Metropolis Square. Mein Hood. (Teil 2)

Okay, ich muss hier ein Geständnis ablegen.

Ich habe für einen Monat ein Apartment auf Korfu gemietet, und es war nicht billig.

Ich hatte lange auf den üblichen Seiten gesucht — Booking, Airbnb, alles durchgeklickt, alles verglichen, alles wieder verworfen.

Zu dunkel.
Zu alt.
Zu weit weg.
Zu viele braune Möbel.
Zu viele Spitzengardinen.
Zu viele Matratzen, denen man schon auf den Fotos ansah, dass sie seit 1987 niemand mehr ernsthaft geliebt hatte.

Dann buchte ich das Apartment, in dem ich schon beim letzten Mal gewohnt hatte.

Natürlich.

Weil ich manchmal so tue, als wäre ich abenteuerlustig, aber in Wahrheit sehr viel Geld dafür bezahle, an einem fremden Ort wenigstens eine Sache schon zu kennen.

Das Apartment liegt zentral. Sehr zentral. So zentral, dass ich aus meiner Haustür trete und sofort mitten in allem stehe: enge Gassen, Stimmen, Rollkoffer, Sonnenhüte, Kreuzfahrttouristen, die sich gegenseitig im Weg stehen, und griechische Ladenbesitzerinnen, die wahrscheinlich seit April innerlich durchgehend bis Oktober zählen.

Das Wichtigste aber: Das Apartment ist hell.

Modern.

Mit Küche.

Ich weiß, das klingt nicht besonders romantisch.

Andere Menschen suchen auf griechischen Inseln vielleicht Meerblick, Bougainvillea und eine Terrasse, auf der sie morgens in Leinenkleidern Feigen essen.

Ich suche eine gut ausgestattete Küche und eine Matratze, die nicht aussieht, als hätte schon mein Vater darauf geschlafen.

Ich habe meine ganzen Kindheitssommer in Griechenland verbracht. Und seitdem habe ich eine Aversion gegen diesen alten Einrichtungsstil dort: dunkle Holzmöbel, schwere Vorhänge, Spitzengardinen, durchgelegene Betten, muffige Schränke, in denen immer noch irgendeine Tante ihre Winterdecken lagert.

Ich liebe Griechenland.

Aber bitte mit gutem Licht.

Mein Apartment liegt am Metropolis Square.

Mein Hood.

So nenne ich ihn irgendwann, weil man sich Orte ja manchmal schönreden muss, bis sie anfangen, einem zu gehören.

Unter meinem Balkon gibt es drei Lokale.

Bei einem sitzt jeden Nachmittag eine Gruppe älterer griechischer Frauen an einem Tisch und isst gemeinsam.

Nicht hektisch.

Nicht mit dieser deutschen „Wir treffen uns von 15 bis 17 Uhr, weil danach muss ich noch einkaufen“-Energie.

Sondern so, als wäre der Nachmittag ein Möbelstück, auf dem man sich ausbreiten kann.

Die anderen zwei Lokale sind eher Bars. Dort trinken Touristinnen und Touristen ihr Bier, reden zu laut und lachen in einer Lautstärke, die mich regelmäßig daran erinnert, warum ich Menschen nur dosiert gut finde.

Manchmal steigen die Stimmen zu mir in den zweiten Stock hoch.

Erst dachte ich: Ach, schön, Leben.

Dann dachte ich: Ach nein, doch nicht.

Es hat ungefähr eine Woche gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses andauernde Hintergrundgemurmel mir keine Ruhe lässt.

Seitdem: Kopfhörer.

Noise Cancelling on.

Ich bin also nach Griechenland gereist, um dann in meiner hellen Wohnung zu sitzen und die griechische Geräuschkulisse technisch auszuschalten.

Auch das ist eine Art von Integration.

Auf dem Platz gibt es zwei Geschäfte.

Eines verkauft Interior-Design-Sachen. Geschirrtücher, Sofakissen, kleine Dinge, die so tun, als würde man mit ihnen ein Zuhause kaufen können.

Der andere Laden verkauft bunte Kleidung.

Jeden Morgen um zehn — nicht pünktlich um zehn, eher griechisch um zehn herum — beginnt die Besitzerin ihren Tag mit denselben Handgriffen.

An diese Haken kommen die Strandtaschen mit dem Motiv „Mykonos“.

An einen anderen Haken hängt sie, immer in genau derselben Reihenfolge:

Zitronen-Tunika vor weiß-blau gestreifter Tunika vor der Tunika mit den blauen Augen.

Jeden Morgen.

Ganz ruhig.

Jeder Handgriff vermutlich mehrere Millionen Male gemacht.

Ich bewundere das.

Diese Ruhe.

Diese Selbstverständlichkeit.

Diese Art, jeden Tag dasselbe zu tun, ohne daraus sofort eine Lebenskrise zu machen.

