Ich wollte nur Griechisch lernen (Teil 1)
Hinweis: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt in der Kindheit, Trauer und familiäre Prägungen. Bitte lies ihn nur, wenn es sich für dich gerade gut anfühlt.
Eigentlich wollte ich nur Griechisch lernen.
In Griechenland. Auf Korfu. Vier Wochen lang.
Ein bisschen Sprache.
Ein bisschen Meer.
Ein bisschen diese andere Irene suchen, von der ich manchmal glaube, dass sie irgendwo in mir wohnt.
Eine, die leichter ist.
Lebensfreudiger.
Griechischer vielleicht.
Oder zumindest weniger müde vom ewigen Kämpfen.
Natürlich kam es anders.
Denn Griechisch ist für mich keine neutrale Sprache.
Es ist die Sprache meines Vaters. Die Sprache meiner Kindheitssommer. Die Sprache von Wassermelone unter griechischer Sonne, von Ferienwohnungen auf Chalkidiki, von Stimmen, die laut wurden, bevor ich verstand, was sie sagten.
Es ist die Sprache, die um mich herum war, aber nie ganz in mir angekommen ist.
Ich konnte griechische Buchstaben lesen, ohne wirklich zu verstehen, was ich da las. Ich kannte einzelne Wörter, ohne daraus Sätze bauen zu können. Ich wusste, wie Griechisch klingt, aber nicht, wie es sich anfühlt, wenn es aus meinem eigenen Mund kommt.
Vielleicht ist das die kürzeste Beschreibung meines Verhältnisses zu Griechenland:
Ich erkenne vieles wieder.
Aber ich gehöre nicht selbstverständlich dazu.
Als Kind verbrachte ich viele Sommer dort. Ich war die Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter. Halb hier, halb dort, und meistens irgendwie daneben.
In Deutschland war ich die mit dem griechischen Nachnamen.
In Griechenland war ich die, die nicht richtig Griechisch sprach.
Ich war nie ganz fremd.
Aber auch nie ganz selbstverständlich.
Vielleicht habe ich deshalb so lange geglaubt, ich müsste irgendwann nur die Sprache lernen, und dann würde sich etwas schließen. Eine Lücke. Eine offene Stelle. Eine alte Unsicherheit.
Als wäre Zugehörigkeit eine Vokabelliste.
Als müsste ich nur genug Wörter können, und dann würde ich endlich wissen, wer ich bin.
Aber Sprachen sind nicht nur Wörter.
Sie sind Stimmen.
Körpererinnerungen.
Familiengeschichten.
Scham.
Nähe.
Angst.
Sehnsucht.
Und manchmal sind sie auch eine Tür, von der man lange gehofft hat, sie sei längst zugemauert.
Das letzte Mal, als ich Griechisch lernen sollte — oder wollte, so genau weiß ich das heute nicht mehr — war ich ein Kind. Vielleicht zwölf, vielleicht dreizehn.
Mein Nachhilfelehrer war ein Freund meines Vaters. Ein Mann aus seinem weiteren Bekanntenkreis. Er sollte mir erst Griechisch beibringen, später Mathe und Physik.
Stattdessen fasste er mich an.
In meinem Zuhause. In einem Raum, der sicher hätte sein sollen.
Ich habe lange gebraucht, um diesen Satz überhaupt so aufzuschreiben.
Vielleicht, weil ich damals nicht verstand, was passiert war. Vielleicht, weil Kinder manchmal versuchen, selbst das Unerträgliche irgendwie einzuordnen. Vielleicht, weil mein Leben kurz darauf ohnehin zerbrach, als meine Mutter starb und eine andere Trauer alles überdeckte.
Griechisch jedenfalls wollte ich danach nie wieder lernen.
In der Schule kamen Englisch, Latein und Französisch. Das reichte. Mehr Sprachen mussten nicht sein. Mehr Verwirrung auch nicht.
Und dann starb mein Vater.
Und plötzlich stand diese Sprache wieder im Raum.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie jemand, der an eine Tür klopft, von der man gehofft hatte, sie sei längst verschwunden.
Ich weiß nicht genau, warum ich ausgerechnet in meinem ersten Trauerjahr um meinen Vater beschloss, nach Korfu zu fahren und dort Griechisch zu lernen.
Natürlich könnte ich sagen: Weil ich Griechenland liebe. Weil Korfu schön ist. Weil ich Zeit hatte. Weil ich schon einmal dort gewesen war und wusste, wo der Supermarkt ist, welcher Sandwichladen gut ist und welche Gassen ich mir merken muss.
Das stimmt alles.
Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Ein Teil von mir wollte meinen Vater stolz machen.
Auch wenn er tot ist.
Ein Teil von mir wollte endlich etwas nachholen, das immer wie ein Versäumnis in mir gelegen hatte.
