Ich hasse es alleine zu essen (Teil 27)

Alleine essen ist für mich der schlimmste, nervigste Teil des Alleinereisens.

In Korfu-Stadt hatte ich die ersten zwei Wochen versucht, das zu umgehen. Mittags eine Spanakopita – Spinat-Käse-Blätterteig – und eine Bougatsa, ein warmes Gebäck mit Vanillecreme, abends kochen im Apartment. Klingt vernünftig. War es nicht. Die Kombination aus zu viel Zucker und zu wenig von allem sorgte dafür, dass ich nicht schlafen konnte.

Also begann ich, innerlich die Augen verdrehend, jeden Mittag alleine essen zu gehen.

Einmal geriet ich in die Fänge eines sehr tüchtigen Geschäftsmannes am St. Rocco Square. Ich suchte nur kurz vor seinem Lokal nach meinem Feuerzeug im Rucksack – was offensichtlich Interesse genug war. Er köderte mich mit einem frischen Fischgericht, das er mir mit großen Gesten schilderte. Eigentlich wollte ich Sofrito – das klassische korfiotische Gericht aus zartem Kalbfleisch in einer Weißweinsauce mit viel Knoblauch und Petersilie, das Korfu so berühmt macht wie die Venezianer es einst gebaut haben. Aber als ich es bestellen wollte, fiel der tüchtige Geschäftsmann theatralisch aus allen Wolken. Der Fisch – er schlug sich dramatisch an die Brust – sei schon extra für mich bestellt.

Alles klar.

Ich dachte an meinen Vater. Der wäre aufgestanden und gegangen. Wahrscheinlich noch mit einem laut hingeschmetterten „Malaka“ – dem griechischen Schimpfwort das so ungefähr alles abdeckt zwischen „Idiot“ und „Wichser“, je nach Lautstärke und Situation. Ich glaube, in diesem Moment wollte ich so unbedingt nicht wie mein Vater reagieren, dass ich das Theaterstück mit dem frischen Fisch der schon in der Küche auf mich wartete einfach mitspielte.

Es war der schlechteste Fisch meines Lebens.

Und der tüchtige Geschäftsmann umschwänzelte mich die ganze Zeit beim Essen. Woher ich komme. Was ich hier mache. Er lerne Chinesisch – oder war es Japanisch – und das sei dem Deutschen sehr ähnlich. Natürlich. „Greek suits you better,“ schleimte er weiter und drückte mich beim Abschied herzlich an die Brust.

In meinem Apartment ging ich erstmal duschen.

Ich fand aber auch ein Lokal nahe der Neuen Festung, auf einem schönen und vor allem ruhigen Platz. Der Kellner ließ mich in Ruhe, seine Frau – nehme ich an – bediente mich einfach. Ohne große Show, ohne Gelabere. Das Lokal war sauber, die Stühle hatten hübsche Kissen, im Schatten war es kühl, das Essen okay. Ich las ein Buch, schaute mir die anderen Gäste an, spielte mein Lieblingsspiel – Herkunftsländer raten, Geschichten über Fremde ausdenken – aß, zahlte, ging.

So einfach kann es sein, dachte ich. Wie schön. Ich kann nach dem Essen sofort aufstehen und gehen, muss nicht rumsitzen und warten, muss mir mit niemandem die Rechnung teilen.

Ich schlief an diesem Tag sehr gut.


In Arillas gibt es mittags Ina’s.

Es ist noch Vorsaison, aber der Laden brummt von früh bis 17 Uhr. Ich dränge mich durch eng gestellte weiße Stühle und Tische aus weiß bemalten Baumstämmen und suche mir ein ruhiges, schattiges Plätzchen. Ich schaue mich um: ein Pärchen mit Laptops, ein älterer Herr der tippt. Wohl einer von gefühlt fünf Autoren zwischen den zweihundert Yogalehrer:innen, hundert Massagetherapeuten, fünfzig Lightworkern, fünfundzwanzig Womb-Heilerinnen und den Ecstatic Dancern.

Aus einem Impuls heraus schreibe ich in die WhatsApp-Gruppe der Yogawoche: „Sitze gerade bei Ina’s – wer hat Lust auf Mittagessen?“

Eine Teilnehmerin meldet sich. Sie kommt gleich.

Ich bestelle und lese in meinem Buch.

Als sie sich setzt, ist einer der ersten Sätze die sie sagt:

„Ich hasse es ja alleine zu essen.“

Sie ist mir sogleich sympathisch.

Eine halbe Stunde später steht plötzlich die dritte Teilnehmerin der Yogawoche an unserem Tisch – sie ist mit ihrer Familie ebenfalls bei Ina’s gelandet. Wir winken rüber.

So klein ist die Welt hier.

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