Fehler in Hellblau (Teil 5)

In der nächsten Griechischstunde sollte ich fünf Sätze sagen.

Fünf Dinge, die ich mag.

Fünf Dinge, die ich nicht mag.

Das klingt nach einer Übung aus einem Sprachkurs für Anfängerinnen.

Ist es auch.

Und gleichzeitig ist es natürlich eine Zumutung.

Denn sobald mich jemand fragt, was ich mag, vergesse ich alles, was ich je gemocht habe.

Musik?
Essen?
Menschen?
Wetter?
Existenz?

Keine Ahnung.

Bitte stellen Sie mir eine Multiple-Choice-Frage.

Am Nachmittag davor hatte ich sehr lange in einem kleinen Park neben der Alten Festung gesessen. Ich hatte wieder ein Sandwich aus meinem nicht mehr geheimen Geheimtipp-Laden gegessen, gelesen und so getan, als wäre ich eine entspannte Frau auf einer griechischen Insel.

In der letzten halben Stunde fiel mir ein, dass ich vielleicht meine Hausaufgaben machen sollte.

Schließlich war ich ja nicht nur hier, um auf Bänken zu sitzen und Sandwiches zu essen, obwohl ich finde, dass das als Lebensinhalt durchaus unterschätzt wird.

Ich war hier, um Griechisch zu lernen.

Also holte ich mein Heft raus.

Ich googelte zwei, drei Wörter und hielt mich an extrem einfache Sätze.

Ich mag Musik.

Ich mag die Musik von Harry Styles.

Ich mag Kaffee.

Ich mag das Meer.

Ich mag Ruhe.

Bei den Dingen, die ich nicht mag, wurde es leichter.

Ich mag keine großen Menschenmengen.

Ich mag keine lauten Stimmen.

Ich mag keine Hitze, wenn mein Körper gerade beschlossen hat, aus Prinzip aufzugeben.

Ich mag es nicht, wenn ich mich dumm fühle.

Diesen letzten Satz schrieb ich natürlich nicht auf.

So weit war mein Griechisch noch nicht.

Stolz las ich meiner Lehrerin am nächsten Tag meine Sätze vor.

Sie nickte erstmal nur.

Dieses Nicken von Lehrerinnen, bei dem man nie weiß:

Nickt sie, weil es gut ist?

Oder nickt sie, weil sie innerlich schon eine kleine Liste meiner Fehler erstellt?

Dann stellte sie sich neben mich, schaute auf mein Heft und begann, mit hellblau in meinen Sätzen herumzukorrigieren.

Hellblau.

Nicht rot.

Das fand ich sofort tröstlich.

Rot hätte sich angefühlt wie Schule. Wie Fehler. Wie falsch. Wie: Setzen, Irene, sechs.

Hellblau fühlte sich an wie:

Fast.

Versuch es nochmal.

Hier fehlt etwas.

Da sitzt ein Wort falsch.

Aber es ist nichts Schlimmes passiert.

Ich hatte natürlich viele Fehler gemacht.

Wie auch nicht?

Ich hatte eine Sprache, die ich jahrzehntelang eher umkreist als betreten hatte, mit einem Kugelschreiber aufs Papier gezwungen.

Dass sie dabei nicht sofort elegant aussah, war eigentlich zu erwarten.

Trotzdem spürte ich diesen alten Reflex.

Dieses innere Zusammenzucken, wenn jemand korrigiert.

Nicht, weil meine Lehrerin streng war.

Sie war das Gegenteil.

Geduldig, freundlich, klar.

Aber mein Körper ist manchmal ein schlechter Historiker.

Er verwechselt Gegenwart mit Vergangenheit.

Er hört eine Korrektur und sucht sofort nach Gefahr.

Dabei stand da nur eine Frau neben mir und schrieb mit hellblau in mein Heft.

Als Nächstes kamen die Wochentage.

Deftera.

Triti.

Tetarti.

Pempti.

Paraskevi.

Savvato.

Kyriaki.

Ich kramte in meinem Gedächtnis, als würde ich in einer überfüllten Schublade nach einem bestimmten Zettel suchen.

Ein paar Tage waren da.

Montag.

Dienstag.

Donnerstag.

Samstag.

Sonntag.

Zwei fehlten einfach.

