Das Spanferkel das ein Lamm war
In der letzten Yin-Yoga-Stunde dieser Woche kann ich mich kaum konzentrieren.
Mir spukt die ganze Zeit ein Werbeplakat mit einem Spanferkel an einem Restaurant in Arillas durch den Kopf. Während alle anderen still in ihrer Dehnung liegen und vermutlich erleuchtet werden, denke ich an Fleisch am Spieß.
Ich muss an den fünfzigsten Geburtstag meines Vaters denken. Ich erinnere mich daran weil wir ihn groß gefeiert hatten. Eine Blaskapelle kam in unseren Garten, ein Spanferkel drehte sich auf dem Grill. Vielleicht vermische ich diese Erinnerung auch mit einem griechischen Ostern – nach so vielen Jahren passiert das schon mal. Aber ich erinnere mich zu hundert Prozent an das Lachen meines Vaters. An seine strahlenden Augen als die Blaskapelle anfing „Happy Birthday“ zu spielen.
Die drei Biergläser mit den eingravierten Namen seiner drei Kinder, die er damals geschenkt bekam, wurden bis zu seinem Tod benutzt. Nur per Hand gewaschen. Und dann sorgfältig hintereinander in eine Glasvitrine gestellt. Bis zum nächsten Weißwurstfrühstück.
Nach der Yogastunde finde ich in Arillas einen Parkplatz und schneie mit einer Confidence die ich selten besitze in das Lokal mit dem Plakat.
Zielstrebig steuere ich den Mann am Grill an.
„I saw your sign for the—“
Weiter komme ich gar nicht. Er unterbricht mich:
„Lamb.“
Lamm? Ich bin kurz verwirrt. Ich wollte doch Spanferkel. Spofakel, auf Bayrisch. Wie früher mit Papa.
Der Mann am Grill schnipselt mit einem Fleischrasierer – wie im Döner-Laden – zwei Stücke Fleisch von den Spießen die sich hinter ihm drehen und hält sie mir auf einer Schaufel hin.
„This is chicken. And this is lamb.“
Ganz aufgeregt nehme ich ein Stück Chicken und kaue drauf herum. Das Fleisch ist sehr zäh und trocken. Das Chicken dreht sich wohl schon etwas länger an diesem Spieß.
Der Mann am Grill nuckelt an seinem Becher Frappee und wischt sich den Schweiß ab.
„Πόσες γλώσσες μιλάς;“ fragt er mich auf Griechisch. Wieviele Sprachen sprichst du?
Ich kaue weiter an dem trockenen Huhn und antworte tapfer auf Griechisch:
„Deutsch, Englisch – και λίγο ελληνικά.“ Und ein ganz kleines bisschen Griechisch.
Und dann – das trockene Huhn gerät in den falschen Kanal.
Ich verschlucke mich. Huste. Niese. Keine Luft. Ich laufe rot an.
Diese Sprache bringt mich jetzt tatsächlich um, schießt es mir durch den Kopf.
Der Chef des Lokals – den ich jetzt erst richtig wahrnehme: Irokesenschnitt, Hawaii-Hemd – bringt mir eine Flasche Wasser die ich gierig trinke. Langsam bekomme ich wieder Luft. Das Hühnchen rutscht weiter. Hustend und trinkend entschuldige ich mich mehrfach.
„Sorry, sorry—“
„Don’t apologize!“ lächelt mich der Mann am Grill an.
Der Irokesen-Chef führt mich an einen Tisch. Ich muss mich erstmal erholen. Von dem Hühnchen. Von dem Griechisch. Von der Beinahe-Tod-Erfahrung im Allgemeinen.
Dann esse ich das Spanferkel das ein Lamm war.
Es ist gut.
Nachdem ich gezahlt habe, gehe ich auf den Irokesen-Chef zu und gebe ihm die Hand.
„Thank you for saving my life.“
Er winkt ab – und drückt mich herzlich an seine Brust.
Was ist das immer nur mit diesen Umarmungen von Männern in diesem Land, die ich nicht will?
