Ich wollte nur meine Wäsche waschen (Teil 8)

Einige Namen und Details habe ich verändert, damit die Menschen in diesen Texten ihre Geschichten behalten dürfen.

Ich wollte nur meine Wäsche waschen.

Das klingt nach einem sehr einfachen Satz.

Nach einem Satz, der in einem normalen Leben ungefähr so weitergeht:

Man sortiert hell und dunkel, gibt Waschmittel dazu, drückt auf Start und vergisst die Wäsche danach für zwei Stunden in der Maschine.

In meinem Leben ist das natürlich selten so.

In meinem Leben wird aus „Ich wollte nur meine Wäsche waschen“ schnell eine kleine Versuchsanordnung zu Scham, Sprache, Grenzen, weiblicher Unsichtbarkeit und männlichen Stimmen, die zu hart in einen Raum fallen.

Aber der Reihe nach.

In meinem Apartment auf Korfu gab es eine Waschmaschine.

Das war einer der Gründe, warum ich dieses Apartment gebucht hatte. Vier Wochen mit Handgepäck und Sommerkleidung funktionieren nur, wenn man zwischendurch waschen kann.

Ich hatte also sehr erwachsen geplant.

Sehr praktisch.

Sehr vernünftig.

Was ich nicht eingeplant hatte:

dass die Putzfrau offenbar ebenfalls eine Beziehung zu dieser Waschmaschine hatte.

Sie hieß Maria.

Natürlich hieß sie Maria.

Ich weiß, das klingt jetzt, als hätte ich sie für eine literarische Szene erfunden. Aber manchmal liefert das Leben einem Namen, bei denen man denkt:

Danke, ein bisschen subtiler wäre auch gegangen.

Maria kam einmal die Woche.

Sie war klein, kräftig, schnell.

Eine Frau, die nicht viel Raum brauchte, um einen Raum komplett zu übernehmen.

Ich mochte sie sofort.

Und ich hatte Angst vor ihr.

Nicht vor ihr als Person.

Eher vor der Tatsache, dass sie in mein Apartment kam und sofort wusste, was zu tun war, während ich in der Ecke stand wie eine deutsche Touristin mit zu vielen Gedanken und zu wenig Griechisch.

Maria sprach kein Englisch.

Oder nur sehr wenig.

Ich sprach kein Griechisch.

Oder nur sehr wenig.

Unsere Kommunikation bestand also aus Lächeln, Zeigen, Nicken und diesem internationalen Theaterstück, das Menschen aufführen, wenn sie sich verständigen wollen, aber keine gemeinsame Sprache haben.

Sie zeigte auf den Boden.

Ich nickte.

Sie zeigte auf die Handtücher.

Ich nickte.

Sie sagte etwas auf Griechisch.

Ich nickte wieder.

Ich hatte keine Ahnung, was ich gerade bestätigt hatte.

Vielleicht hatte ich ihr erlaubt, das Bad zu putzen.

Vielleicht hatte ich einer Adoption zugestimmt.

Man weiß es nicht.

An diesem Tag wollte ich meine Wäsche waschen, bevor Maria kam.

Oder nachdem sie da war.

Oder irgendwie so, dass ich ihr nicht im Weg stand.

Ich wollte keine Arbeit machen.

Ich wollte keine Unordnung hinterlassen.

Ich wollte nicht diese Frau sein, die in einem hellen Apartment sitzt, schreibt, Griechisch lernt, aufs Meer schaut und dann auch noch ihre Unterwäsche in der Maschine vergisst, während eine andere Frau für Geld ihren Dreck wegmacht.

Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein feministisches Bewusstsein in sehr konkrete Waschmaschinenpanik verwandeln kann.

Ich sammelte also meine Sachen zusammen.

T-Shirts.

Unterwäsche.

Sportkleidung.

Eine Bluse, durch die ich im Griechischunterricht geschwitzt hatte.

Die Bluse hatte eigentlich einen eigenen Waschgang verdient.

Oder eine Therapie.

Ich stopfte alles in die Maschine.

Dann suchte ich das Waschmittel.

Es gab welches.

Natürlich gab es welches.

Dieses Apartment war gut ausgestattet. Es hatte Töpfe, Pfannen, scharfe Messer, schöne Gläser, sogar eine Zitronenpresse.

Ich liebe Apartments mit Zitronenpressen.

Sie geben einem das Gefühl, ein Mensch zu sein, der jederzeit souverän eine Vinaigrette anrühren könnte.

Ich bin nicht dieser Mensch.

Aber ich wohne gerne in seiner Nähe.

