Dieselbe Irene, nur mit Meerblick (Teil 4)
Ich hatte still und heimlich gehofft, dass Korfu mich verwandelt.
Nicht offiziell natürlich.
Offiziell war ich hier, um Griechisch zu lernen.
Um eine Sprache zurückzuholen, die irgendwie zu mir gehört und mir trotzdem nie richtig gehört hat.
Um vier Wochen am Meer zu verbringen, bevor in München mein neuer Job beginnt.
Um zu schreiben.
Um zu lesen.
Um ein bisschen zu leben.
Sehr vernünftige Gründe.
Sehr erwachsene Gründe.
Sehr gut erklärbar, falls jemand fragt.
Aber darunter lag etwas anderes.
Eine kleine, peinliche Hoffnung, die ich niemandem laut erzählt hatte:
Dass es hier leichter wird.
Dass ich morgens aufwache und plötzlich eine andere Version von mir da ist.
Eine, die nicht schon beim Aufstehen müde ist.
Eine, die nicht jeden sozialen Kontakt innerlich vor- und nachbereitet.
Eine, die Griechisch spricht, ohne vorher im Kopf drei Sprachen gegeneinander antreten zu lassen.
Eine, die nicht sofort Heimweh bekommt, wenn sie auf einer griechischen Insel sitzt und eigentlich dankbar sein müsste.
Eine, die nicht immer kämpft.
Diese andere Irene stellte ich mir nicht besonders konkret vor.
Vielleicht trug sie Leinen.
Vielleicht bestellte sie ihren Kaffee auf Griechisch.
Vielleicht ging sie morgens schwimmen, ohne vorher das Wetter, die Entfernung, die Wassertemperatur und ihre eigene psychische Verfassung zu analysieren.
Vielleicht lachte sie lauter.
Vielleicht rauchte sie weniger.
Vielleicht war sie die Frau, von der ich manchmal glaube, dass sie irgendwo in mir wohnt und nur auf den richtigen Ort wartet, um endlich herauszukommen.
Korfu schien mir ein guter Ort dafür.
Meer.
Sonne.
Griechische Wörter.
Eine Insel, die nah genug an meiner Geschichte liegt, um bedeutungsvoll zu sein, und weit genug weg von München, um so zu tun, als könnte man sich dort neu zusammensetzen.
Am ersten Morgen wachte ich auf.
Ich trank Kaffee.
Ich war müde.
Das war alles.
Keine Verwandlung.
Keine Musik.
Kein innerer Vorhang, der sich öffnete.
Keine andere Irene, die barfuß durch die Wohnung tanzte und „Kalimera“ rief.
Nur ich.
Mit zerknittertem Gesicht, schwerem Kopf und der Frage, warum ich eigentlich immer glaube, dass Orte etwas für mich erledigen könnten.
Nach meiner ersten Griechischstunde saß ich in der Bucht Garitsa auf einer Bank.
Das Meer lag vor mir.
Nicht dramatisch schön.
Einfach da.
Blau, bewegt, gleichgültig.
Ich hatte Kopfschmerzen. Mein Kopf war voll von Buchstaben, Artikeln, kleinen Wörtern, die ich nicht greifen konnte. Auf Deutsch dachte ich über das nach, was ich auf Englisch gefragt hatte, um es dann auf Griechisch falsch auszusprechen.
Kein Wunder, dass ich erschöpft war.
Trotzdem war da diese Enttäuschung.
Nicht über den Unterricht.
Nicht über Korfu.
Über mich.
Ich saß am Meer und war immer noch ich.
Das klingt banal.
Ist es aber nicht, wenn man lange genug gehofft hat, irgendwo anders leichter zu werden.
Ich glaube, ich habe das oft gemacht.
Nicht immer bewusst.
Aber oft.
Ich dachte:
Wenn ich nur den richtigen Job finde, dann werde ich ruhiger.
Wenn ich nur aus dieser Beziehung raus bin, dann werde ich frei.
Wenn ich nur ein Buch schreibe, dann werde ich endlich ganz.
Wenn ich nur nach Bali fliege, mit Delfinen schwimme, mich dem Universum ausliefere, dann wird die Lebensfreude schon irgendwo aus den Tiefen meines Unterbewusstseins auftauchen.
Spoiler: Es tauchten eher meine fünf schlimmsten Verluste auf.
Auch Korfu hatte ich heimlich mit einer Aufgabe beladen.
Mach mich anders.
Mach mich griechischer.
Mach mich lebendiger.
Mach mich weniger müde.
Mach, dass sich das alles gelohnt hat.
Die Trauer.
Das Kämpfen.
Das Schreiben.
Das Warten.
Das Durchhalten.
Mach, dass am Ende nicht einfach nur ich übrig bin.
Aber vielleicht ist genau das das Problem.
