Fünfzig Zentimeter Sonne (Teil 7)
Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.
Von dem Meet-and-Mingle-Abend hatte ich eine Telefonnummer mitgenommen.
So funktioniert das wohl, wenn man neue Leute kennenlernen will.
Man geht irgendwo hin, sitzt an einem Tisch mit Fremden, isst gebackenen Feta, hört Geschichten über griechische Familien, Immobilienpreise und verstorbene Ehemänner — und am Ende hat man plötzlich eine Nummer im Handy.
Ich war ein bisschen stolz auf mich.
Nicht sehr.
Aber genug, um mir innerlich eine kleine Medaille anzustecken.
Mit Stella hatte ich mich für Samstag zum Kaffeetrinken verabredet.
Ich war aufgeregt.
Klopfendes Herz, der ganze Quatsch.
Als ich zum Treffpunkt ging, musste ich innerlich über mich selbst lachen.
Es ist ja kein Date, Irene.
Es ist nur Kaffee.
Aber vielleicht ist „nur Kaffee“ manchmal auch nicht so harmlos, wie es klingt.
Vor allem nicht, wenn man alleine auf Korfu ist und sich plötzlich wieder in dieser alten Situation befindet:
Ein neuer Mensch.
Ein neuer Tisch.
Ein neues Gespräch.
Eine neue Möglichkeit, falsch zu sein.
Wir trafen uns in Garitsa, einem ruhigeren Stadtteil von Korfu-Stadt.
Am Vormittag hatte es geregnet. Die Luft war noch frisch, die Steine dunkler als sonst, und das Meer sah aus, als hätte es kurz beschlossen, weniger Postkartenmotiv und mehr echtes Wetter zu sein.
Während unseres Treffens kam die Sonne raus.
Natürlich wollten wir in die Sonne.
Wir sind ja beide deutsch genug, um Sonnenlicht nicht einfach ungenutzt vorbeiziehen zu lassen.
Also rückten wir unseren kleinen runden Marmortisch die entscheidenden fünfzig Zentimeter in Richtung Licht.
Fünfzig Zentimeter.
Nicht auf die Straße.
Nicht in eine Einfahrt.
Nicht in eine andere Zeitzone.
Nur ein bisschen mehr Sonne.
Sofort kam die griechische Bedienung herbei.
„You must sit here“, sagte sie und zeigte auf einen anderen Tisch.
Im Schatten.
Wohlgemerkt.
Einen Tisch, der sich ungefähr fünfzig Zentimeter von unserem entfernt befand.
Stella sah mich an.
Ich sah Stella an.
Dann fing sie an zu lachen.
Ich auch.
Wir setzten uns brav um.
Völlig sinnlos.
Aber hey — Griechenland.
Vielleicht ist das auch eine Form von Ankommen:
zu akzeptieren, dass manche Regeln nicht erklärt werden.
Sie sind einfach da.
Wie Schlaglöcher, Öffnungszeiten oder Männer, die auf Motorrollern ohne Helm durch enge Gassen fahren und dabei aussehen, als hätten sie persönlich mit dem Tod einen Sondervertrag abgeschlossen.
Wir bestellten Kaffee.
Auf Englisch natürlich.
Ich war noch nicht bereit, mein gesamtes Selbstwertgefühl an einem Cappuccino zu riskieren.
Stella erzählte sofort.
Von ihrer Wohnung auf Korfu.
Von dem Handwerker, der an diesem Morgen bei ihr gewesen war, um die Fenster abzudichten.
„Er spricht kein Englisch, kein Deutsch“, sagte sie, „aber er weiß genau, was er tut. Das reicht.“
Ich mochte diesen Satz.
Vielleicht, weil ich gerade so viel Zeit damit verbrachte, nicht zu wissen, was ich tat.
Stella hatte sich eine Wohnung auf Korfu gekauft.
Nicht, weil sie reich war, wie sie mir erklärte.
Sie hatte ihre Lebensversicherung aufgelöst.
Für eine Wohnung auf einer griechischen Insel.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das wäre.
Eine Versicherung, die eigentlich für später gedacht ist, in Beton, Fenster, Schlüssel und Meerluft zu verwandeln.
Sicherheit gegen Ort tauschen.
Zukunft gegen Gegenwart.
Vernünftig klingt das nicht.
Aber vielleicht ist Vernunft auch nicht immer der Maßstab, wenn Menschen irgendwohin wollen.
Stella hatte eine Gabe, die mir fremd und vertraut zugleich vorkam.
Sie kam überall mit Menschen ins Gespräch.
Beim Einkaufen.
Beim Warten.
Beim Nichtstun.
Aus einem kleinen Satz wurde bei ihr ein Kontakt.
Aus einem Kontakt wurde ein Handwerker.
Der Handwerker kannte einen Gärtner.
Der Gärtner kannte eine Vermieterin.
Die Vermieterin kannte jemanden, der jemanden kannte.
So spinnt sich ein Netz.
Nicht durch Strategie.
Nicht durch Networking.
Nicht durch „Lass uns mal connecten“.
Sondern durch dieses beiläufige Sich-Einlassen auf Menschen, das mir manchmal wie eine Superkraft vorkommt.
Ich kann das auch.
Theoretisch.
Ich kann mit Menschen reden.
Ich kann offen sein.
Ich kann zuhören.
Ich kann schnell sehr nah werden, wenn der andere Mensch ebenfalls eine Tür offen stehen lässt.
Aber es kostet mich etwas.
Und ich merke immer genauer, dass nicht jede Verbindung, die möglich ist, auch eine Verbindung ist, die ich brauche.