Ich füllte Waschmittel ein, drückte auf irgendeinen Knopf und hoffte, dass die Maschine schon wissen würde, was sie tut.

Maschinen wissen oft mehr als ich.

Kurz darauf klingelte es.

Maria.

Natürlich.

Ich öffnete.

Sie kam herein, lächelte, sagte etwas auf Griechisch und begann sofort, sich durch die Wohnung zu bewegen.

Nicht hektisch.

Aber zielgerichtet.

So, wie Menschen sich bewegen, die jeden Tag Wohnungen betreten, in denen andere Menschen nur vorübergehend so tun, als würden sie dort leben.

Ich zeigte auf die Waschmaschine.

„Laundry“, sagte ich.

Dann machte ich eine Waschbewegung mit den Händen.

Warum machen wir Menschen das eigentlich?

Als würde eine Frau, die seit Jahren Apartments putzt, nicht wissen, was eine Waschmaschine ist.

Maria nickte.

Sagte etwas.

Ich verstand nichts.

Ich nickte auch.

Das war unser System.

Es funktionierte erstaunlich schlecht.

Irgendwann merkte ich, dass sie die Waschmaschine benutzen wollte.

Für die Handtücher.

Oder die Bettwäsche.

Oder beides.

Ich hatte sie blockiert.

Mit meinen Sachen.

Mit meiner verschwitzten Bluse.

Mit meiner deutschen Planung.

Sofort schoss Scham in mir hoch.

Nicht:

Oh, blöd gelaufen.

Sondern:

Ich bin falsch.

Ich störe.

Ich habe es nicht verstanden.

Ich mache Arbeit.

Ich bin zu viel.

Es ist beeindruckend, wie schnell ein Nervensystem aus einer Waschmaschine eine Charakterdiagnose bauen kann.

Ich entschuldigte mich.

Auf Englisch.

Mehrfach.

„Sorry, sorry, I didn’t know.“

Maria winkte ab.

Sie war nicht sauer.

Zumindest glaube ich das.

Vielleicht war sie auch sauer und nur professionell.

Vielleicht dachte sie:

Diese Frau wohnt hier seit Tagen und versteht immer noch nicht, wann ich die Wäsche mache.

Vielleicht dachte sie gar nichts.

Vielleicht wollte sie einfach arbeiten.

Ich stand daneben und fühlte mich wie ein Hindernis mit Haaren.

Dann kam Nikos.

Nikos war, glaube ich, der Mann, der für die Apartments zuständig war.

Oder der Hausmeister.

Oder der Vermieter.

Oder ein Grieche, der zufällig überall auftauchte, wenn irgendetwas geregelt werden musste.

Auch das ist eine Figur, die es in Griechenland oft gibt:

ein Mann mit Schlüssel, Telefon und Meinung.

Er kam herein, sprach mit Maria und dann mit mir.

Auf Griechisch.

Schnell.

Hart.

Lauter, als nötig gewesen wäre.

Vielleicht war es gar nicht laut.

Vielleicht war es nur Griechisch.

Vielleicht war es nur männlich.

Vielleicht war es nur mein Körper, der keine Lust hatte, Unterschiede zu machen.

Seine Stimme traf mich jedenfalls sofort.

Nicht wie ein Gespräch.

Eher wie ein Gegenstand.

Ich spürte, wie in mir etwas dichtmachte.

Schultern hoch.

Bauch fest.

Atmung flach.

Kopf leer.

Dieses alte, schnelle Umschalten.

Nicht denken.

Nicht widersprechen.

Nicht auffallen.

Nur verstehen, was der Mann will.

Sofort.

Damit es nicht schlimmer wird.

Ich hasste das.

Ich hasste, dass eine Stimme reicht.

Dass ich fünfundvierzig Jahre alt sein kann, allein auf Korfu, in einem Apartment, das ich selbst bezahlt habe, mit eigenem Geld, eigener Reise, eigenem Leben — und trotzdem macht ein hart gesprochenes griechisches Männerwort irgendwo in mir eine Tür auf, hinter der ein kleines Mädchen sitzt.

Ein kleines Mädchen, das gelernt hat, Stimmen zu lesen, bevor es Sätze verstand.

Mein Vater konnte so sprechen.

Nicht immer.

Aber oft genug.

Schnell.

Hart.

Mit diesem Druck in der Stimme, der keine Frage stellte, sondern Raum nahm.

Und Fritz sprach Griechisch.

Auch das.

Natürlich auch das.

Ich weiß nicht mehr, wie seine Stimme genau klang.