Nicht: Ich wusste sie nicht.

Eher: Sie waren irgendwo in mir, aber sie kamen nicht raus.

Meine Lehrerin schrieb sie mir an das elektronische Whiteboard.

Ein riesiger Bildschirm an der Wand, auf dem griechische Wörter erschienen, als wäre ich in einer sehr modernen Version meiner Kindheit gelandet.

Früher gab es Kreide.

Jetzt gab es Touchscreen.

Der Stress blieb derselbe.

Danach sollten wir einzelne Wörter zu Sätzen verbinden.

Ich verstand fast jedes einzelne Wort.

Und scheiterte trotzdem an der Zusammensetzung.

Das ist eine besonders gemeine Form von Nichtverstehen.

Wenn man die Bausteine erkennt, aber kein Haus daraus bauen kann.

Da lagen sie vor mir:

Wörter, die ich kannte.

Kleine Wörter, die ich ahnte.

Endungen, die ich ignorieren wollte.

Und diese fiesen Verbindungswörter, die in jeder Sprache so tun, als wären sie unwichtig, obwohl ohne sie alles auseinanderfällt.

An.

Nach.

Für.

Mit.

Von.

Zu.

Ich benutze solche Wörter im Deutschen, ohne je darüber nachzudenken. Sie kommen einfach. Sie sind da, wie Besteck in einer Schublade.

Im Griechischen standen sie vor mir wie kleine Grenzbeamte.

Du kommst hier nicht vorbei, wenn du mich nicht richtig benutzt.

Meine Lehrerin fragte mich, ob ich meinen Kaffee inzwischen auf Griechisch bestellt hätte.

Natürlich hatte ich das nicht.

Ich hatte am Morgen keine Lust gehabt, dumm dazustehen.

Ich wollte Kaffee.

Nicht Identitätsarbeit vor acht Uhr dreißig.

Also hatte ich auf Englisch bestellt.

Schnell.

Effizient.

Feige vielleicht.

Oder einfach menschlich.

Ich weiß nicht, warum ausgerechnet Kaffeebestellen so viel Mut braucht.

Wahrscheinlich, weil es eine dieser kleinen Alltagssituationen ist, in denen man keine Bühne will.

Man will nicht üben.

Man will nicht scheitern.

Man will nicht, dass hinter einem drei Menschen warten, während man versucht, einen Satz zu bauen, der am Ende vielleicht trotzdem falsch ist.

Man will nur Kaffee.

Meine Lehrerin lächelte.

Nicht vorwurfsvoll.

Eher so, als kenne sie das schon.

Menschen kommen in Sprachkurse, lernen Sätze und benutzen sie dann draußen nicht, weil draußen plötzlich echtes Leben ist und keine Übung.

Im Unterricht kann man Fehler machen.

Draußen steht jemand an der Kaffeemaschine und will wissen, ob man Milch möchte.

Das ist ein Unterschied.

Dann sagte meine Lehrerin etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Sie gratulierte mir zum Namenstag.

„Chronia polla.“

Ich war überrascht.

Ich dachte immer, mein Namenstag sei am 1. April.

Am gleichen Tag wie der Geburtstag meines Vaters.

Das hatte mir gefallen, auf eine dieser komplizierten Arten, auf die einem Dinge gefallen können, die einen gleichzeitig traurig machen.

Aber laut meiner Lehrerin war ich am 5. Mai dran.

Einen Tag vor dem Geburtstag meiner Tante.

Auch schön.

Vielleicht sogar besser.

Ich nahm die Glückwünsche gerne an.

Irene.

Frieden.

Ich weiß natürlich, dass mein Name Frieden bedeutet.

Die Ironie meines Lebens ist, dass ich gefühlt immer das Gegenteil gemacht habe.

Kampf.

Kämpfen um Ruhe.

Kämpfen um Sicherheit.

Kämpfen um Anerkennung.

Kämpfen um Geld, um Arbeit, um einen Platz, um Sprache, um Zugehörigkeit.

Kämpfen sogar darum, nicht mehr kämpfen zu müssen.

Und jetzt saß ich auf Korfu in einem Griechischkurs, bekam Glückwünsche zu einem Namen, der Frieden bedeutet, und schwitzte innerlich weiter durch sämtliche Schichten meiner Persönlichkeit.

