Keine Rückmeldung nach dem Vorstellungsgespräch
Über die Stille nach einer Bewerbung, erfundene Wahrheiten und die Schwierigkeit, etwas einfach nicht zu wissen.
Ich habe eine bemerkenswerte Fähigkeit.
Ich kann aus dem Nichts ganze Geschichten erschaffen.
Dafür brauche ich weder einen interessanten Schauplatz noch eine ausgefallene Handlung. Eigentlich brauche ich überhaupt nichts.
Außer Stille.
Zum Beispiel die Stille nach einem Vorstellungsgespräch.
Ich sitze einem Menschen gegenüber, wir unterhalten uns, lachen vielleicht sogar. Ich erzähle von meiner Erfahrung, stelle Fragen, höre aufmerksam zu. Am Ende verabschieden wir uns freundlich. Man werde sich nächste Woche melden.
Ich gehe nach Hause.
Und warte.
Am ersten Tag bin ich noch zuversichtlich. Ich lasse das Gespräch Revue passieren, erinnere mich an nette Momente und denke: Das könnte wirklich etwas werden.
Am zweiten Tag denke ich immer noch, dass es etwas werden könnte.
Am dritten Tag beginne ich, die Gesprächssituation zu analysieren.
Am vierten Tag habe ich innerlich bereits eine Absage erhalten.
Niemand hat sie ausgesprochen. Niemand hat sie geschrieben. Es gibt keine E-Mail, keinen Anruf, nicht einmal eine automatische Nachricht.
Aber in meinem Kopf ist die Entscheidung längst gefallen.
Und selbstverständlich gegen mich.
Keine Rückmeldung nach dem Vorstellungsgespräch
Es ist faszinierend, was mein Gehirn mit fehlenden Informationen anstellt.
Da ist eine Lücke zwischen dem, was ich weiß, und dem, was ich gerne wissen würde.
Eigentlich könnte diese Lücke einfach eine Lücke bleiben.
Ein weißer Fleck auf der Landkarte. Noch nicht erkundet. Keine weiteren Informationen verfügbar.
Mein Kopf allerdings scheint weiße Flecken nicht besonders zu mögen.
Er nimmt einen Stift und malt sie aus.
Vielleicht haben sie sich für jemand anderen entschieden.
Vielleicht war ich doch nicht überzeugend genug.
Vielleicht war meine Gehaltsvorstellung zu hoch.
Vielleicht war ich zu alt, zu direkt, zu irgendetwas.
Und plötzlich ist aus einem schlichten „Ich weiß es nicht“ eine ziemlich ausführliche Geschichte geworden.
Mit Handlung, Wendepunkten und einem ausgesprochen unerfreulichen Ende.
Das Absurde daran?
Ich weiß, dass ich mir diese Geschichte ausdenke.
Ich weiß, dass es keine Beweise gibt. Ich weiß, dass Unternehmen interne Abstimmungen haben, Menschen krank werden, Entscheidungen länger dauern können.
Ich weiß das alles.
Und trotzdem sitze ich da und denke: Aber wenn sie mich wirklich wollten, hätten sie sich doch längst gemeldet.
Als wäre das ein Naturgesetz.
Zwischendurch öffne ich mein E-Mail-Postfach.
Keine neue Nachricht.
Ich schließe es.
Ein paar Minuten später öffne ich es wieder.
Offenbar traue ich meinem Postfach nicht zu, mich zuverlässig über eingehende E-Mails zu informieren.
Ich bin gleichzeitig Autorin und Publikum
Vielleicht ist das der merkwürdigste Teil.
Ich beobachte mich dabei, wie ich eine Geschichte erfinde, und glaube sie trotzdem.
Ich bin die Autorin, die Erzählerin und das Publikum in einer Person.
Und leider schreibe ich in solchen Momenten selten Komödien.
Es sind eher psychologische Dramen. Mit subtiler Bedrohung, einer sich langsam zuspitzenden Handlung und dem unguten Gefühl, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird.
Dabei passiert gerade überhaupt nichts.
Das ist ja das Problem.
Nichts.
