Warum ich 13 Jahre in einer toxischen Beziehung geblieben bin
Triggerhinweis: Dieser Text enthält Schilderungen von psychischer und körperlicher Gewalt in einer Beziehung.
Der Blogartikel erzählt von einer toxischen Beziehung und davon, warum Verstehen oft erst im Rückblick möglich ist. Er ist ein persönlicher Text über Schweigen, Verwirrung und den langen Weg zurück zu sich selbst – und ein Auszug aus meinem Buch.
Toxische Beziehung verarbeiten beginnt oft mit einem Satz, den man nie gesagt hat
Ich habe, während ich in der Beziehung war, dreizehn Jahre lang niemandem erzählt, wie es wirklich war.
Nicht, weil es nichts zu erzählen gegeben hätte – sondern weil ich selbst nicht wusste, wie man eine toxische Beziehung verarbeitet, während man noch mitten in ihr steckt.
Der Ritter mit dem Cabrio
„Ich studiere Jura“, schrie er über eine Bierbank. So begann es. Oktoberfest. 1997.
Zehntausend Menschen. Ich war siebzehn. Meine Mutter ein Jahr zuvor gestorben.
Er war groß, älter und souverän. Ein Mann, der wusste, wie das Leben geht – dachte ich.
In Wahrheit arbeitete er in einem Callcenter. Aber damals gab es kein Google und kein Social Media.
Und selbst wenn: Ich hätte nicht gesucht.
Toxische Beziehungen beginnen selten mit Gewalt.
Sie beginnen mit Verheißung.
Wenn Liebe sich anfühlt wie Arbeit
Nach zwei Jahren kam der erste Betrug. Mit meiner besten Freundin.
Ich erinnere mich weniger an den Schmerz als an die Verwirrung.
An das Gefühl, plötzlich in einer Geschichte zu stehen, deren Regeln ich nicht verstand.
Er leugnete. Er beschuldigte andere. Er schrieb an mich Liebesbriefe.
Und irgendwann stand er in dem Laden in dem ich jobbte, legte mir eine türkisfarbene Schachtel auf den Tresen.
Sieben kleine Diamanten. Ein Monatsgehalt. Eine Entschuldigung, die glänzte.
Ich nahm den Ring.
Ich blieb.
Ich schwieg.
Heute weiß ich: Love Bombing fühlt sich am Anfang an wie Rettung.
Zusammenziehen heißt nicht ankommen
Nach sieben Jahren zogen wir zusammen.
Mein Bauch schrie Nein. Ich verstand nicht wieso, das ist doch „der nächste logische Schritt“.
Also passte ich mich an, wurde leiser, kleiner, praktischer.
Wenn man eine toxische Beziehung verarbeitet, erkennt man oft erst im Rückblick, wie sehr man sich selbst verlassen hat, lange bevor man den anderen verlässt.
Angst ist kein Beziehungsproblem. Sie ist ein Alarmsystem.
Es gab Nächte, in denen ich Angst hatte.
Vor seiner Wut. Vor seinem Schweigen. Vor dem nächsten Vorwurf.
Es gab eine Nacht, in der ich wach wurde, weil er über mir kniete.
Und eine andere, in der er mich würgte, während ich dachte, ich müsse trotzdem pünktlich zur Arbeit.
Das sind keine Missverständnisse.
Das ist Gewalt.
Warum ich blieb
Diese Frage kommt immer.
Und sie ist falsch gestellt.
Ich blieb, weil ich früh gelernt hatte, alle meine Gefühle wegzupacken.
Weil ich Liebe mit Anstrengung verwechselte.
Weil ich dachte, Reagieren sei Handeln.
Und weil niemand mir beigebracht hatte, dass ich gehen darf.
Eine toxische Beziehung zu verarbeiten heißt nicht, sich schuldig zu sprechen.
Es heißt, Zusammenhänge zu verstehen.

Ich hatte keine Worte dafür.
Also blieb nur das Gefühl: Mit mir stimmt etwas nicht.
Warum ich heute darüber schreibe
Nicht aus Rache.
Nicht aus Nabelschau.
Sondern weil Schweigen immer den Falschen schützt.
Wenn du gerade versuchst, eine toxische Beziehung zu verarbeiten, dann vielleicht nicht durch Lösungen – sondern durch Wiedererkennen.
Durch meine Geschichte, die sich – in Teilen – anfühlt wie: Das kenne ich.
Wenn du gerade Hilfe brauchst
Wenn du dich in einer akuten Gefahrensituation befindest oder Angst um deine Sicherheit hast:
- Deutschland
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 (24/7, anonym)
- Notruf: 112
- Österreich
- Frauenhelpline: 0800 222 555
- Schweiz
- Opferhilfe: 0800 554 453
Bitte sprich mit jemandem. Du musst da nicht alleine durch.
Warum ich gegangen bin
Ich bin nicht gegangen, weil ich plötzlich stark war.
Ich bin gegangen, weil mein Körper schneller verstanden hat als mein Kopf.
Weil Angst irgendwann nicht mehr nur ein Gefühl war, sondern ein Zustand.
Weil es einen Morgen gab, an dem ich vor der Wohnungstür stand und wusste: Wenn ich heute bleibe, verliere ich mich endgültig. Nicht meine Würde, nicht meine Hoffnung – sondern mein Leben.
Es war kein großer Befreiungsmoment. Kein Triumph.
Es war ein stilles, klares Wissen: Das hier ist kein Ort mehr, an dem ich überleben kann.
Zum Schluss
Eine toxische Beziehung zu verarbeiten ist kein linearer Prozess.
Es ist ein Weg zurück zu dir.
Langsam. Unordentlich. Wahr.
Ich schreibe darüber, weil ich zu lange geschwiegen habe.
Und weil es diese Männer noch gibt.
Aber auch diese Frauen, die irgendwann gehen.
Wie mich. Wie dich.
