Im Schmerz ist auch noch eine Verbindung (Teil 17)
An jedem dritten Montag im Monat bin ich Teil einer Online-Trauergruppe. Wie immer startet die Leiterin den Call mit einer Check-in-Runde.
Ich schicke in den Chat, dass ich noch fünf Minuten brauche – und rauche noch eine auf meinem kleinen Balkon. Der Platz unter mir ist ruhig an diesem Abend. Die Kreuzfahrttouristen längst wieder in ihren Kabinen, irgendwo auf hoher See.
Ich schalte mein Video ein und mache es mir auf dem Bett bequem.
Als ich an die Reihe komme, bricht die Trauer aus mir raus. Die, die mein ständiger Begleiter hier auf Korfu ist. Die die ich tagsüber mit Vokabeln und Sandwiches und Katzen und Kirchenkerzen auf Abstand halte.
Ich sage: „Ich habe hier in jeder Unterrichtsstunde Berührung mit der Sprache von Papa. In einem griechischen Wort das er immer gesagt hat. In einem Kochrezept das er liebte. Die Trauer ist wie Papierschnitte an meiner Seele hier.“
Und dann muss ich aufschluchzen. Weil die zweite Woche auf Korfu die Woche vor dem dreißigsten Todestag meiner Mutter ist.
Dreißig Jahre.
Den Muttertag hatte ich noch ganz gut überstanden – Ablenkung hilft, Eis essen hilft, durch die Gassen laufen hilft. Dieser Abstand von zu Hause, von den vertrauten Ecken in München, von den Orten die mich an sie erinnern. Das hilft.
Aber diese dreißig Jahre.
Wenn ich die Augen schließe und mir mein Herz vorstelle, dann ist der Schmerz um den Verlust meiner Mutter – die starb als ich sechzehn war – nur noch ein kleines Loch.
So wie auf den Abschreckbildern auf den Zigarettenpackungen. Klein, dunkel, präzise. Ich erschrecke mich darüber. Dass dieses Loch, das ich in der Vergangenheit versucht habe zu stopfen – mit Alkohol, mit Männern, mit Party, mit Arbeit – so klein geworden ist.
Dass mein Leben quasi drum herum gewachsen ist, wie ein Baum um einen Fremdkörper.
Und gleichzeitig: dieses kleine Loch tut so weh. Noch immer. Immer noch.
Meine Mutter hat alles verpasst.
Mein ganzes Leben. Die Freundinnen, die Männer, die Bücher, die Niederlagen, die kleinen Siege, München, Korfu, diese Trauergruppe an einem Montagabend auf einem Bett in Griechenland.
Ich bin jetzt fast dreimal so lange am Leben ohne sie als mit ihr. Sie kannte mich nur als Kind. Sie wird mich nie als Frau kennen.
Das ist doch scheiße.
Das Einzige woran ich innerlich noch anknüpfen kann sind unsere Familienurlaube in Griechenland.
Sechs Wochen im Sommer, zwei zu Ostern, zwei zu Pfingsten. Hier, auf diesem Boden, in dieser Luft, spüre ich manchmal noch etwas von ihr. Ein Schatten von ihr. Eine Wärme die ich nicht benennen kann.
Aber die Erinnerungen verblassen. Werden überlagert von anderen Erinnerungen, neueren, lauteren.
Das Gehirn ist gnadenlos in seiner Buchhaltung – es macht Platz für das Neue und schiebt das Alte nach hinten, in die dunkleren Regale. Ich wühle manchmal dort. Suche ihr Gesicht, ihre Stimme, den Geruch von ihr.
Manchmal finde ich etwas.
Manchmal finde ich nur den Staub.
Die Leiterin der Trauergruppe sagt an diesem Abend einen Satz der mich still werden lässt.
„Im Schmerz ist auch noch eine Verbindung.“
Ich sitze auf meinem Bett in Korfu und lasse das sacken.
Das kleine Loch in meiner Brust – es ist nicht nur Verlust. Es ist auch sie.
Solange es wehtut, ist sie noch da.
Irgendwie.
Auf ihre Art.
Ich rauche noch eine auf dem Balkon. Der Platz unter mir ist still.
