Meine Trauer führt mich zu einer Schwimmstunde – auf dem Trockenen
Plötzlich wirkt mein Leben ganz blass. „Geht’s dir nicht gut?“ frage ich besorgt. Auch wenn ich gerade tierisch stinkig auf mein Leben bin, ist es immer noch, naja, mein Leben. Das soll ja nicht umkippen, vor allem, weil ich kein Blut sehen kann.
„Mir ist so…“ Mit großen Augen sehe ich mein Leben an, da es eine Pause macht.
„So…?“
„Ich weiß auch nicht. Ich fühl mich auf einmal so …?“
„Ja, wie denn nun?“ Meine Ungeduld wächst und schlägt schon fast ins Aggressive um.
„Transluzid?“
„Transzu-was?“ Dass mein Leben jetzt mit solchen Wörtern, die ich erst mal googeln muss, um sich wirft, muss ja jetzt auch nicht sein. Beim Aufstehen, um mein Handy aus der Küche zu holen, schaue ich mir mein Leben genauer an. Und tatsächlich! Es ist ganz durchsichtig geworden. Ich sehe nur noch seine Umrisse und durch seinen Körper hindurch schimmern die grünen Blätter der gegenüberliegenden Bäume. Ich versuche es anzufassen und greife wie durch Spinnweben. „Igh!“ Erschrocken ziehe ich meine Hand zurück.
„Was ist denn mit dir los?“
Mein Leben zuckt mit den Schultern, seine Stimme ist auch schon kaum mehr hörbar: „Das müssen die Reisen in die Vergangenheit sein. Die ziehen mir die ganze Energie.“
„Shit! Und jetzt?“
„Ich habe da vielleicht eine Lösung.“ Meine Trauer, die die ganze Zeit still gewesen ist und uns nur beobachtet hat, springt auf und kramt in ihrer Reisetasche herum. Es fliegen heraus: eine Zinksalbe, ein Podcast-Mikro und ein braunes kleines Medizinfläschchen. Alles sieht noch oller und angegriffener aus als beim Einzug meiner Trauer.
„Ich dachte, diese ganzen Erinnerungsstücke wären alle schon längst verloren gegangen?!“ Vorsichtig hebe ich das braune Medizinfläschchen auf. In dem Moment, als ich es anfasse, kommen mir drei Sätze in den Kopf: „Entweder du gehst in eine psychosomatische Klinik oder du nimmst Antidepressiva. Selbstbestrafung durch Essensentzug ist scheiße. Wir fliegen nach Mauritius!“ Ich werde plötzlich müde und schließe kurz die Augen. Schon sehe ich den Start dieser Geschichte aus meiner Vergangenheit, wie in einem Film vor mir ablaufen. Er beginnt mit einer Panikattacke auf dem Heimweg von meinem damaligen Job.
„Nicht jetzt, Irene!“ Meine Trauer reißt mir das Fläschchen aus der Hand. Ich schlage die Augen auf und stehe wieder in meiner Wohnung, mein durchsichtiges Leben vor mir.
„Ah, da ist es ja!“ Mit einem zufriedenen Lächeln zieht meine Trauer nun ein flaches braunes Kästchen aus Holz aus ihrer Tasche. Es klappert leise. Mit einem Wisch fegt meine Trauer meine Zen-Dekoration vom Couchtisch und klappt das Kästchen auf. In rasender Geschwindigkeit stellt meine Trauer Spielfiguren auf. 15 auf der einen Seite des Brettes und 15 auf der anderen. Schach war noch nie meins. „Ihr müsst spielen!“ ruft meine Trauer und zeigt auf das Brettspiel.
Genervt verdrehe ich die Augen: „Ich hasse Brettspiele!“
„Es geht um dein Leben, Irene!“ Meine Trauer deutet auf mein Leben, und tatsächlich ist es irgendwie noch blasser geworden. Es ist fast schon mit der Umgebung verschmolzen und nahezu unsichtbar geworden. Ich kann nur noch ganz schwach den Umriss seiner Hand erkennen, wie es mir zuwinkt.
