Der Traum vor der Beerdigung

In der Nacht vor der Beerdigung meines Vaters habe ich folgendes geträumt:

Ich trug meinen Neffen auf dem Arm. Er lag ganz leicht in meinen Armen, obwohl er schon sieben Jahre alt ist. Seine blonden Haare kitzelten mich am Hals. 

Ich ging mit ihm eine Treppe runter, fast als würden wir in ein altes Kino gehen. Neben mir mein großer Bruder. Vor mir taucht eine Tür auf. Von links tritt ein großer, ganz in schwarz gehüllter Mann in mein Blickfeld. 

„Ist das deiner?“ fragt er mich freundlich. 

„Warum willst du das wissen?“ lacht mein Bruder ihn an und nimmt mir seinen Sohn aus den Armen. 

Der Fremde lächelt mich freundlich an. Mein Blick fällt auf seinen Mantel, der sehr abgetragen aussieht und fast bis zum Boden reicht. Er trägt diese Handschuhe ohne Finger, deren Sinn ich noch nie verstanden habe. Seine Ohren sind von einem schwarzen Schal umwickelt, nur eine blonde Haarsträhne lugt darunter hervor. Er sieht extrem gut aus. Seine Nase erinnert mich an die von griechischen Statuen. 

Seltsamerweise habe ich keine Angst. Im Gegenteil, der Fremde fühlt sich seltsam vertraut an. Normalerweise fühle ich zu anderen Menschen immer eine gewisse Art von Distanz, eine Mauer, aber bei ihm fühlt es sich so an, als gäbe es diese Mauer nicht. 

In der nächsten Szene in meinem Traum sitzen wir an einem Tisch in einem Café. Zwei Tassen Tee dampfen vor uns. Eins dieser alten Handys liegt vor dem Fremden auf dem Tisch. Ich habe intuitiv verstanden, dass er obdachlos ist. Seine Art zu sprechen ist allerdings die eines gebildeten Mannes, sein Blick klar und auf mich gerichtet. 

Ich möchte ihm ein Dach über dem Kopf anbieten. Möchte helfen und weiß doch, dass ich es nicht kann. Unser Gespräch dreht sich um die bevorstehende Beerdigung. Ich habe nicht mehr viel Zeit, bevor ich los muss. 

Ich muss weiter. Muss meinen Vater verabschieden. Mein letzter Blick in diesen Traum fällt auf das alte Handy des Fremden. Ich möchte ihm meine Nummer geben, so dass wir uns wieder sehen können. 

Im nächsten Moment wache ich auf. Es ist Zeit. 

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