Deine fancy Nachbarn (Teil 9)

Die zweite Woche beginnt mit Heimweh.

In der ersten Woche hatte ich noch jeden Morgen beim Aufwachen daran gedacht, einfach zurück nach München zu fliegen. Diese Gedanken sind jetzt ruhiger geworden – aber nicht verschwunden. Sie sind ein Stockwerk tiefer gesunken, irgendwo in die Magengegend, wo sie still und beharrlich vor sich hin ziehen.

Ein grauer Schleier liegt auf allem. Ich laufe blind durch die Straßen von Korfu, der Griechischunterricht rauscht an mir vorbei. Ich betrachte die Hausfassaden, von denen der Putz abbröckelt wie alte Haut, Fensterrahmen die sich unter Jahren von Meeresluft und Salzwind verbiegen – und dazwischen Wäscheleinen, die die Häuser miteinander verbinden wie Gedanken die man nie ausspricht. Hemden, Unterhosen, BHs flattern im Wind, so selbstverständlich öffentlich, als wäre das Privatleben hier draußen einfach Teil der Straße.

In meinem Rucksack macht es „Ping.“

Meine Tante ist in meiner Münchner Wohnung und schickt mir ein Foto. Betitelt: Deine fancy Nachbarn.

Ich bleibe stehen.

Der Kontrast zwischen dem Haus vor mir – abblätternder Putz, schiefe Fenster, flatternde Unterwäsche – und dem Foto auf meinem Handy könnte nicht größer sein. Grasgrüner Rasen, mit der Nagelschere auf exakte Länge gebracht. Ein aufblasbarer Pool. Weiße Liegen im genau gleichen Abstand positioniert, als hätte jemand nachgemessen.

Ich schreibe zurück: Ja, die kenn ich. Die haben auch einen Golden Retriever und einen Porsche.

Meine Tante schickt ein Lach-Emoji.

Ich lache nicht.

Etwas zieht sich in mir zusammen. Hinter meiner Sonnenbrille kämpfe ich mit Tränen – nicht wegen der Nachbarn, nicht wegen München, nicht mal wirklich wegen Korfu. Sondern wegen diesem Gefühl, das ich nicht benennen kann. Dieser Sehnsucht nach einem Zuhause, das ich schon habe, das ich selbst verlassen habe, das ich vermisse und gleichzeitig brauchte zu verlassen.

Ich starre aufs Meer und atme tief ein und aus.

Mehr kann ich im Moment nicht tun. Außer weiter die Sehnsucht im Herzen zu tragen und einen Fuß vor den anderen zu setzen.

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