Dass ich immer noch glaube, irgendwo müsse eine Version von mir warten, die endlich reicht.
Eine fertige.
Eine leichtere.
Eine, die nicht so viel Vergangenheit mit sich herumschleppt.
Eine, die nicht jedes Geschenk erst misstrauisch von allen Seiten betrachtet, bevor sie es annimmt.
Denn das war ja das Verrückte:
Diese Reise war ein Geschenk.
Von mir an mich.
Vier Wochen Korfu.
Ein Apartment in der Altstadt.
Griechischunterricht.
Zeit.
Meer.
Sandwiches.
Bücher.
Niemand, der etwas von mir wollte.
Und trotzdem saß ich da und konnte es nicht einfach nehmen.
Ich dachte an die Menschen, denen ich vor der Reise davon erzählt hatte.
Es waren nicht viele.
Bewusst nicht.
Und trotzdem war da dieser Neid gewesen, den ich sofort gespürt hatte. Nicht immer offen. Eher in kleinen Sätzen, kleinen Pausen, kleinen Blicken.
„Ach, schön.“
„Muss man sich auch leisten können.“
„Vier Wochen Griechenland, nicht schlecht.“
Ich hatte es geahnt.
Und trotzdem tat es weh.
Vielleicht, weil ich selbst nicht wusste, ob ich mir diese Reise gönnen durfte.
Vielleicht, weil ein Teil von mir immer noch glaubt, dass Zeit ohne Arbeit verdächtig ist.
Dass Freiheit begründet werden muss.
Dass man nur dann am Meer sitzen darf, wenn man vorher ausreichend gelitten, geleistet oder sich entschuldigt hat.
Ich hatte ein Jahr lang nicht gearbeitet.
Auch das ist ein Satz, den ich nicht gerne schreibe, weil sofort Stimmen in meinem Kopf anfangen, ihn zu kommentieren.
Aber dieses Jahr war nicht leer.
Ich hatte mein erstes Buch geschrieben.
Ich hatte mich mit der Bundesagentur für Arbeit herumgeschlagen, um das ALG I zu bekommen, das mir zustand.
Ich war spazieren gegangen.
Ich war im Sport.
Ich hatte Bewerbungen geschrieben.
Gespräche geführt.
Absagen ausgehalten.
Mich wieder sortiert.
Und kurz vor Korfu kam die Zusage für einen festen Job in München.
Endlich.
Vielleicht hätte ich lieber dort anfangen wollen.
Vielleicht hätte sich das sicherer angefühlt.
Erklärbarer.
Gesellschaftlich sauberer.
„Ich habe einen neuen Job“ klingt besser als:
„Ich fahre nach Korfu, um Griechisch zu lernen und herauszufinden, warum ich mich selbst nicht in Ruhe lassen kann.“
Auf der Bank in Garitsa merkte ich, wie müde ich vom ewigen Kämpfen war.
Nicht nur vom Arbeiten.
Nicht nur vom Bewerben.
Nicht nur von Trauer.
Sondern von diesem inneren Anspruch, dass aus allem etwas werden muss.
Eine Erkenntnis.
Ein Text.
Ein Neuanfang.
Eine bessere Version.
Sogar aus einem Tag am Meer.
Ich konnte nicht einfach dort sitzen.
Ich musste wissen, was es bedeutet.
Das Meer gab keine Antwort.
Unverschämtheit eigentlich.
Es lag einfach da.
Wellen kamen.
Wellen gingen.
Ein paar Menschen liefen vorbei.
Irgendwo bellte ein Hund.
Ich rauchte eine Zigarette und dachte:
Vielleicht ist das hier keine Verwandlung.
Vielleicht ist es eine Ent-Täuschung.
Wortwörtlich.
Eine Täuschung fällt weg.
Die Täuschung, dass irgendwo da draußen eine andere Irene wartet.
Eine, die keine Angst mehr hat.
Eine, die nie erschöpft ist.
Eine, die immer weiß, was sie will.
Eine, die endlich angekommen ist.
Vielleicht gibt es diese Irene gar nicht.
Vielleicht gibt es nur mich.
Müde.
Sehnsüchtig.
Kämpfend.
Manchmal komisch.
Manchmal undankbar.
Manchmal mutiger, als ich selbst merke.
Und gerade, an diesem Montag in der Bucht Garitsa, erstaunlich ehrlich.
Ich saß also da.
Dieselbe Irene.
Nur mit Meerblick.
Und vielleicht war das weniger enttäuschend, als es sich zuerst anfühlte.
Vielleicht muss ein Ort einen gar nicht verwandeln.
Vielleicht reicht es, wenn er einem zeigt, dass man sich selbst überallhin mitnimmt.
Und dass man trotzdem bleiben kann.
Auf der Bank.
Im Kurs.
In der Sprache.
Im eigenen Leben.
Für heute.
