses Gespräch.
Und mit Vorfreude.
Ein Büro ohne Fenster. Aber mit Broschüren.
Als ich das Büro betrete, fällt mir zunächst auf, dass es keine Fenster gibt.
Dafür Kisten.
Und Broschüren.
Viele Broschüren.
Sie liegen und stehen herum, als hätten sie sich irgendwann auf den Weg zu einer Marketingmaßnahme gemacht und unterwegs beschlossen, erst einmal eine Pause einzulegen.
Ich schaue mich um.
Nun bin ich keine Verfechterin klinisch aufgeräumter Arbeitsplätze. Kreativität darf Spuren hinterlassen. Auf meinem Schreibtisch sieht es schließlich auch nicht immer aus wie in einem Einrichtungskatalog.
Aber ein fensterloses Büro voller Kisten und Werbematerialien?
Da muss ich schon ein bisschen schlucken.
Vielleicht ist gerade eine Lieferung angekommen. Vielleicht wird umgeräumt. Vielleicht ist es einfach ein besonders chaotischer Tag.
Alles möglich.
Nur stelle ich mir unwillkürlich die Frage, ob ich hier tatsächlich 30 Stunden pro Woche verbringen möchte.
Ein bisschen Tageslicht wäre auch ganz schön.
Aber gut.
Ich bin schließlich wegen des Jobs hier.
Nicht wegen der Aussicht.
Wenn aus einer Antwort ein Vortrag wird
Es gibt Menschen, die auf eine Frage antworten.
Und es gibt Menschen, die eine Frage als Einladung verstehen, zunächst einmal die Entstehungsgeschichte des Universums zu erläutern.
Mein Gesprächspartner gehört eher zur zweiten Kategorie.
Ich stelle eine Frage.
Er beginnt zu erzählen.
Und erzählt.
Und erzählt.
Irgendwann bin ich mir nicht mehr sicher, ob er meine Frage überhaupt noch im Kopf hat.
Ich jedenfalls habe sie inzwischen vergessen.
Dabei möchte ich eigentlich ganz einfache Dinge wissen.
Wie ist das Marketing organisiert?
Welche Aufgaben übernimmt die neue Mitarbeiterin?
Wie läuft die Zusammenarbeit mit den externen Agenturen?
Wer entscheidet, welche Maßnahmen umgesetzt werden?
Denn offenbar sollen einige Leistungen, die bislang Agenturen übernommen haben, künftig intern erledigt werden.
Interessant, denke ich.
Aber welche?
Und von wem?
Und wer legt eigentlich fest, was wichtig ist?
Ich bekomme viele Worte.
Aber nicht unbedingt viele Antworten.
Mehr Kunden. Aha.
Besonders spannend wird es, als ich wissen möchte, welches Ziel das Marketing künftig verfolgen soll.
Eine durchaus berechtigte Frage, finde ich.
Wer Marketing betreibt, sollte schließlich wissen, was damit erreicht werden soll.
Es folgt eine längere Erklärung.
Über Veränderungen.
Über die Vergangenheit.
Über die Zukunft.
Über die Entwicklung von Offline zu Online.
Ich höre zu.
Irgendwann landen wir tatsächlich beim Ziel.
Mehr Kunden.
Ach so.
Natürlich.
Ich muss innerlich ein bisschen schmunzeln.
Nicht, weil mehr Kunden ein schlechtes Ziel wären. Sondern weil ich nach all den Ausführungen auf etwas Konkreteres gehofft hatte.
Welche Zielgruppen möchte man erreichen? Welche Kanäle funktionieren bereits? Was soll sich verändern? Woran würde man erkennen, dass das Marketing erfolgreich ist?
Vielleicht bin ich da auch ein bisschen eigen.
Ich mag es, wenn hinter Ideen ein Plan steckt.
Nicht unbedingt ein perfekter Plan. Aber wenigstens einer, der mehr beinhaltet als:
Wir machen jetzt mal Marketing.
Und dann erzähle ich ihm auch noch meine Ideen
Das Verrückte ist: Während ich zunehmend Zweifel an der Zusammenarbeit bekomme, läuft mein Marketinggehirn längst auf Hochtouren.
Ich sehe Möglichkeiten.
Ich habe Ideen.
Ich überlege, wie man die Kommunikation emotionaler gestalten könnte. Weg von der reinen Beschreibung einer Dienstleistung, hin zu dem Gefühl, das Menschen damit verbinden.
Ich fange an, darüber zu sprechen.