Ein Teil von mir wollte wissen, ob ich mich in Griechenland fremder oder weniger fremd fühle als in München.
Und ein Teil von mir hoffte, dass auf Korfu diese andere Irene auf mich warten würde.
Die, die keine Angst bekommt, wenn ein Mann schnell und hart Griechisch spricht.
Die, die morgens aufwacht und sofort Lust auf Leben hat.
Die, die nicht alles analysiert.
Die, die einfach bestellt, spricht, lacht, schwimmt, bleibt.
Ich packte also meinen Koffer.
Räumte meine Wohnung auf, als würde ich nicht für ein paar Wochen verreisen, sondern mein altes Leben verlassen. Schrieb kleine Zettel mit Anweisungen zur Pflege meiner Pflanzen. Legte Dinge ordentlich hin. Machte alles bereit.
Kurz dachte ich sogar: Ich fahre einfach nicht.
Ich sage niemandem, dass ich noch da bin, und fahre jeden Tag an den Starnberger See.
Aber irgendetwas in mir packte weiter.
Vielleicht war es Mut.
Vielleicht Trotz.
Vielleicht nur die Tatsache, dass alles schon bezahlt war.
Am Münchner Flughafen rauchte ich meine letzte Zigarette, bevor ein Mann aus Serbien mich nach einer Kippe fragte und mir von seiner geerbten Champignonfarm erzählte. Er sagte, ich müsse unbedingt einmal nach Serbien reisen.
Ein Taxifahrer hatte mir das ein Jahr zuvor auch schon gesagt.
Vielleicht, dachte ich, werden das jetzt diese Begegnungen sein, aus denen Reisen bestehen. Kurze Einblicke in fremde Leben. Gespräche, die schneller persönlich werden, als mir lieb ist.
Ich hasse solche Gespräche ein bisschen.
In München habe ich mir über Jahre ein soziales Umfeld aufgebaut, in dem Menschen nicht einfach zufällig in mein Leben fallen. Meine Buchclub-Mädels. Meine Bootcamp-Mädels. Meine Ehrenamt-Mädels. Autorinnen-Kolleginnen.
Menschen, mit denen mich etwas verbindet, bevor wir anfangen, über uns selbst zu sprechen.
Und jetzt flog ich allein nach Korfu.
Für vier Wochen.
Um eine Sprache zu lernen, die ich nie richtig gelernt hatte.
Als ich durch die engen Gassen der Altstadt lief, vorbei an Schwämmen, goldenen Ketten, bunten Kleidern und Kreuzfahrtschiff-Touristen, die alle paar Meter stehen blieben, dachte ich:
Was bin ich hier eigentlich?
Touristin?
Griechin?
Halbgriechin?
Irgendetwas dazwischen, das noch keinen richtigen Namen hat?
Vielleicht lag die Antwort irgendwo in diesen vier Wochen.
Vielleicht auch nicht.
Ich merkte mir den Weg zum Supermarkt. Rechts bei den weiß-blauen Traumfängern. Ich kaufte mir ein Sandwich in dem Laden, den ich beim letzten Mal noch für meinen Geheimtipp gehalten hatte und vor dem jetzt russische Influencerinnen mit aufgepolsterten Lippen standen und filmten, wie asiatische Mitarbeiter Panini belegten.
Mein Geheimtipp war also keiner mehr.
So ist das wohl mit Ankerplätzen in der Fast-Fremde: Man kehrt zurück, weil man weiß, dass das Essen gut ist. Weil man sich an einem unbekannten Ort wenigstens einmal nicht fragen muss, wohin.
Und dann steht man in der Schlange und merkt, dass der Anker längst woanders liegt als gedacht.
Am Abend saß ich auf meinem kleinen Balkon.
Unter mir wurde der Platz an der Kirche langsam still. Die Touristinnen verschwanden. Die Ladenbesitzerinnen klappten ihre Ständer mit den bunten Kleidern ein. Alles bekam für einen Moment eine Ordnung.
Ich war angekommen.
Aber nicht gelandet.
Ich war auf Korfu.
Aber noch nicht bei mir.
Diese Reihe heißt Stadt, Land, Heimat?, weil ich auf Korfu erst in der Stadt wohne und später in den Norden ziehe, aufs Land.
Aber eigentlich geht es nicht nur um Orte.
Es geht um die Frage, wo man hingehört, wenn man zwischen Sprachen aufgewachsen ist.
Es geht um einen Vater, der tot ist und trotzdem noch in jedem griechischen Satz sitzt.
Es geht um Trauer, die mitreist.
Und um Heimat, die vielleicht kein Ort ist, sondern eine Frage, die man immer wieder anders stellt.
Ich wollte nur Griechisch lernen.
Natürlich kam es anders.
