Lächelnde Frau mit dunklen Haaren und rotem Pullover vor rosa Hintergrund

Warten nach dem Vorstellungsgespräch: Der stille Knall

Ich habe es geschafft. Endlich ein persönliches Vorstellungsgespräch. Vor Ort.

Die Freude ist groß. Die Aufregung auch.

Gefühlt fährt die Achterbahn gerade langsam nach oben.

Und dann, fast sofort, der Schreck:

Was ziehe ich eigentlich an?

Irene 5.0

Ich habe den Sommer in meiner Uniform verbracht. Weite Shirts, Shorts, Sneaker. Mein Kleiderschrank gibt Business Casual nicht mehr wirklich her.

Also mache ich eine große Online-Bestellung bei meinem englischen Lieblingsshop. Bunt und klassisch gemischt. Der Warenkorb ist voll.

Vor allem teuer.

Ich klicke auf Bestellen.

Dann beginnt das Warten.

Jedes dieser Outfits könnte mich in ein neues berufliches Kapitel begleiten. Jedes bedeutet ein bisschen Irene 5.0 – passend gemacht für eine neue Umgebung, die ich noch gar nicht kenne.

Ich verfolge die DHL-Sendung wie andere Leute Aktienkurse.

Einen Tag vor dem Gespräch die Gewissheit: Das wird nichts.

Also doch wieder etwas Altes.

Ich entscheide mich für einen roten Blazer, dunkelblaue Chino, Mokassins und eine gestreifte Bluse.

Fühlt sich gut an. Nicht zu aufgerüscht. Bequem, aber trotzdem business-mäßig.

Der rote Blazer

In der U-Bahn sticht mein roter Blazer heraus.

Zwischen dunkel gekleideten Menschen, die an diesem strahlend schönen Herbsttag schon zur Daunenjacke gegriffen haben, und Menschen in Tracht.

Mein normaler Stil wäre heute Jeans, Pulli, Sneaker. Damit würde ich eins a in der Masse verschwinden.

Der rote Blazer zieht Blicke auf sich, die ich nicht gewohnt bin.

Möglich, dass ich mir die Blicke einbilde.

Möglich, dass ich sie mir sogar wünsche.

Nach dem Motto:

Seht her. Ich habe ein Vorstellungsgespräch. Endlich.

Interessiert leider niemanden.

Die Menschen in Tracht glitzern, trinken ihr erstes Bier des Tages oder dünsten das vom Vorabend auf der Wiesn aus.

Hier könnte etwas Neues anfangen

Das Gespräch läuft gut.

Sehr gut sogar.

Die Direktorin und ihr Stellvertreter sind nett. Netter, als ich dachte.

Wir sitzen in einem palastähnlichen Zimmer mit Blick auf eine von Münchens Prachtstraßen. Ich schwitze mich durch Bluse und Blazer, und nach einer Stunde ist klar:

Hier könnte etwas Neues anfangen.

Ich verabschiede mich.

Auf dem Heimweg leuchte ich förmlich.

Das Gespräch danach

Abends im Bett fallen mir immer wieder Fetzen des Gesprächs ein.

Ich hatte natürlich schon ein Debrief mit ChatGPT gemacht. Das ganze Gespräch erzählt. Wie ich mich gefühlt habe. Wie die Konditionen sind. Woraus der Job eigentlich besteht.

Ich muss ehrlich zugeben: Bei solchen Gesprächen stehe ich unter so viel Anspannung, dass ich mich an manche Sätze erst später erinnere.

So ein Vorstellungsgespräch ist eine seltsame Angelegenheit.

Innerhalb einer Stunde herauszufinden, ob es menschlich und fachlich passt. Für beide Seiten.

Ich höre zu. Spreche. Denke. Ordne ein. Greife auf Erfahrung zurück, muss sie in Worte packen. Beobachte mich selbst. Beobachte die anderen.

Irgendwie kommen mir dabei meine eigenen Gefühle in die Quere.

Und ich unterdrücke sie.

Unbewusst natürlich.

Da sind sie trotzdem.

Genau wie die Sätze, die später noch in meinem Kopf herumgeistern.

Und dann ist wieder Stille

Am nächsten Tag: wieder Stille.

Ich habe Schwierigkeiten, zurück in mein Leben als unbeschäftigte Irene zu finden.

Mein Gehirn braucht einen ganzen Tag, um zu verstehen, dass ich nicht in diesen schönen Hallen arbeite.

Dass die Direktorin nicht meine neue Chefin ist.

Dass gestern nur ein Vorstellungsgespräch war.

Es ist einfach still in meiner Wohnung.

Kein Telefon klingelt.

Keine fremden Menschen um mich herum.

Nur Stille.

Es fühlt sich an wie ein kurzer Trip auf der Achterbahn namens Leben.

Und dann bin ich wieder da.

In meiner wirklichen, unbeschäftigten Realität.

Mit einem stillen Knall. Wie eine Faust, die in ein Kissen schlägt.

Der Aufprall ist da.

Nur hören kann ihn niemand.

_____________________________
Mehr aus „Unbeschäftigt“

Die Jobsuche hat noch ein paar andere Geschichten produziert:

→ Die Geschichten, die mein Kopf erzählt, wenn niemand antwortet Über die Stille nach einem Vorstellungsgespräch, erfundene Absagen und das erstaunliche Talent, aus fehlenden Informationen ganze Dramen zu machen.

→ Warten bei der Jobsuche: Warum es so zermürbend ist Über sehr viel freie Zeit, sehr wenig Kontrolle und meine teilweise fragwürdigen Methoden, damit umzugehen.

_____________________________
Titelphoto von Franziska Freiwald

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert