Sein letztes Hemd
„Wir müssen noch etwas zum Anziehen raussuchen.“
Mein Bruder, meine Tante und ich stehen vor dem Kleiderschrank meines Vaters.
„Das wird doch eh verbrannt – oder?“ antworte ich flapsig. In mir ist so viel los, dass ich in die Defensive gehe. Ein mir sehr bekanntes Verhaltensmuster, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin.
Mein Vater nannte es immer mein „Dagegen-Sein“.
„Trotzdem.“ Mein Bruder sieht mich fragend an.
Ich sehe meine Tante fragend an.
Wir drehen uns fragend zu meinem Vater um, der friedlich in seinem Schlafanzug in seinem Bett liegt.
„Okay. Also, was brauchen wir? Unterhosen? Socken?“ Meine Tante zieht entschlossen ein paar Schubladen auf. Woher sie weiß, wo mein Vater das aufbewahrt, will ich gar nicht wissen.
„Anzughose.“ entscheide ich.
Ich öffne eine Tür des Kleiderschranks und suche aus vier Stoffhosen eine aus.
„Wo ist das passende Jackett?“ Weitere Schranktüren werden geöffnet, und wir suchen.
Es fühlt sich schrecklich an, in Papas Schränke zu schauen. Wie ein Dieb. So ein Kleiderschrank ist einfach eine intime Sache.
„Ich hole mal Anzugsschuhe aus dem Keller.“ Mein Bruder verschwindet kurz.
„Das ist doch schön!“ Ich finde ein Business-Hemd. Das würde Papa gefallen, denke ich. Schließlich war die Arbeit ein wichtiger Teil seines Lebens – wenn nicht der wichtigste.
Kurz denke ich an meine Mutter. Sie ging genau zweimal im Jahr neue Kleidung kaufen. Einmal im Frühling und einmal im Herbst. Es gab drei, vier neue Teile, und das war’s.
Vielleicht haben sie dieses Hemd noch zusammen gekauft?
Ich schüttle den Kopf. Wenn ich jetzt auch noch an meine verstorbene Mutter denke, mache ich alles nur noch trauriger!
Schnell greife ich nach einem Gürtel, der mir vage bekannt vorkommt. Traurig und genervt klappe ich entschieden die Schranktür zu:
„Mann, Papa!“ sage ich zum Bett gerichtet. „Hättest du dir auch mal überlegen können, was wir dir anziehen sollen!“
Falls jemand es wissen will: Ich will in Jeans, einem Ringelshirt von Boden, Burlington-Socken, einem roten oder pinken Kaschmirpulli und Sneakern verbrannt werden.