Keine Antwort. Keine Entscheidung. Keine Gewissheit.
Und dieses Nichts ist für mich offenbar schwerer auszuhalten als eine schlechte Nachricht.
Denn eine Absage wäre wenigstens etwas Greifbares.
Sie würde wehtun. Natürlich.
Aber ich könnte sie einordnen. Mich ärgern. Traurig sein. Vielleicht einen Tag lang schimpfen und am nächsten Morgen weitermachen.
Die Stille dagegen lässt alles offen.
Und offene Geschichten machen mich wahnsinnig.
Vielleicht ist das auch eine Art Selbstschutz
Vor Kurzem ist mir etwas über mich klar geworden.
Ein Teil von mir scheint bis heute davon überzeugt zu sein, dass auf etwas Schönes etwas Schlimmes folgen muss.
Dass Hoffnung gefährlich ist.
Dass es klüger wäre, sich nicht zu früh zu freuen.
Vielleicht ist das der Grund, warum mein Kopf so schnell beginnt, schlechte Enden zu schreiben.
Nicht weil er mich ärgern möchte.
Sondern weil er glaubt, mich vorbereiten zu müssen.
Wenn ich die Enttäuschung schon vorher durchspiele, bin ich später vielleicht weniger überrascht.
Wenn ich mich innerlich bereits verabschiede, kann mir die Absage vielleicht nicht mehr so viel anhaben.
Eine durchaus raffinierte Strategie.
Mit einem kleinen Schönheitsfehler:
Ich erlebe die Enttäuschung, bevor überhaupt feststeht, dass es eine geben wird.
Manchmal sogar mehrfach.
Und sollte die gute Nachricht tatsächlich kommen, habe ich mir die Tage davor mit einer Geschichte verdorben, die nie wahr gewesen ist.
Was wäre, wenn ich es einfach nicht weiß?
Heute habe ich mich gefragt, warum ich die Leerstelle eigentlich unbedingt füllen muss.
Warum es mir so schwerfällt, eine Geschichte offen zu lassen.
Ich schreibe selbst. Ich liebe Bücher. Ich weiß, wie wichtig Spannung ist. Wie viel zwischen zwei Kapiteln passieren kann. Wie eine Erzählung manchmal eine ganz andere Richtung einschlägt, als man erwartet.
Nur im eigenen Leben möchte ich am liebsten sofort die letzte Seite lesen.
Ich möchte wissen, wie es ausgeht.
Am besten, bevor es überhaupt angefangen hat.
Vielleicht muss ich lernen, dass nicht jede offene Frage sofort eine Antwort braucht.
Dass Schweigen nicht automatisch Ablehnung bedeutet.
Dass ein Gedanke noch lange keine Tatsache ist, nur weil er sich überzeugend anhört.
Und dass ich nicht verpflichtet bin, jede Geschichte zu glauben, die mein Kopf mir erzählt.
Das klingt erstaunlich einfach.
Ist es aber nicht.
Während ich diese Zeilen schreibe, warte ich übrigens immer noch auf eine Rückmeldung.
Mein Kopf hat dazu bereits mehrere Theorien entwickelt.
Keine davon ist besonders freundlich.
Aber zum ersten Mal versuche ich, sie nicht weiterzuschreiben.
Ich lasse die Geschichte offen.
Vielleicht wird es eine Absage.
Vielleicht eine Zusage.
Vielleicht kommt die Nachricht morgen.
Ich weiß es nicht.
Und genau das ist im Moment die einzige Wahrheit.
_______________________________
Mehr aus „Unbeschäftigt“:
Die Jobsuche hat noch ein paar andere Geschichten produziert:
→ „Kurz ganz oben. Dann wieder unbeschäftigt.“ Über einen roten Blazer, ein vielversprechendes Vorstellungsgespräch und die Achterbahnfahrt zurück in den unbeschäftigten Alltag.
→ „Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist“ Über sehr viel freie Zeit, sehr wenig Kontrolle und meine teilweise fragwürdigen Methoden, damit umzugehen.
——————————————————-
Titelphoto von Franziska Freiwald
