Ein Tisch voller Anderswo (Teil 6)
Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.
Ich weiß nicht genau, was mich geritten hat, mich für einen Meet-and-Mingle-Abend anzumelden.
Wahrscheinlich derselbe Teil von mir, der manchmal glaubt, man müsse im Ausland unbedingt neue Menschen kennenlernen, weil das sonst nicht als richtige Reise zählt.
Dieser Teil von mir trägt vermutlich Leinen, sagt Sätze wie „Ich bin offen für Begegnungen“ und hat keine Angst vor Gruppentischen.
Ich hingegen habe Angst vor Gruppentischen.
Nicht dramatisch.
Aber genug, um vorher zu überlegen, ob ich vielleicht plötzlich krank werde.
Oder ob es nicht völlig reicht, dass ich heute schon Griechisch gelernt, Essen besorgt und mich nicht verlaufen habe.
Man muss seine sozialen Kapazitäten ja nicht unnötig herausfordern.
Aber dann ging ich doch.
Natürlich ging ich.
Weil ich mich angemeldet hatte.
Weil ich neugierig war.
Und weil ich inzwischen gelernt habe, dass mein Leben manchmal genau dort weitergeht, wo ich eigentlich lieber absagen würde.
Der Abend fand in einem Restaurant in der Altstadt statt.
Ich kam an, sah den Tisch, sah die Menschen, sah, dass ich niemanden kannte, und mein inneres System öffnete sofort ungefähr sieben Tabs gleichzeitig.
Wo sitze ich?
Wen begrüße ich zuerst?
Muss ich alle umarmen?
Warum sind alle schon im Gespräch?
Ist das hier ein Fehler?
Kann ich noch gehen?
Ich blieb.
Alle waren älter als ich.
Weitaus älter.
Fast alle wohnten auf Korfu.
Ich war eindeutig die Jüngste am Tisch, was ich erst nach einer Weile bemerkte. Vielleicht, weil ich innerlich so beschäftigt damit war, nicht wie jemand auszusehen, der gerade zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig zu einem Meet-and-Mingle-Abend gegangen ist.
Maureen aus Irland hatte schon ein paar Gläser Wein intus und erzählte laut und mit großen Gesten von ihrem verstorbenen Ehemann und dessen griechischer Familie.
„And let me tell you“, rief sie in die Runde, „Greeks don’t make it easy for you. But once they accept you — once they really accept you — there’s nothing like it.“
Sie lachte dazu so herzlich, dass ich nicht anders konnte als mitzulachen.
Ich mochte sie sofort.
Nicht, weil ich alles verstand.
Je später der Abend wurde, desto mehr verwandelte sich ihr Englisch in Irisch, und Irisch ist, wie ich an diesem Abend lernte, eine eigene Herausforderung für mein ohnehin schon überlastetes Sprachzentrum.
Aber Maureen hatte diese Art von Wärme, die nicht fragt, ob sie eintreten darf.
Sie ist einfach da.
Groß.
Laut.
Mit Rotwein in der Stimme.
Und einer Trauer, die nicht versteckt war, sondern mit am Tisch saß.
Vielleicht erkannte ich sie deshalb.
Peter aus Neuseeland saß ebenfalls dort.
Er hatte sich ein Haus im Norden von Korfu gekauft.
„It reminds me of New Zealand“, erklärte er mir, „the way it looked when I was a child. Before everything changed.“
Ich fand diesen Satz schön.
Und traurig.
Dass Menschen Orte suchen, die sie an andere Orte erinnern, bevor diese anderen Orte sich verändert haben.
Vielleicht ist Heimat manchmal gar nicht der Ort selbst.
Vielleicht ist Heimat eine alte Version von etwas.
Ein Licht.
Ein Hügel.
Ein Geruch.
Eine Landschaft, die dem Körper sagt:
Das kenne ich.
Auch wenn es nicht stimmt.
Peter lernte, so wie ich, Griechisch.
Ich erzählte ihm, dass ich darauf wartete, dass sich irgendwann ein Schalter in meinem Kopf umlegt und ich plötzlich alles verstehe.
Er schüttelte den Kopf und lächelte.
„It won’t be a switch“, sagte er.
„It’ll be more like a screw. Turning. Very. Slowly.“
Das fand ich sehr tröstlich.
Nicht schön.
Aber tröstlich.
Ein Schalter klingt nach Erlösung.
Einmal klicken, und alles ist hell.
Eine Schraube klingt nach Arbeit.
Nach kleinen Bewegungen.
Nach Geduld.
Nach sehr viel weniger Instagram-tauglicher Transformation.
Also vermutlich realistischer.
Elaine aus Wales hatte einen Griechen geheiratet und sprach perfekt Griechisch.
Sie war sehr nett zu mir.
So nett, wie Menschen manchmal sind, die wissen, wie es ist, von außen in eine Sprache, eine Familie, ein Land hineinzuwachsen.
Der Besitzer des Restaurants kannte ihren Mann. Die beiden waren vor dreißig Jahren Geschäftspartner mit einem gemeinsamen Restaurant gewesen. Er erkannte Elaine sofort wieder.
Was sie mir viermal an diesem Abend erzählte.
Weil auch sie dem Wein kräftig zugesprochen hatte.
Ich hörte es mir viermal an.
