33 Knoten – oder meine Nahtoderfahrung
„Hier ist es sehr, sehr stürmisch“, sagt die Yogalehrerin in ihrer Instagram-Story. Ihre Matte fliegt über den Balkon, gefolgt von Malsachen und Klamotten. Ein Tag vor meinem Abflug nach Ikaria, einer kleinen griechischen Insel, bekannt geworden durch die Netflix-Serie „Die Geheimnisse der Blauen Zonen“.
Ein dunkles Ziehen breitet sich in meinem Bauch aus. Die Fluggesellschaften werden schon wissen, was sie tun – oder? Wenn sie den Flug canceln, nehme ich eben den nächsten. Alles halb so wild, beruhige ich mich.
Also los: Flug München – Athen. Alles verläuft reibungslos. Rot-gelber Sahara-Staub hängt über der Stadt, die Luft ist schwer, die Stimmung unheilvoll. Der Flughafen in Athen ist ein eigener Kosmos – erinnert mich fast an Dubai. Hier treffen alle Schichten aufeinander. Ein Pope (so nennt man die griechischen Priester) verlässt die Business Lounge – neben der ich verschwitzt, müde und hungrig an einer Flughafen Steckdose mein Handy auflade. Dass ich selbst Zugang zur Lounge gehabt hätte, fällt mir erst später ein.
Mein Flug nach Ikaria wird aufgerufen. Ich gehe langsam zum Gate. Dann: warten. Rauchen. Toilette. Wieder warten. Mein kleines Ritual gegen mein „Flugängstchen“, wie ich sie nenne.
Endlich fährt der Bus zum Flieger. Oder doch nicht? Warten. Diesmal im Bus. In der Yoga-WhatsApp-Gruppe trudeln Nachrichten ein: Gepäck wird nicht durchgecheckt, Flüge verspätet. Ich gehe in den Flugmodus.
Als der Bus vor dem Flieger stoppt, wird mir übel. Eine kleine Propellermaschine, etwa 80 Sitze. Enge. Keine Luft. Mir wird noch schlechter. Ich quetsche mich mit meinem Koffer durch den Gang, lasse mich in meinen Platz fallen. Erleichtert. Noch.
Beim Start scheint alles normal. Ich setze meine Kopfhörer auf, „Calming music for anxiety“. Ich bin eine nervöse Fliegerin. Ich versuche, das Ruckeln zu ignorieren, die Anschnallzeichen, die Durchsagen, die ich sowieso nicht verstehe. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Und dann beginnt es.
Ein erstes Luftloch – ich hüpfe aus dem Sitz. Dann noch eins. Und noch eins. Der Flieger schwankt von links nach rechts. Es fühlt sich so an, als würden wir gegen eine Wand fliegen. Ich kralle mich am Vordersitz fest. Muss an Harry Styles denken. Wechsle zu meinem Lieblingsalbum von ihm.
Als ich aufs Handy schaue, fällt mein Blick aufs Meer unter uns. Tiefblau. Beton. Kein liebliches Griechenland-Meer.
In mir ein klarer Gedanke:
Das war’s jetzt. Ich werde hier und jetzt sterben.
Ein Friede durchströmt mich, wie ich ihn noch nie gespürt habe. Kein Film meines Lebens. Den hatte ich schon – beim Ausräumen der Wohnung meines verstorbenen Vaters, als meine Kindheit an mir vorbeizog.
Jetzt ist da etwas anderes: Wärme. Etwas wartet auf mich. Als würde ich zurückkehren in einen Mutterschoß. Golden. So übersetzt es mein Gehirn.
Vielleicht sind wir schon kurz vor Ikaria, denke ich. Ich habe manchmal diese Fähigkeit, Orte zu spüren, bevor ich sie sehe. In einem Bericht hatte ich gelesen, dass dort ein Matriarchat herrscht. Also passt die Energie doch, denke ich.
Die Knöchel meiner Hände sind weiß. Ich öffne die Augen. Emergency Exit. Mein Blick fällt auf die Flugbegleiterin – kreidebleich unter dem Make-up. Der Mann vor mir, eben noch cool mit dem Handy, wackelt nur noch mit dem Flieger mit. Irgendwo wird laut auf Griechisch gebetet.
Hört das nie auf?
Ich versuche, nicht in die Panik zu gehen. Wiederhole innerlich: Vertrau auf den Piloten. Stavros, Nikos, Stefanos, Konstantinos – wie auch immer er heißt. Vertrau. Vertrau. Vertrau.
Dann beruhigt sich der Flieger. Die Crew serviert Saft und Kekse. Ah, denke ich, jetzt sind wir gleich da. Die Griechen fragen die Flugbegleiterin etwas. Sie antwortet nur: „We are okay.“
Wir setzen zur Landung an. Ich atme auf. Endlich Ikaria.
Wir steigen aus. Ich bin mehr als benommen. Im Bus spricht mich ein Mann an:
„Wie geht’s Ihnen jetzt – zurück in Athen?“
„Athen?“, frage ich.
„Ja, wegen des Sturms sind wir umgekehrt. Haben Sie das nicht mitbekommen?“
„…Nein.“
Ich treffe die anderen Yoginis. Alle dachten, sie würden sterben. Gemeinsam stehen wir am SkyExpress-Schalter, warten fünf Stunden auf den Transfer ins Hotel – irgendwo in Athen. Um Mitternacht liege ich auf einer harten Matratze und denke:
Das war nicht die Energie von Ikaria. Das war der Ort, an den wir gehen, wenn wir sterben.
Ein goldener Ort. Warm. Voller Liebe.
Und plötzlich weiß ich:
Dort sind auch meine Eltern.
Später erfahre ich, dass der Sturm 33 Knoten stark war – das ist nicht einfach nur Wind. Das ist die Art von Sturm, bei der in Deutschland Bäume brechen, Dächer fliegen und niemand freiwillig in ein Flugzeug steigt.