„Das geht ja gar nicht!“ Ich haste zu meinem Leben, greife es an seiner durchsichtigen Hand und manövriere das zarte Etwas ganz vorsichtig in Richtung Couchtisch. Schnell werfe ich noch mein Kissen mit den goldenen Palmen auf den Boden, damit mein Leben es bequem hat. „Setz dich.“ Das feine, wabernde Etwas nimmt Platz. Meine Berührung muss wohl etwas in meinem Leben ausgelöst haben. Die Konturen verstärken sich leicht wieder, so als hätte jemand Punkte mit einem Stift verbunden.
„Spiel, Irene.“ fordert mich meine Trauer auf und drückt mich unsanft auf meinen Wohnzimmerteppich.
„Ich weiß nicht wie!“ jammere ich und verstecke meine Hände hinter meinen Fingern.
„Learning by doing.“ Das Englisch meiner Trauer war auch schon mal besser. So wie sie es gerade ausgesprochen hat, hört es sich eher wie „Lörning bei tuing“ an. Ich schmunzle und löse meine Hände von meinem Gesicht.
Mein Leben eröffnet das Spiel. Fasziniert sehe ich dabei zu, wie seine Hand, sobald sie eine Spielfigur berührt, wieder ganz sichtbar wird. Dabei entgeht mir, dass die Spielfiguren nicht die sind, die ich von meinen mangelnden Schachkenntnissen kenne, sondern aus Firmenlogos bestehen. Mein Leben hat soeben das Logo eines Museumsshops aus der Reihe der übrigen nach vorne gesetzt.
Ich erinnere mich an den langen, komplizierten Bewerbungsprozess für diesen Shop, inklusive Probearbeiten, auf das eine Absage erfolgte. Ach, darum geht es hier! Verstehend setze ich ziel- und planlos eine Figur nach vorne. Es ist das Logo einer Fahrradfirma, bei der ich mich – ebenfalls erfolglos – beworben hatte. Immerhin habe ich in diesem Bewerbungsprozess verstanden, dass es viel Wert ist, wenn man beruflich etwas tut, was sich im Kontext seiner liebsten Freizeitbetätigung bewegt. Eine sogenannte Blase. Was meine Blase sein könnte, wusste ich damals nicht. Ich habe ja nur ein Buch geschrieben, poste regelmäßige Beiträge und Reels über meine Trauer auf Instagram, bin kreativ in Canva und habe mir die Grundzüge von WordPress selbst beigebracht – keine große Sache. Nichts, womit ich denke, Geld verdienen zu können.
Doch mein Leben scheint einen Plan zu haben. Zug um Zug kickt es meine immer noch wahllos aufgestellten „Schachfiguren“ vom Brett. Meine Trauer hat es sich mal wieder auf meiner Couch gemütlich gemacht und blickt nur ab und an zu unserem Spiel. Leise höre ich sie auf ihr Handy tippen. Wahrscheinlich benutzt sie genau diese Situation wieder für einen ihrer Kurse an der TU – der Trauer Universität. „Planlos leben“ oder so wird der Kurs heißen. Mit Titeln, die sich gut verkaufen, hat es meine Trauer nicht so, dafür hält sie ihre Kurse mit ganz viel Liebe und diese sind immer restlos ausgebucht.
Mein Leben hat wieder Farbe bekommen. Ich sehe es nun wieder ganz deutlich vor mir sitzen. Das gelbe T-Shirt beißt sich mit der roten Weste. Dazu hat es eine hell-lila Hose an. Ich muss grinsen. Meine innere Perfektionistin scheint nicht auf mein Leben übergesprungen zu sein.
„Was grinst du so?“ Mein Leben hat auch wieder seine Sprache gefunden und hält kurz inne.
„Nichts, nichts.“ winke ich ab. Erstaunt stelle ich fest, dass ich mittlerweile nur noch eine Figur auf meinem Brett stehen habe. Mein Leben hält ebenfalls nur noch eine Figur in der Hand. Ungläubig sieht es mich erst an, dann die Figur. Es kneift die Augen zusammen und liest langsam das Firmenlogo vor.
„NURIA? Schon wieder?“
„Nein, nein. Nicht die Nuria, eine andere. Aber auch Coaching und so.“
„Nein!“ Entschieden kickt mein Leben Nurias Figur vom Brett. „Schachmatt!“
Mein Leben hat gewonnen.