Auch auf Korfu tobte der Kampf in mir.

Nach zwei Stunden war mein Kopf wieder durch.

Deutsch dachte.

Englisch fragte.

Griechisch antwortete falsch.

Mein Gehirn war ein Callcenter ohne Leitung.

Ich verließ die Schule und hätte eigentlich direkt ins Apartment gehen können.

Hinlegen.

Vorhang zu.

Noise Cancelling on.

Aber da ich ich bin, ging ich zum St. Rocco Platz.

Der Busbahnhof von Korfu-Stadt ist kein Ort, an dem man sein Nervensystem beruhigt.

Fußgängerinnen, Scooter, Autos, Busse, Menschen mit Taschen, Menschen ohne Plan, Menschen mit sehr viel Plan, aber ohne Rücksicht auf andere Körper im Raum.

Ich versuchte, auf dem Weg zum Tickethäuschen nicht vom Verkehr getötet zu werden.

Das Tickethäuschen war ein kleiner Container, in dem tatsächlich noch ein echter Mensch saß.

Ein Mensch, mit dem man reden konnte.

Ich kaufte ein Hin- und Rückfahrticket nach Mon Repos.

Mon Repos.

Allein der Name klingt, als hätte jemand mir eine Pause versprochen.

Ich war schon öfter dort gewesen. Ein Schloss mit großer Parkanlage. Viel Grün. Wege, Schatten, alte Bäume. Nicht ganz Wald, aber nah genug, um meinem Münchner Körper vorzugaukeln, er bekäme etwas Vertrautes.

Auf Korfu fehlt mir manchmal mein heimischer Wald.

Das viele Draußen dort ist anders.

Heller.

Offener.

Ausgestellter.

In München kann man im Wald verschwinden.

Auf Korfu ist man oft sichtbar.

Im Bus riss der Fahrer mein Ticket mit der Hand ein.

So war es abgestempelt.

Ich durfte mitfahren.

Manchmal sind die Dinge sehr einfach, wenn niemand daraus eine App gemacht hat.

In Mon Repos ging ich Schritt für Schritt durch das viele Grün.

Und merkte, wie mein Kopf langsam runterfuhr.

Nicht sofort.

Nicht dramatisch.

Eher wie ein Gerät, das zu lange gelaufen ist und endlich nicht mehr überhitzt.

Ich wanderte durch den Park.

Stand auf dem Badesteg.

Schaute aufs Wasser.

Atmete.

Kein Whiteboard.

Keine Endungen.

Keine kleinen Wörter, die mich aufhielten.

Keine Kaffeebestellung, an der mein Mut gemessen wurde.

Nur Grün.

Meer.

Schatten.

Ein Körper, der langsam verstand, dass heute nichts mehr bewiesen werden musste.

Auf dem Rückweg hatte ich Glück.

Der Bus stand schon da.

Ich stieg ein, fuhr zurück zum St. Rocco Platz und fand auf dem Weg nach Hause einen Supermarkt, der eine bessere Auswahl hatte als der in der Nähe meines Apartments.

Keine Ahnung, warum mich das so glücklich machte.

Aber es hob meine Stimmung immens.

Vielleicht, weil gute Supermärkte in fremden Städten kleine Versprechen sind.

Du wirst hier zurechtkommen.

Du findest, was du brauchst.

Es gibt Joghurt.

Es gibt Wasser.

Es gibt Eis.

Ich kaufte mir eins.

Am Ende dieses Tages konnte ich meinen Kaffee immer noch nicht auf Griechisch bestellen.

Ich konnte die Wochentage nur teilweise.

Ich hatte Fehler in hellblau im Heft.

Aber ich war hingegangen.

Ich hatte Sätze geschrieben.

Ich hatte Glückwünsche angenommen.

Ich hatte einen Bus genommen.

Ich hatte einen Park gefunden.

Und ein Eis.

Vielleicht ist Lernen genau das.

Nicht plötzlich können.

Nicht elegant werden.

Nicht fehlerfrei durch eine fremde Sprache gleiten.

Sondern sich korrigieren lassen, ohne zu verschwinden.

Ein Wort falsch schreiben.

Ein anderes neu lernen.

Einen Kaffee noch auf Englisch bestellen.

Und trotzdem am nächsten Tag wieder hingehen.

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