Manchmal ist Wiederholung der Preis für Gesellschaft.
Und manchmal ist sie auch rührend.
Da sitzt eine Frau an einem Tisch auf Korfu und erzählt immer wieder dieselbe Geschichte:
Ich wurde erkannt.
Nach dreißig Jahren.
Jemand weiß noch, wer ich bin.
Vielleicht erzählen wir alle die Geschichten öfter, in denen wir uns kurz nicht verloren fühlen.
Später kam noch eine Frau aus Hamburg dazu, die eine Freundin auf Korfu besuchte.
Die Themen wanderten.
Von Immobilienpreisen über Häuser im Norden, griechische Familien, Handwerker, Sprache, Wetter, Bürokratie, bis fast an Verschwörungstheorien heran, dank Maureen, die mit jedem Glas Wein mutiger wurde und sprachlich weiter in Richtung Irland driftete.
Ich saß da und hörte zu.
Manchmal sagte ich etwas.
Manchmal nicht.
Ich war gleichzeitig müde und wach.
Fremd und dabei.
Es ist ein seltsames Gefühl, an einem Tisch zu sitzen, an dem alle irgendwie von woanders kommen und trotzdem mehr von diesem Ort wissen als man selbst.
Sie kannten Handwerker.
Vermieter.
Restaurantbesitzer.
Straßen, die ich noch nie gehört hatte.
Dörfer im Norden.
Regeln, die keine offiziellen Regeln waren, aber offenbar trotzdem galten.
Sie wussten, welcher Grieche zuverlässig ist und welcher nur so tut.
Sie wussten, wo man etwas kauft, wen man fragt, wem man besser nicht glaubt.
Sie hatten sich Netze gebaut.
Oder waren in Netze hineingeraten.
Ich dagegen kannte den Weg zum Supermarkt.
Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern.
Immerhin.
Irgendwann fragte mich jemand, warum ich hier sei.
Ich sagte:
Griechisch lernen.
Das war die kurze Version.
Die lange Version hätte den Abend vermutlich gesprengt.
Ich sagte nicht:
Weil mein Vater tot ist.
Ich sagte nicht:
Weil ich diese Sprache nie gelernt habe, obwohl sie zu meiner Familie gehört.
Ich sagte nicht:
Weil ich wissen will, ob ich mich in Griechenland fremder oder weniger fremd fühle als in München.
Ich sagte nicht:
Weil ich vielleicht dachte, hier würde sich etwas in mir lösen.
Ich sagte einfach:
Griechisch lernen.
Alle nickten.
Das war schön.
Niemand fragte nach einer psychologischen Langfassung.
Manchmal liebe ich Small Talk dafür, dass er die Tür nicht ganz aufmacht.
Spät am Abend, kurz nach zehn, machte ich mich auf den Heimweg.
Korfu-Stadt sah plötzlich anders aus.
Tagsüber quellen die kleinen Geschäfte in die Gassen. Kleider, Schwämme, Olivenholz, Schmuck, Postkarten, Hüte, Taschen. Alles steht offen, alles will gesehen werden.
Jetzt waren die Türen geschlossen.
Eiserne Gitter heruntergezogen.
Die Gassen enger.
Dunkler.
Mein sonst üblicher Weg — an den Traumfängern vorbei, dann rechts — erschien mir plötzlich komplett fremd.
Ich musste Google Maps benutzen.
Für wenige Meter.
Das war mir peinlich.
Natürlich war es mir peinlich.
Ich war doch inzwischen fast eine Frau von hier.
Also ungefähr.
Für vier Wochen.
Mit Apartment und Lieblingssandwich.
Aber nachts reichte das nicht.
Nachts war die Stadt wieder fremd.
Ich lief durch die Gassen, folgte dem blauen Punkt auf meinem Handy und dachte daran, wie schnell Zugehörigkeit kippen kann.
Am Nachmittag weißt du noch, wo du bist.
Am Abend ist dasselbe Viertel eine andere Sprache.
Als ich endlich auf meinem vertrauten Platz stand, atmete ich auf.
Metropolis Square.
Mein Hood.
Für jetzt.
Ich schloss die Haustür auf, ging die Treppe hoch und fiel ins Bett.
Das war ein schöner Abend, dachte ich.
Nicht, weil ich jetzt neue beste Freunde hatte.
Nicht, weil ich plötzlich angekommen war.
Nicht, weil ich in eine Gruppe aufgenommen worden wäre.
Sondern weil ich an einem Tisch gesessen hatte, an dem alle auf ihre Weise versuchten, irgendwo zu sein.
Maureen mit ihrer lauten Trauer.
Peter mit seinem Neuseeland im Norden von Korfu.
Elaine mit ihrer wiedererkannten Vergangenheit.
Die Frau aus Hamburg mit ihrer Freundin.
Und ich mit meinem Griechischheft, meinem Vater im Gepäck und dem Wunsch, nicht immer nur zwischen allem zu stehen.
Vielleicht ist das schon viel.
Ein Abend.
Ein Tisch.
Ein paar Namen.
Ein Satz über eine Schraube, die sich langsam dreht.
Und der Heimweg durch eine Stadt, die mir tagsüber vertraut war und nachts wieder zeigte, dass ich hier nur zu Besuch bin.
Noch.
Oder immer.
