Ich habe die falsche Sprache gelernt (Teil 30)

Am letzten Morgen der Yogawoche überlege ich kurz einfach abzuhauen.

Koffer packen, für eine Nacht in einen dieser Fünf-Sterne-Hotelkomplexe in Korfu-Stadt einmieten, am Pool rumliegen, nochmal alle Lieblingsplätze abklappern. Aber mein Transfer ist schon gebucht für Montag – und nochmal Koffer ein und aus? Nee. Dann bleibe ich halt wo ich bin.

Auf dem engen Weg zum Yoga lande ich im „Stau“.

Ein großer LKW fährt vor mir. Langsam nimmt er eine Kurve nach der anderen – mal sehe ich sein Hinterteil, in der Kurve winden sich die Glieder des LKWs durch die enge Straße wie ein träges Tier das sich Zeit lässt. Er scheint mir zu sagen: Warum so eilig?

Warum habe ich es so eilig?

Weil ich mit Griechenland durch bin.

Es reicht mir einfach. Ich möchte nach Hause. Nach München – das so ganz anders ist als das Postkarten-München und das Oktoberfest. Ruhiger, langsamer, mit sorgfältig ausgesuchten Menschen und sorgfältig ausgesuchten Orten an denen ich auftanken kann. Sei es auch nur lesend an der Isar sitzend.

Ich mache wie immer drei Kreuze als ich die grob geteerte Einfahrt zu Birgits Haus hochjuckele. Ein letztes Mal.


Der Abschied von meinen zwei Yoga-Mitreisenden fällt mir schwer und leicht zugleich. Ich weiß nicht ob es an den vielen Wochen des Alleinereisens in Korfu-Stadt liegt, aber ich hatte mir absolut null Gedanken über mein eigentliches Thema mit Gruppen gemacht. Vielleicht lag es auch daran dass es mein zwanzigstes oder dreißigstes Yoga-Retreat war. Alleine zu reisen fiel mir nie leicht, und die Yoga-Reisen der Vergangenheit boten immer eine schöne Mischung zwischen Gruppe und Alleinsein.

Das Gespräch fängt damit an, dass ich zu den beiden Damen sage:

„Meine Rolle in dieser Woche war eigentlich die des Statisten. Ich habe dabei zugeschaut wie ihr euch in die Insel, in das Yoga bei Birgit und in ihren magischen Platz verliebt habt. Es hat Spaß gemacht euch dabei zuzusehen.“

Eine der Teilnehmerinnen schaut mich an.

„Ich habe deinen Blogartikel über dein letztes Mal hier bei Birgit gefunden.“

Ich höre zu.

„Ich bin ganz begeistert über deine achtsame Art zu sprechen und zu schreiben. Da merkt man die Tiefe dahinter.“

Und dann noch mehr schöne Worte.

Ich bin erst total irritiert. Über wen reden die da? denke ich.

„Ich?“ frage ich sicherheitshalber nach.

„Ja!“

Ich bin kurz überfordert. „Das darf ich erstmal lernen anzunehmen.“

Und in diesem Moment wird mir klar: Es ging hier in diesen vier Wochen Korfu gar nicht darum, Griechisch zu lernen.

Es ging darum, meine Sprache zu finden. Meinen Ausdruck. Im gesprochenen Wort und hoffentlich auch in diesen kleinen Texten hier.

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