Alpha, Beta, Vater (Teil 3)

Auf dem Weg zu meiner ersten Griechischstunde lagen überall kleine braune Tonscherben.

Reste der roten Tonkrüge, die auf Korfu zu Ostern aus den Fenstern geworfen werden.

Ich hatte darüber gelesen. Natürlich hatte ich darüber gelesen. Ich lese über Dinge, bevor ich sie erlebe, damit ich beim Erleben wenigstens so tun kann, als hätte ich eine Ahnung.

Die Tonscherben knirschten unter meinen Schuhen.

Mein Vater hätte sich furchtbar aufgeregt.

„Warum räumt das denn keiner weg?“

Ich hörte seine Stimme sofort in meinem Kopf.

Nicht als Erinnerung, die höflich anklopft, sondern als fertigen Kommentar. Als hätte er nur darauf gewartet, dass ich an diesem Morgen an diesen Scherben vorbeilaufe.

Mein Vater war gut im Kommentieren.

Zu gut.

Er konnte aus einem ungeputzten Gehweg, einem schlecht geparkten Auto oder einer zu langsamen Kassiererin in wenigen Sekunden eine Grundsatzrede machen. Seine Stimme wurde dann lauter, härter, griechischer vielleicht.

Oder zumindest so, wie ich Griechisch als Kind oft erlebt habe: schnell, scharf, nicht für mich gemacht.

Ich lief also durch Korfu-Stadt, vorbei an kleinen Läden, Cafés, Rollern, Katzen, Scherben — und meinem Vater.

Tot, aber offensichtlich nicht verhindert.

Die Sprachschule lag nur wenige Minuten von meinem Apartment entfernt.

Ich hatte sie extra so ausgesucht, dass ich nicht noch einen Bus nehmen musste. Eine kluge Entscheidung, dachte ich, während ich mit mir innerlich trotzdem auf dem Weg dorthin verhandelte.

Ich könnte noch umdrehen.

Ich könnte schreiben, dass ich krank bin.

Ich könnte sagen, dass ich mich vertan habe.

Ich könnte einfach nicht hingehen und stattdessen an die Bucht laufen.

Das Geld war bezahlt.

Leider.

Manchmal ist bereits bezahltes Geld die einzige Form von Disziplin, die bei mir zuverlässig funktioniert.

Vor der Schule rauchte ich noch eine Zigarette.

Natürlich.

Ich stand also da, mit meiner Zigarette, meinem Rucksack, meinem Vokabelheft und diesem erwachsenen Gefühl, gleich als Kind enttarnt zu werden.

Ich hatte extra um eine Lehrerin gebeten.

„Of course“, hatte die Sprachschule geschrieben.

Als wäre das nichts.

Als wäre es eine normale organisatorische Präferenz. Unterricht lieber morgens, Niveau Anfängerin, bitte eine Lehrerin.

Für mich war es nicht nichts.

Für mich war es der Unterschied zwischen: Ich versuche es. Und: Ich gehe gar nicht erst hin.

Drinnen war alles freundlich.

Viel zu freundlich für meine innere Dramatik.

Meine Lehrerin lächelte. Sie war warm, ruhig, klar.

Kein Mensch schrie.

Kein Mensch machte eine Grundsatzrede.

Kein Mensch verlangte, dass ich sofort irgendetwas können musste.

Sie legte das Alphabet vor mich.

Alpha.

Beta.

Gamma.

Delta.

Ich kannte viele Buchstaben.

Natürlich kannte ich sie.

Ich bin ja um diese Sprache herum aufgewachsen. Griechische Schrift war für mich nie komplett fremd. Sie hing an Straßenschildern, Speisekarten, Kirchentüren, Ikonen, Zigarettenpackungen, alten Familienfotos, auf denen Menschen standen, deren Namen ich nicht aussprechen konnte.

Ich konnte Buchstaben erkennen, ohne wirklich lesen zu können.

Das ist vielleicht die kürzeste Beschreibung meines Verhältnisses zu Griechenland.

Erkennen, ohne zu verstehen.

Dazugehören, ohne mitzukommen.

Meine Lehrerin zeigte auf Wörter.

Ich las sie langsam.

Sehr langsam.

So langsam, dass mein innerer deutscher Leistungsanteil kurz überlegte, ob man sich für Geschwindigkeit entschuldigen sollte.

Dann kramte mein Gehirn plötzlich Wörter aus irgendwelchen hinteren Räumen hervor.

Sonne.

Wasser.

Glas.

Brot.

Danke.

Guten Morgen.

Kleine Wörter, die irgendwo in mir lagen, ohne dass ich wusste, wer sie dort abgelegt hatte.

Vielleicht mein Vater.