Ich erzählte Stella von München.
Von meinen gesunden Beziehungen.
Von meinem sozialen Umfeld.
Von meinen Buchclub-Mädels, meinen Bootcamp-Mädels, meinen Ehrenamt-Mädels, meinen Autorinnen-Kolleginnen.
Von dem Stolz, den ich darauf habe.
Und davon, wie lange es gedauert hat, das aufzubauen.
Ich sagte das nicht, um München zu verteidigen.
Oder vielleicht doch.
Vielleicht verteidigte ich es vor mir selbst.
Weil ein Teil von mir ja immer noch gerne glaubt, woanders wäre alles leichter.
Woanders wäre ich offener.
Woanders würde ich einfach dazugehören.
Woanders müsste ich nicht so lange brauchen, bis aus Menschen Beziehungen werden.
Stella hörte zu.
Nickte.
Und sagte dann, fast beiläufig:
„Ich fliehe lieber. Im Winter nach Thailand, im Sommer hierher.“
Da war er.
Der Satz.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Aber er fiel zwischen uns auf den Tisch wie ein kleiner Stein.
Ich hatte das schon gespürt.
Schon am Meet-and-Mingle-Abend hatte ich diesen siebten Sinn gehabt — dass da jemand am Tisch sitzt, der vor irgendetwas wegläuft.
Ich kann das manchmal riechen.
Vielleicht, weil ich es selbst so gut kenne.
Nicht dieses konkrete Leben.
Nicht Thailand im Winter und Korfu im Sommer.
Aber die Bewegung.
Das Weg.
Das Vielleicht-dort.
Das Woanders.
Die Hoffnung, dass man sich an einem anderen Ort weniger selbst im Weg steht.
Ich kenne diese Hoffnung sehr gut.
Zu gut.
Deshalb machte mir der Satz keine Angst.
Er machte mich weich.
Und vorsichtig.
Denn Flucht sieht von außen manchmal aus wie Freiheit.
Sonnenlicht.
Wohnung auf Korfu.
Kaffee in Garitsa.
Handwerker, die wissen, was sie tun.
Winter in Thailand.
Sommer in Griechenland.
Ein Leben, das andere Menschen vielleicht beneiden.
Aber wenn man genau hinhört, hört man manchmal das Geräusch darunter.
Das Nichtbleibenkönnen.
Das Immerweiter.
Das Leise:
Hier auch nicht.
Vielleicht war ich ungerecht.
Vielleicht hatte Stella einfach ein Leben gewählt, das zu ihr passte.
Vielleicht war „fliehen“ für sie gar kein trauriges Wort.
Vielleicht war es ehrlich.
Und Ehrlichkeit ist ja manchmal schöner als jede Selbstoptimierungsformel.
Auf dem Rückweg dachte ich lange über unser Treffen nach.
Es war ein schöner Nachmittag gewesen.
Stella war interessant.
Offen.
Unkompliziert.
Eine Frau mit Geschichten, Mut, Sonne im Gesicht und einer Wohnung auf Korfu, für die sie etwas riskiert hatte.
Und trotzdem merkte ich, wie sich etwas in mir sortierte.
Neue Menschen kennenlernen ist wie kleine Medaillen sammeln, die man sich ans Revers steckt.
Schön anzuschauen.
Jede mit ihrer eigenen Geschichte.
Jede ein Beweis:
Schau, ich kann das.
Ich bin offen.
Ich bin unterwegs.
Ich bin jemand, dem Dinge passieren.
Aber ich brauche keine Sammlung.
Ich brauche Beziehungen, die wachsen.
Die sich erinnern.
Die wiederkommen.
Die tiefer werden.
Menschen, die nicht nur eine gute Geschichte mitbringen, sondern irgendwann auch wissen, wie ich meinen Kaffee trinke.
Menschen, mit denen ich nicht jedes Mal wieder von vorne anfangen muss.
Menschen, bei denen ein Satz ausreicht, weil zehn Jahre darunterliegen.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum mir München fehlt.
Nicht, weil München immer leicht ist.
München ist nicht leicht.
München ist teuer, eng, manchmal kalt, manchmal so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man darin verschwinden kann.
Aber in München habe ich mir etwas aufgebaut.
Langsam.
Nicht spektakulär.
Nicht instagrammable.
Kein Meerblick.
Keine Wohnung auf einer Insel.
Keine Handwerker, die über drei Ecken empfohlen werden.
Aber Menschen.
Verlässlichkeit.
Wiederholung.
Ein Netz, das nicht aus Zufall entstanden ist, sondern aus Zeit.
Vielleicht hatte ich vor dieser Reise gedacht, ich müsse auf Korfu herausfinden, ob ich woanders mehr ich sein kann.
An diesem Nachmittag in Garitsa verstand ich etwas anderes:
Ich bin nicht mehr die Frau, die überall neu anfangen muss.
Vielleicht will ich das gar nicht mehr.
Vielleicht darf ich bleiben wollen.
Nicht für immer.
Nicht als großes Versprechen.
Aber als Richtung.
Als Wunsch.
Als leise Erkenntnis zwischen zwei Tischen, von denen einer fünfzig Zentimeter mehr Sonne gehabt hätte.
Ich ging zurück durch Garitsa.
Das Meer lag neben mir.
Nicht dramatisch.
Nicht heilend.
Einfach da.
Ich dachte an Stella.
An Thailand.
An Korfu.
An München.
An meine Menschen.
Und daran, dass Heimat vielleicht nicht dort beginnt, wo alles leicht wird.
Sondern dort, wo man nicht mehr ständig beweisen muss, dass man auch anderswo leben könnte.
