Spyridons Tochter (Teil 10)

Am Muttertag stehe ich in einer griechischen Kirche.

Die Kirche des Heiligen Spyridon liegt mitten in der Altstadt – er ist der Schutzpatron Korfus, sein mumifizierter Leichnam wird hier in einem silbernen Sarg aufbewahrt. Hinter mir bildet sich eine kleine Schlange – ein Gemisch aus Touristen und Einheimischen, die alle gekommen sind um den Sarg zu bewundern, zu fotografieren oder die Glasscheibe zu küssen. In den Reihen der Kirchenstühle sitzen Menschen und betrachten die bemalte Decke. Im Gang neben den Kirchenbänken knien Frauen mit bunten Kopftüchern und beten leise vor sich hin.

Es ist ganz anders als in deutschen Kirchen. Kein andächtiges Schweigen, kein mahnendes Hüsteln wenn jemand zu laut atmet. Stattdessen ein leises Brummen von Menschen, die durch die Türen ein- und ausgehen – durch die Türen, durch die Sonnenlicht in das Dunkel der Kirche fällt, als wäre es selbst auf der Suche nach etwas.

Ich werfe meinen 50-Cent-Stück in den Schlitz und ziehe willkürlich eine Kerze heraus. Diese griechischen Kirchenkerzen kenne ich noch aus meiner Kindheit – lang, dünn, weiß, aus echtem Wachs. Sie haben sich in vierzig Jahren nicht verändert.

Ich schiebe mich vorsichtig zur Tür hinaus. Draußen, unter den Augen eines neugierigen kleinen Jungen, zünde ich meine Kerze an.

Für Mama, Papa und Oma, denke ich. Wie jedes Mal.

Mit Tränen in den Augen – wie jedes Mal – stecke ich die Kerze zu den anderen in den Sand des eisernen Kerzenständers vor der Kirche. Kleine Flammen, die im Wind zittern. Jede eine Geschichte, die ich nicht kenne.

Dann fällt mein Blick auf die große Ikone neben dem Eingang. Aus dem Blech ist ein Heiliger herausgeklopft – erhaben, golden, unnahbar. Viele Griechen bleiben stehen, küssen die Glasscheibe, bekreuzigen sich, gehen weiter. Bei aller Liebe, denke ich, aber nein.

Ich lese noch einmal den Namen über dem Eingang.

Spyridon.

Und dann fällt es mir ein: Der Heilige Spyridon hatte eine Tochter. Sie hieß Irene.

Ich stehe da und weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll.

Ein Strom von Kreuzfahrttouristen zieht mich weiter.

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