Vielleicht die Sommer.

Vielleicht die vielen Restaurantbesuche, bei denen Erwachsene sprachen und ich nur daneben saß.

Vielleicht lernt man eine Sprache auch dann, wenn man glaubt, sie nicht zu lernen.

Dann sollte ich schreiben.

Mit der Hand.

Auf Griechisch.

Und plötzlich wurde es ernst.

Hören war eine Sache.

Lesen war eine Sache.

Aber schreiben?

Schreiben bedeutete, die Sprache nicht nur vorbeiziehen zu lassen, sondern sie selbst zu formen. Einen Buchstaben nach dem anderen. Eine Linie, ein Bogen, ein Fehler, eine Unsicherheit.

Ich schwitzte durch meine Bluse.

Nicht ein bisschen.

Richtig.

Mein Körper reagierte, als hätte meine Lehrerin mir keine Schreibübung gegeben, sondern einen alten Keller aufgeschlossen.

Ich saß da, fünfundvierzig Jahre alt, mit Stift in der Hand, und fühlte mich wie zwölf.

Oder dreizehn.

Oder wie dieses Mädchen, das einmal an einem Tisch saß und Griechisch lernen sollte, während ein erwachsener Mann die Grenze zwischen Unterricht und Gewalt auslöschte.

Ich hatte gedacht, ich hätte das alles schon oft genug verstanden.

Aufgeschrieben.

Eingeordnet.

Betrauert.

Aber Körper sind keine Word-Dokumente.

Man kann sie nicht einfach speichern unter: verarbeitet_final_final2.docx.

Meine Lehrerin merkte nichts davon.

Oder sie merkte etwas und war höflich genug, es nicht zu benennen.

Sie korrigierte meine Buchstaben.

Sanft.

„This one is like this.“

Sie zeigte mir, wo der Bogen anders sitzen musste.

Ich nickte.

Schrieb.

Schwitzte.

Nickte wieder.

In meinem Kopf waren drei Sprachen gleichzeitig unterwegs.

Deutsch für die inneren Kommentare.

Englisch für die Fragen an meine Lehrerin.

Griechisch auf dem Papier.

Und irgendwo dazwischen mein Vater, der alles beobachtete.

Ich hasste, wie präsent er war.

Und ich vermisste ihn.

Beides gleichzeitig.

Das ist vielleicht das Gemeinste an Trauer: Sie macht aus Menschen keine klaren Figuren.

Nicht gut.

Nicht schlecht.

Nicht nur Vater.

Nicht nur Kind.

Nicht nur Wut.

Nicht nur Liebe.

Mein Vater war laut.

Mein Vater war schwierig.

Mein Vater konnte mich klein machen, ohne es vielleicht überhaupt zu merken.

Und mein Vater war der Mensch, dessen Sprache ich jetzt lernte, weil ich ihn liebte.

Oder weil ich noch etwas von ihm wollte.

Oder weil ich endlich aufhören wollte, vor etwas wegzulaufen, das ohnehin längst in mir wohnt.

Nach zwei Stunden war mein Kopf voll.

Nicht voll wie nach einem normalen Kurs.

Nicht: Oh, ich habe heute viel gelernt.

Eher: In meinem Schädel wurde ein Archiv geöffnet, und niemand hatte vorher gefragt, ob ich dafür Kapazität habe.

Ich ging zurück durch die Gassen.

Wieder die Tonscherben.

Wieder das Knirschen.

Wieder mein Vater.

„Warum räumt das denn keiner weg?“

Diesmal musste ich fast lachen.

Vielleicht, weil ich müde war.

Vielleicht, weil er so vorhersehbar war.

Vielleicht, weil ich ihn für einen Moment nicht als Bedrohung hörte, sondern als das, was er auch gewesen war: ein Mann mit zu vielen Kommentaren und zu wenig innerer Ruhe.

Ich kaufte mir etwas zu essen.

Ich weiß nicht mehr genau was.

Wahrscheinlich irgendetwas, das man mitnehmen konnte, weil ich nach dieser Stunde keine Kraft mehr hatte, irgendwo zu sitzen und so zu tun, als wäre ich eine entspannte Frau auf einer griechischen Insel.

In meinem Apartment zog ich die verschwitzte Bluse aus.

Ich legte das Vokabelheft auf den Tisch.

Auf der ersten Seite standen griechische Buchstaben.

Meine Buchstaben.

Schief.

Unsicher.

Nicht schön.

Aber da.

Vielleicht war das alles für den ersten Tag.

Nicht fließend sprechen.

Nicht ankommen.

Nicht plötzlich Griechin sein.

Nur einen Buchstaben schreiben und bleiben.

Alpha.

Beta.

Vater.

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