Und merke erst hinterher, dass ich meinem Gegenüber gerade ziemlich bereitwillig meine Gedanken serviert habe.
Kostenlos.
Im Vorstellungsgespräch.
Er findet sie gut.
Natürlich findet er sie gut.
Ich ärgere mich später über mich selbst.
Andererseits: Was hätte ich machen sollen? Mit verschränkten Armen dasitzen und sagen: Meine Ideen gibt es erst nach Vertragsunterzeichnung?
So bin ich nicht.
Wenn mich etwas interessiert, denke ich mit. Ich stelle Fragen. Ich entwickle Gedanken weiter.
Das ist keine Schwäche.
Aber vielleicht muss ich nicht schon beim ersten Kennenlernen gedanklich die komplette Marketingabteilung einrichten.
Und dann war da noch meine gepunktete Bluse
Manche Dinge fallen einem erst später auf.
Wenn man zu Hause sitzt und ein Gespräch im Kopf noch einmal durchgeht.
Zum Beispiel, dass der Blick meines Gegenübers während unseres Gesprächs gelegentlich auf meinem Busen gelandet war.
Zumindest hatte ich diesen Eindruck.
Ich trug eine gepunktete Bluse.
Vielleicht hatte sich sein Blick einfach in den Punkten verirrt.
Man weiß es nicht.
Ich möchte niemandem etwas unterstellen. Ein Blick ist schließlich kein Geständnis, und ich kann nicht wissen, was in seinem Kopf vorging.
Aber bemerkenswert fand ich es im Nachhinein trotzdem.
Erst die Frage nach meinen Kindern. Dann diese Blicke, die ich rückblickend nicht so recht einordnen konnte.
Und dazwischen saß ich, eine Diplom-Designerin mit vielen Jahren Berufserfahrung, und versuchte herauszufinden, ob ich meine fachlichen Fähigkeiten in diesem Unternehmen sinnvoll einsetzen könnte.
Vielleicht waren es tatsächlich nur Punkte auf einer Bluse.
Vielleicht war es auch einfach ein weiterer Moment, in dem ich mich nicht ganz wohlgefühlt habe.
Und manchmal muss man gar nicht abschließend klären, warum sich etwas merkwürdig angefühlt hat, um dieses Gefühl ernst zu nehmen.
90 Minuten später
Nach anderthalb Stunden ist das Gespräch vorbei.
Die Aufgaben finde ich immer noch interessant.
Das Gehalt passt.
Die Arbeitszeit passt.
Eigentlich könnte ich zufrieden nach Hause gehen.
Eigentlich.
Stattdessen sitze ich da und versuche, mein Gefühl zu sortieren.
War ich zu kritisch gewesen?
Hatte ich zu viel gefragt?
Vielleicht war der Geschäftsführer einfach nur gesprächig.
Vielleicht würde die Zusammenarbeit ganz anders aussehen.
Vielleicht sollte ich froh sein, überhaupt wieder eine echte berufliche Perspektive zu haben.
Dieses Vielleicht kenne ich inzwischen ziemlich gut.
Es ist ein treuer Begleiter meiner Jobsuche geworden.
Und manchmal hat es die unangenehme Angewohnheit, meine eigenen Bedürfnisse kleinzureden.
Aber ich suche nicht nur irgendeinen Job
Nach über 70 Bewerbungen kann etwas Merkwürdiges passieren.
Man beginnt, jede Einladung wie eine kleine Rettung zu betrachten.
Jede positive Rückmeldung fühlt sich an wie ein Beweis, dass man doch noch gebraucht wird.
Und jede mögliche Zusage bekommt plötzlich ein Gewicht, das sie vielleicht gar nicht verdient.
Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum, ob man einen Job möchte.
Sondern darum, endlich wieder ausgewählt zu werden.
Endlich nicht mehr warten.
Endlich wieder dazugehören.
Endlich sagen können: Ich habe etwas gefunden.
Ich kenne dieses Gefühl sehr gut.
Und vielleicht hätte ich vor ein paar Monaten noch versucht, mir dieses Gespräch schönzureden.
Die Aufgaben sind doch toll.
Das wird schon.
Man kann ja nicht alles haben.
Doch.
Vielleicht nicht alles.
Aber ein paar Dinge schon.
Ich möchte mit Menschen arbeiten, die zuhören.
Die Fragen nicht als Angriff verstehen.
Die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst nehmen.
Die bereit sind, Verantwortung abzugeben und gemeinsam Lösungen zu finden.
