Dann lass uns einfach damit sein (Teil 16)

Die Fritz-Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf.

Ich merke es als ich in Mon Repos sitze – auf einem weichen Batzen Seegras, das Meer vor mir, die Sonne warm auf meiner Haut. Der perfekte Ort um nichts zu denken. Und trotzdem.

Ich ziehe alle Tools zu Rate die mir einfallen. Die Vier-mal-vier-Atmung – vier Sekunden einatmen, vier halten, vier ausatmen, vier warten. Mit der linken Hand langsame Schleifen über Papier ziehen. Schwimmen. Nichts hilft. Fritz bleibt. Die Erinnerungen kommen in Wellen, eine nach der anderen, und mir wird immer klarer wie geschickt er damals mein Vertrauen aufgebaut hatte. Die lustigen Geschichten über sich als Junge in Griechenland. Die Fotos aus seiner Jugend die er mitbrachte. Das Lachen. Die Wärme.

Und dann, während ich aufs Meer starre, fällt es mir plötzlich ein.

Er war einer der wenigen gewesen, der mir erlaubt hatte traurig zu sein. Wegen meiner Mutter. Die damals entweder im Krankenhaus war, oder auf Reha – auf jeden Fall nicht zu Hause, nicht da, nicht greifbar. Niemand erklärte mir warum. Niemand fragte wie es mir damit ging.

Fritz fragte.

Und dann – irgendwo zwischen diesem Gedanken und dem nächsten – taucht noch etwas auf. Eine Erkenntnis die sich anfühlt als hätte ich sie schon immer gewusst, ohne es je in Worte gefasst zu haben: Nach dem Moment seines Übergriffs auf mich hatte ich wohl, tief und unbewusst, abgespeichert dass ich ab sofort alleine bin. Dass ich alleine klarkommen muss. Im Leben, mit dem Schmerz, mit allem. Weil ich es niemandem erzählen konnte. Weil es kein Wort dafür gab, zumindest nicht für ein dreizehnjähriges Mädchen das einfach nur wollte dass jemand zuhört.

Ich komme aus diesem Erinnerungs-Loop nicht mehr raus.

Also schreibe ich meiner Therapeutin.

Wir vereinbaren eine Online-Sitzung, und ich erzähle ihr alles. Die ganze Geschichte. Und mitten im Erzählen breche ich in Tränen aus – nicht dramatisch, nicht laut, sondern so wie Tränen manchmal kommen wenn man endlich aufgehört hat sie zurückzuhalten.

„Wie alt bist du gerade?“ fragt sie mich.

Ich überlege einen Moment. „So alt wie damals. Als es passiert ist.“

„Und was fühlst du gerade?“

„Einen riesengroßen Wut-Klumpen im Bauch.“

Sie schweigt kurz. Dann sagt sie: „Dann lass uns einfach damit sein. Leg deine Hände auf den Bauch. Mach die Augen zu. Und sag deiner kleinen Irene alles was sie gerade hören muss.“

Ich mache es.

Ich sage laut, in mein Apartment in Korfu, mit den Händen auf dem Bauch und den Augen zu:

„Es ist nicht deine Schuld. Du bist sicher. Du bist nicht allein. Ich beschütze dich.“

Nach der Stunde spüre ich wie ich wieder freier atmen kann.

Nicht geheilt. Nicht fertig. Aber freier.

Und draußen vor meinem Fenster rauscht das Meer weiter, gleichmäßig und geduldig, als hätte es die ganze Zeit gewartet.

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