Aber mein Körper erinnert sich an genug.

Nikos erklärte mir irgendetwas.

Vielleicht ging es um die Waschmaschine.

Vielleicht um die Handtücher.

Vielleicht um den Zeitpunkt, wann Maria kommt.

Vielleicht um gar nichts Dramatisches.

Ich verstand einzelne Wörter.

Oder glaubte, sie zu verstehen.

Mehr nicht.

Ich lächelte.

Nickte.

Entschuldigte mich.

Wieder.

Ich hasse dieses Lächeln.

Dieses weibliche Beschwichtigungslächeln.

Dieses:

Ich bin harmlos, bitte tu mir nichts.

Dieses:

Ich mache keine Umstände.

Dieses:

Ich weiß, ich bin das Problem.

Ich hasse es besonders, weil ich es so gut kann.

Nikos ging wieder.

Maria arbeitete weiter.

Die Waschmaschine lief.

Oder lief nicht.

Ich weiß es nicht mehr genau.

Was ich weiß:

Danach war ich erschöpft.

Nicht von der Wäsche.

Von der Stimme.

Von der Sprachlosigkeit.

Von der Scham.

Von diesem alten Reflex, sofort kleiner zu werden, wenn ein Mann hart spricht.

Ich setzte mich auf mein Bett.

Oder an den Tisch.

Vielleicht stand ich auch einfach nur eine Weile in der Küche und starrte auf die Zitronenpresse.

Manchmal weiß ich nach solchen Momenten nicht sofort, was passiert ist.

Mein Kopf braucht dann länger als mein Körper.

Der Körper ist schon im Keller.

Der Kopf steht noch oben und fragt:

War doch gar nichts, oder?

Doch.

Es war etwas.

Nicht, weil Nikos etwas Schlimmes getan hatte.

Das ist wichtig.

Vielleicht war er einfach nur direkt.

Vielleicht war er sogar freundlich, auf griechische Art.

Vielleicht hatte er einen stressigen Tag.

Vielleicht war ich nur eine weitere Touristin mit Wäscheproblem.

Aber mein Körper reagierte nicht auf Nikos allein.

Er reagierte auf eine ganze Sammlung.

Auf meinen Vater.

Auf Fritz.

Auf Sprache.

Auf Männer.

Auf die Jahre, in denen ich nicht wusste, dass ich Nein sagen darf.

Auf Situationen, in denen ich lächelte, weil ich nicht wusste, was sonst.

Das ist das Gemeine an alten Verletzungen.

Sie warten nicht auf passende Anlässe.

Sie nehmen, was kommt.

Eine Waschmaschine.

Eine Stimme.

Ein falscher Zeitpunkt.

Ein Mann im Türrahmen.

Und plötzlich ist man nicht mehr dort, wo man gerade ist.

Später hing meine Wäsche irgendwo im Apartment.

Oder Maria hatte sie aufgehängt.

Oder ich.

Ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur noch, dass ich meine eigenen Kleidungsstücke ansah und dachte:

Auch das gehört zu dieser Reise.

Nicht nur das Meer.

Nicht nur das Griechischheft.

Nicht nur die Sandwiches und die Tuniken und die Gespräche mit Fremden.

Auch diese Momente, in denen ich merke, wie schnell ich verschwinde.

Wie schnell ich mich entschuldige.

Wie schwer es mir fällt, Raum einzunehmen, selbst wenn ich ihn bezahlt habe.

Ich wollte nur meine Wäsche waschen.

Und stand plötzlich wieder vor der Frage, die mich auf Korfu dauernd begleitet:

Wie lernt man eine Sprache, wenn der Körper bei bestimmten Stimmen aufhört zuzuhören?

Wie findet man Heimat in einem Land, dessen Klang einen manchmal wärmt und manchmal erschreckt?

Wie bleibt man erwachsen, wenn in einem drin etwas sofort wieder Kind wird?

Ich habe keine große Antwort.

Nur eine kleine.

Ich blieb.

Ich ließ die Wäsche fertig laufen.

Ich zog später die sauberen Sachen an.

Ich ging am nächsten Tag wieder raus.

Vielleicht ist das manchmal alles.

Nicht souverän reagieren.

Nicht mutig kontern.

Nicht sofort Grenzen setzen wie eine Frau aus einem Ratgeber.

Sondern merken:

Ah.

Da war wieder diese alte Angst.

Sie ist da.

Sie ist nicht die ganze Wahrheit.

Und ich bin trotzdem noch hier.

Mit sauberer Wäsche.

Auf Korfu.

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