Ich dagegen brauche drei Tage, um zu entscheiden, ob ich heute zum Supermarkt gehe oder erst morgen, und mache daraus innerlich ein Essay über Selbstfürsorge, Kapitalismus und meine Beziehung zu meinem Vater.

Die Frau mit den Tuniken hängt einfach die Tuniken auf.

Von April bis Oktober, schätze ich.

Jahr für Jahr.

Zusammengehalten wird der ganze Platz von abgetretenen Marmorsteinen, über die schon Milliarden Menschen gegangen sein müssen. Korfu hat jeden Sommer Millionen Touristen. Ich merke es, wenn ich zu spät aus dem Haus gehe und die Kreuzfahrtschiff-Menschen schon da sind.

Dann schiebt sich die Altstadt zu.

Menschen bleiben mitten im Weg stehen.

Menschen fotografieren Türen.

Menschen berühren Schwämme.

Menschen kaufen Hüte, die sie zu Hause nie wieder tragen werden.

Ich will dann nur zum Supermarkt.

Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern.

Geradeaus.

Nicht stehen bleiben.

Nicht schauen.

Nicht anfassen.

Ich bin hier nicht im Urlaub, denke ich dann manchmal empört.

Was natürlich lächerlich ist.

Ich bin sehr wohl im Urlaub.

Oder in einer Sprachreise.

Oder in einer selbst finanzierten Identitätskrise mit Meerzugang.

So genau weiß ich das noch nicht.

Ebenfalls an meinem Platz steht eine griechisch-orthodoxe Kirche.

Die Öffnungszeiten habe ich bis heute nicht verstanden.

Manchmal ist sie offen, manchmal nicht. Manchmal passiert gar nichts, manchmal steht plötzlich ein Luftballonbogen davor und eine Taufe wird gefeiert, als hätte jemand über Nacht ein Familienfest aus dem Boden gestampft.

An meinem ersten Sonntag hier gab es so eine Taufe.

Mit Pope.

Ein Pope ist ein Pfarrer.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich als kleines Mädchen mit meinem Vater sonntags in die griechische Kirche in München gegangen bin. Der Pope trug schwarze, wallende Gewänder und sprach — oder besser gesagt: betete — so schnell, dass ich nicht einmal hätte folgen können, wenn ich Griechisch verstanden hätte.

Ich verstand kein Wort.

Ich hatte ein bisschen Angst.

Vielleicht vor ihm.

Vielleicht vor der Sprache.

Vielleicht vor der Art, wie alle anderen zu wissen schienen, was zu tun war.

Aufstehen.

Hinsetzen.

Bekreuzigen.

Ikonen küssen.

Ich stand daneben wie ein Kind, das aus Versehen in eine Aufführung geraten ist, bei der alle den Text kennen außer ihm.

Mein Vater ging oft in die Kirche.

Ich weiß bis heute nicht, ob er wirklich gläubig war oder ob es eher um die Parea ging.

Die Gesellschaft.

Das Gesehenwerden.

Das Dazugehören.

Als meine Brüder und ich ihn begraben mussten, wussten wir nicht, ob es bestimmte griechische Rituale gibt, die wir hätten beachten sollen. Wir entschieden uns am Ende für eine deutsche Bestattung.

Es war auch mal die Idee im Raum, einen Popen zu bitten, ein paar Worte am Grab zu sprechen.

Aber irgendwie ging der Plan unter.

Ich habe vergessen warum.

Vielleicht, weil man im Tod plötzlich merkt, wie wenig man über die Herkunft der eigenen Eltern weiß.

Vielleicht, weil Trauer schon kompliziert genug ist, auch ohne liturgische Unsicherheit.

Vielleicht, weil wir Kinder eines griechischen Vaters waren, aber keine griechischen Kinder.

Unten auf dem Platz klirren Gläser.

Eine Frau lacht.

Ein Roller fährt viel zu nah an einem Kinderwagen vorbei.

Die Besitzerin des Kleidungsladens rückt eine Tunika zurecht.

Ich stehe auf meinem Balkon und schaue runter, als wäre ich Teil dieses Ortes.

Bin ich aber nicht.

Noch nicht.

Vielleicht nie.

Aber ich kenne inzwischen die Geräusche.

Ich weiß, wann die Läden öffnen.

Ich weiß, welcher Weg zum Supermarkt führt.

Ich weiß, wann die Kreuzfahrttouristen verschwinden und der Platz wieder den Menschen gehört, die hier arbeiten, wohnen, rauchen, essen, warten.

Vielleicht beginnt Zugehörigkeit nicht mit einem großen Gefühl.

Vielleicht beginnt sie damit, dass man weiß, wann man besser die Kopfhörer aufsetzt.

Oder damit, dass man morgens die Zitronen-Tunika wiedererkennt.

Oder damit, dass man einen Platz irgendwann „mein Hood“ nennt, obwohl man genau weiß, dass man in ein paar Wochen wieder weg sein wird.

Metropolis Square.

Mein Hood.

Für jetzt.

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