„Lass es uns zusammen rausfinden“ (Teil 26)
Die ersten Yogastunden sind irgendwie anders – und gleichzeitig nicht neu für mich.
In der Zeit meiner chronischen Schulterschmerzen hatte ich mit Birgit, der Yogalehrerin dieser Woche, über ein halbes Jahr online Yoga gemacht. Sie war entweder im Norden Deutschlands oder hier auf Korfu in ihrem Haus – dem Ort dieser Yogawoche – ich immer in München. Sie half mir durch eine schwere Zeit, in der ich vom Aufstehen bis zum Einschlafen Schmerzen hatte. Eine Zeit in der ich sogar ernsthaft überlegt hatte in eine Schmerzklinik zu gehen. Ich – die Krankenhäuser hasst.
Das Yoga das wir damals machten war darauf ausgelegt, meine Faszien zu dehnen. Nicht mit einseitigen klassischen Yogaübungen, sondern mit Bewegungen die den ganzen Körper forderten. Schwingen. Hüpfen. Verdrehen wie eine Schraube. Und alles half – besonders auch weil ich damals wieder ein Medikament nahm, eine Mischung aus Antidepressivum, Schmerzmittel und Schlafmittel. Alles woran mein Kopf denken konnte war: Schmerz. Dieser raubte mir sogar den Schlaf.
Ich kannte Birgits Yoga also schon. Auch von einem Retreat ein Jahr nach dem Tod meines Vaters.
Nur dieses Mal war es irgendwie anders.
Birgit stimmte zu Beginn und am Ende jeder Stunde ein Mantra an. Wir begannen mit Meditation, gingen dann über ins Schwingen, Hüpfen, Schrauben, dann ein wenig Yin, dann Shavasana. In der Mitte der Woche konnte ich eine innere Irritation nicht mehr verbergen.
Also sagte ich es ihr einfach.
„Birgit, ich spüre einen kleinen Widerstand gegen das Yoga. Kannst du mir helfen?“
Nun ist es so: Hätte ich nicht die lange Vorbeziehung zu Birgit gehabt, hätte ich mich nie getraut die Yogapraxis in Frage zu stellen. Viele andere Yogalehrer:innen hätten die Frage nicht ernst genommen. Hätten sie abgetan. Oder mit spirituellen Phrasen niedergemacht: „Vielleicht ist dieser Widerstand genau das was du brauchst.“ Oder: „Lass den Widerstand einfach da sein.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Dein Ego schützt dich vor der Transformation.“
Es kann auch sein dass ich hier die Härte meines Vaters auf Birgit projiziert hatte – diese Erwartung dass Fragen abgeblockt werden, dass Zweifel nicht willkommen sind.
Birgit aber nahm sich alle Zeit der Welt. Erklärte mir ruhig und genau was hinter dem Konzept der YogaDoc-Stunden steckt. Kein Abwimmeln. Kein spirituelles Phrasendrehen. Einfach: eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage.
Auf dem holprigen Rückweg ins Hotel spürte ich Tränen in meinen Augen aufsteigen.
So sanft kann Nicht-Wissen aufgenommen werden. So sanft kann kritisches Hinterfragen willkommen sein.
Beim Abschied an diesem Tag hatte ich mich bei Birgit genau dafür bedankt.
Sie sagte: „Hätte ich es nicht gewusst – hätte ich gesagt: Lass es uns zusammen rausfinden.“
Die Härte meines Vaters in solchen Momenten – die Ablehnung, das Abwimmeln, die Faust auf dem Tisch – fließt mit meinen Tränen an diesem Tag aus mir heraus. Auf einer holprigen Straße in Arillas, auf Korfu, im Auto.
Einfach so.
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