Stolz setzt mein Leben die letzte Figur vor mir ab. Ich nehme sie in die Hand und lese, was darauf steht: „Schreiben, kreativ sein, Social Media und Kundenkontakt.“
„Was? Das gibt’s doch nicht!“
„Doch!“ Mein Leben springt nun auf und vollführt einen Freudentanz, dabei kippt der Couchtisch um und alle Figuren samt Brett landen auf dem Boden. Ich muss kurz daran denken, dass meine Mutter immer die Geschichte erzählt hat, wie mein großer Bruder sich beim Brettspiel so geärgert hat, wenn er verlor, dass er – aus Wut – das gesamte Brettspiel an die Wand geknallt hat, heulend vom Tisch aufgestanden ist und sich in sein Zimmer gesperrt hat.
Eine Träne kullert mir die Wange herunter. Sofort ist meine Trauer bei mir und streichelt mir sanft die Schultern. „Freust du dich denn gar nicht? Ich meine über den neuen Job?“
Ich wische mir die Tränen weg: „Doch, doch. Es ist nur wieder so ein Meilenstein in meinem Leben, bei dem meine Mutter fehlt.“
„Ich verstehe.“ Meine Trauer legt kurz den Kopf zur Seite, so als würde sie jemandem konzentriert zuhören. Ich kenne das schon. So empfängt meine Trauer ihre „Anleitungen“. Welche Quellen sie hat, hat sie mir bis heute nicht verraten.
Meine Trauer nickt kurz und sieht mich dann mit diesem Blick an, von dem ich weiß, dass was sie sagen wird, mir nicht gefallen wird.
„Lass uns einen Brief schreiben!“ Meine Trauer klatscht freudig in die Hände.
„Einen Brief?“ Atemlos lässt sich nun auch mein Leben wieder zu uns auf den Teppich sinken.
„Was ist los?“ fragt es meine Trauer und mich.
„Irene kann sich nicht so recht über den neuen Job freuen, weil sie die Nachricht nicht mit ihrer Mutter teilen kann.“
„Hey! Ich kann für mich selbst sprechen.“ Ich stupse meine Trauer in die Seite: „Ich war nur einfach noch nicht so weit.“
„Okay! Bitte entschuldige.“
Meine Trauer nimmt mein Notizbuch, in das ich täglich schreibe, und drückt mir einen goldenen Füller in die Hand. Dieser Füller hat mir schon mal das Leben gerettet, damals als ich…
„Schreib lieber, Irene, als diesen alten Geschichten hinterherzuhängen.“ flüstert mir meine Trauer leise, aber bestimmt ins Ohr.
„Liebe Mama,“ beginne ich, und in meiner Nase beginnt es sofort zu kribbeln und meine Augen füllen sich mit Wasser, so dass meine Schrift verschwimmt. Ich schreibe weiter: „Morgen beginnt ein neuer Abschnitt in meinem Leben. Ich hoffe, du bist stolz auf mich und freust dich für mich. Ich bin es und tue es.“
Eine Träne läuft mir die Wange herunter und landet mit einem fetten Klatscher auf dem Wort „stolz“, was jetzt eher wie „stooooooooolz“ aussieht.
„Es ist einfach so traurig.“ schniefte ich. „Seit Jahren ist sie bei keinem meiner wichtigen Ereignisse da. Von der Abifeier bis zur letzten Trennung. Alles muss ich alleine machen.“ Hastig wische ich mir die Tränen von den Wangen. Scheiß Tränen immer. „Wieso fühle ich das dieses Mal so stark? Diese Traurigkeit, dass sie nicht da ist?“
Meine Trauer zuckt mit den Schultern: „Weil es halt auch einfach traurig ist.“ Sanft legt sie ihren Arm um mich und zieht mich an sich. „Wein ruhig noch ein bisschen, wenn du magst.“ Meine Schultern beginnen zu zucken, wie immer, wenn mich eine kleine Welle erwischt, so als würde mein Körper versuchen, mir zu helfen, mich freizuschwimmen. „Weißt du …“ flüstert meine Trauer „in gewisser Weise ist deine Mama ja doch da…“
„Wie meinst du das?“
Mein Handy klingelt und reißt mich aus meiner Schwimmstunde auf dem Trockenen.
Caller ID: Meine Tante, die Schwester meiner Mutter.