Ich brauche keinen perfekten Chef.
Aber einen, bei dem ich mir vorstellen kann, montagmorgens gerne zur Arbeit zu gehen.
Und genau diese Vorstellung will sich nach dem Gespräch einfach nicht einstellen.
Diesmal sage ich Nein
Am nächsten Morgen ziehe ich meine Bewerbung zurück.
Freundlich.
Kurz.
Ohne ausführliche Begründung.
Und dann passiert etwas, womit ich gar nicht gerechnet habe.
Ich bin erleichtert.
Nicht traurig.
Nicht enttäuscht.
Nicht voller Selbstzweifel.
Erleichtert.
Nach all den Bewerbungen, nach all den Absagen, nach all den Unternehmen, die sich einfach nicht mehr melden, bin ich plötzlich diejenige, die eine Entscheidung trifft.
Ich muss nicht darauf warten, ob ich gut genug bin.
Ich darf mich fragen, ob das Unternehmen gut zu mir passt.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber nicht unbedingt, wenn man seit Monaten auf Jobsuche ist.
Dann verschiebt sich manchmal unbemerkt der Maßstab.
Man möchte gefallen.
Überzeugen.
Eine Chance bekommen.
Und vergisst dabei, dass ein Vorstellungsgespräch keine einseitige Prüfung ist.
Es ist ein Kennenlernen.
Von beiden Seiten.
Die Sache mit dem Bauchgefühl
Ich glaube übrigens nicht, dass mein Bauchgefühl immer recht hat.
Manchmal ist es Angst.
Manchmal Unsicherheit.
Manchmal schlicht die Erinnerung an schlechte Erfahrungen.
Deshalb finde ich es wichtig, genauer hinzuschauen.
Was hat mich gestört?
War es nur ein ungeschickter Moment?
Oder gab es mehrere Dinge, die für mich nicht zusammenpassten?
In diesem Fall waren es mehrere.
Die Frage nach den Kindern.
Die langen Monologe.
Die fehlende Klarheit über die Aufgaben.
Das fensterlose Büro, in dem ich mir meinen Arbeitsalltag nicht vorstellen konnte.
Und das Gefühl, dass ich zwar sehr viel einbringen könnte, aber nicht wusste, ob dafür auch wirklich Raum wäre.
Vielleicht hätte jemand anderes das Gespräch großartig gefunden.
Vielleicht wäre diese Stelle für jemand anderen genau richtig.
Für mich war sie es nicht.
Und das darf reichen.
Eine neue Art von Erfolg
Ich habe also immer noch keinen neuen Job.
Die Zahl meiner Bewerbungen ist nicht kleiner geworden.
Mein Posteingang ist weiterhin voller automatisierter Nachrichten und erstaunlich leer, wenn es um persönliche Rückmeldungen geht.
An meiner Situation hat sich äußerlich kaum etwas verändert.
Und trotzdem fühlt sich etwas anders an.
Denn dieses Vorstellungsgespräch hat mir etwas zurückgegeben, das mir während der langen Jobsuche ein bisschen verloren gegangen war.
Meine eigene Entscheidungsmacht.
Ich bin nicht nur eine Bewerberin, die hofft, genommen zu werden.
Ich bin eine erfahrene Frau mit Fähigkeiten, Vorstellungen und Werten.
Und ich darf Nein sagen.
Auch wenn das Angebot auf dem Papier gut aussieht.
Auch wenn ich schon lange suche.
Auch wenn ich nicht weiß, wann die nächste Einladung kommt.
Vielleicht ist das keine besonders spektakuläre Erkenntnis.
Aber nach über 70 Bewerbungen ist sie für mich ziemlich groß.
Und beim nächsten Vorstellungsgespräch?
Da hoffe ich natürlich auf spannende Aufgaben, ein gutes Gespräch und Menschen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten möchte.
Und vielleicht beginnen wir diesmal einfach mit einer Frage über meinen Lebenslauf.
Statt über meine nicht vorhandenen Kinder.
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Die Jobsuche hat noch ein paar andere Geschichten produziert:
→ Die Geschichten, die mein Kopf erzählt, wenn niemand antwortet Über die Stille nach einem Vorstellungsgespräch, erfundene Absagen und das erstaunliche Talent, aus fehlenden Informationen ganze Dramen zu machen.
→ Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist Über sehr viel freie Zeit, sehr wenig Kontrolle und meine teilweise fragwürdigen Methoden, damit umzugehen.
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Titelphoto von Franziska Freiwald
